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Plakatmotiv: Harte Ziele (1993)

Der Choreograph der Gewalt gibt ein
beeindruckendes Hollywood-Debut

Titel Harte Ziele
(Hard Target)
Drehbuch Chuck Pfarrer
Regie John Woo, USA 1993
Darsteller

Jean-Claude Van Damme, Lance Henriksen, Yancy Butler, Chuck Pfarrer, Robert Apisa, Arnold Vosloo, Wilford Brimley, Douglas Rye, Mike Leinert, Lenore Banks, Willie C. Carpenter, Barbara Tasker, Kasi Lemmons, Randy Cheramie, Eliott Keener, Robert Pavlovich, Marco St. John, Joe Warfield, Jeanette Kontomitras u.a.

Genre Action
Filmlänge 97 Minuten
Deutschlandstart
23. Dezember 1993
Inhalt

Die junge Natasha zieht auf der Suche nach ihrem Vater Douglas Binder durch New Orleans Straßen. Dabei steht ihr Chance Bodreