Eine Atomrakete rast auf die Vereinigten Staaten zu, weder die Herkunft noch das genaue Ziel sind bekannt.
Die Mitarbeiter des Weißen Hauses unter Leitung des Präsidenten müssen sich nun mit dieser Bedrohung auseinandersetzen und innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen, die für den Rest der Menschheit den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten könnten …
„Ich habe da einen Podcast gehört“, sagt der Präsident an Bord seines Helikopters Marine I drei Minuten, bevor der Nuklearsprengkopf in Chicago einschlägt. „Da hieß es, das ist, als hätte wir ein Haus voller Dynamit gebaut, voller Bomben und voller Pläne und die Wände sind kurz davor zu explodieren. Aber wir wohnen weiter darin.“ Dann weiß er auch nicht weiter.
Niemand in diesem Film weiß so recht weiter. Das ist der Albtraum, den Kathryn Bigelow (Detroit – 2017; Zero Dark Thirty – 2012; "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" – 2008; K-19 – Showdown in der Tiefe – 2002; Strange Days – 1995; Gefährliche Brandung – 1991; Blue Steel – 1990; Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis – 1987) entfesselt. Wir erleben das Scheitern aller militärischen Planspiele, aller behaupteten Professionalität, aller scharfen Gnadenlosigkeit in Sachen atomarer Gegenschlag. Da sind zwar viele schöne Telefone mit vielen Verteilertasten und bunte Monitore und rückwärts laufende Uhren und super Technik, die sekundengenau anzeigt, dass da in „jetzt noch 16 Minuten, Sir“ diese Atomrakete einschlagen und zehn Millionen Menschen im Großraum Chicago vaporisieren wird. Aber vor dieser Technik stehen nur Menschen mit Ängsten, Eitelkeiten und Größenwahn, die einen Apparat zum Leben erwecken, der keinen klaren Gedanken fassen kann.
Der Film startet bei Captain Olivia Walker am sehr frühen Morgen, die gerade versucht, ihren fiebernden kleinen Jungen zu trösten. Ihr verschlafener Mann kommt dazu, ein freundliches Gespräch, was zu tun ist. Dann fährt sie in ihre Arbeit. Sie ist Senior Duty Officer im Situation Room des Weißen Hauses, wo Geheimdienstinformationen und Satellitenbilder zusammenlaufen, um Gefahrensituationen frühzeitig erkennen und bewerten zu können. Die Atomrakete, die da plötzlich auf dem großen Bildschirm auftaucht, mag niemand so recht ernst nehmen, niemand kann auch sagen, woher die eigentlich kommt, wer die denn abgeschossen haben könnte. Nordkorea könnte es sein. Oder vielleicht sind die Iraner doch schon weiter mit ihrem Atomprogramm, als die CIA immer behauptet hat? Oder waren es doch die Russen? Schwer zu klären, wenn nur 19 Minuten bis zum Einschlag bleiben.
Die Kamera bleibt die nächsten 20 Minuten bei Captain Walker und ihren Leuten. In diesen 20 Minuten werden alle zuständigen Männer (und eine Frau in Tarnfleck) zusammengeschaltet. Neben Olivia Walker lernen wir verschiedene weitere Protagonisten kennen. Von Soldaten, die in Alaska das Raketenabwehrsystem steuern, bis zum Verteidigungsminister und dem Präsidenten, der von Idris Elba gespielt wird ("Heads of State" – 2025; Thor: Love and Thunder – 2022; The Suicide Squad – 2021; Fast & Furious: Hobbs & Shaw – 2019; Avengers – Infinity War – 2018; Molly's Game – 2017; Der Dunkle Turm – 2017; Star Trek: Beyond – 2016; Bastille Day – 2016; Thor – The Dark Kingdom – 2013; Pacific Rim – 2013; Prometheus – Dunkle Zeichen – 2012; Ghost Rider: Spirit of Vengeance – 2011; American Gangster – 2007) und erst im letzten Drittel auftaucht; vorher bleibt er eine schwarze Zoom-Kachel mit ausgeschalteter Kamera. Die Verbindung ist schlecht. Der Abschuss der bedrohlichen Atomrakete geht schief, „Es ist, als würde man versuchen, eine Kugel mit einer Kugel zu treffen“, erklärt ein Offizier und der Verteidigungsminister wundert sich, dass man für 50 Milliarden Dollar keine präziseren Waffen im Arsenal hat. Nach 20 Minuten sehen wir auf dem Monitor in Großaufnahme, dass die Atomrakete Chicago erreicht hat.
Die Leinwand wird schwarz.
Im nächsten Bild sehen wir Jake Baerington, einen jungen Beamten im Fond einer Dienstlimousine, der schon seine nächsten Karriereschritte in Washington plant. Die Uhr im Film ist zurückgedreht. Wir erleben den selben Krisenfall nochmal, jetzt aber aus seiner Perspektive, er ist der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater. Wieder nach 20 Minuten hat die Rakete Chicago erreicht, Leinwand schwarz, Aufblende, jetzt sind wir im Weißen Haus und verfolgen den Alltag des US-Präsidenten, der auf dem Weg zu Basketballkindern ist, ein PR-Termin, als ihn die Nachricht mit der Atomrakete erreicht.
Ein drittes Mal bleiben 20 Minuten Zeit für Entscheidungen, während POTUS in seinem gepanzerten Wagen zu seinem Hubschrauber gefahren wird, in dem er den erst der 20 Minuten sitzen wird – an seiner Seite nur ein junger Lieutenant Commander – Robert Reeves, der Mann mit dem "Football", in dem alle nuklearen Abschusscodes jederzeit für den Präsidenten griffbereit stecken. Hier und jetzt soll er binnen weniger Minuten eine Entscheidung treffen, die wahrscheinlich die ganze Welt in Brand setzen wird.
in diesen 20 Minuten werden wir dreimal Zeuge eines beeindruckenden Schauspiels, einem Schauspiel von beeindruckender Hilflosigkeit, schwindender Hoffnung und gespreizter Besserwisserei. Bigelows Szenario: Ausgestattet mit modernster Hightech wird der Mensch im atomaren Ernstfall seine letzten Minuten in Zoom-Meetings sitzen und sich um Autoritäts- und Hierarchiefragen streiten. Jeder Berater sieht nur sein Förmchen im Sandkasten; um aus all diesen Förmchen die stabile Sandburg zu formen und die Entscheidung zu formulieren, ist allein der Präsident zuständig, auch wenn der gerade noch mit Kindern Basketball gespielt hat. Sein stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater Baerington rät dem Präsidenten zur Zurückhaltung, womöglich wäre die bedrohliche Atomrakete ja eine Art Unfall und jeder atomare Gegenschlag – und gegen wen überhaupt? – hätte verheerende Folgen. Dagegen rät STRATCOM-Kommandeur General Brady, prophylaktisch alle theoretisch infrage kommenden Gegner ebenfalls mit Nuklearbomben anzugreifen. Es erinnert beunruhigend an Stanley Kubricks Satire Dr. Seltsam oder: Wie ich lerne die Bombe zu lieben von 1968. Allerdings erzählt Kathryn Bigelow keine Satire.
Bigelow erzählt in nüchternen Bildern, viele Großaufnahmen von Gesichtern in enger Kadrierung, was die Beklemmungen verdeutlich, in denen die Protagonisten stecken. Der Score hält sich zurück, unterstreicht punktiert die innere Unruhe aller. Der Bildschnitt ist präzise, keine Sequenz steht zu lang, nie verfällt Bigelow dem Drang, mittels schneller Schnitte Hektik künstlich zu erzeugen. Der Stress, unter dem alle stehen, ist auch so allgegenwärtig, auch im Kinosessel. Bigelow sieht "A House of Dynamite" nach "The Hurt Locker" und Zero Dark Thirty als Teil einer Art Trilogie über die Mechanismen des US-Machtapparats.
Dieser Machtapparat ist bei ihr nie ein kühl funktionierendes, auf theoretischen Simulationsübungen aufbauendes System. Dahinter stecken immer Menschen, die den Abzug betätigen, den Knopf drücken, die finale Entscheidung treffen müssen. Und die warten im Zweifel lieber auf einen, der ihnen die Verantwortung aus der Hand nimmt.
In diesen unruhigen Zeiten – Putin in der Ukraine, Ji will Taiwan, Trump Grönland – ist dieser Film in dieser Welt, diesem „Haus voller Dynamit“ eine beunruhigende, realitätsnahe Vision.
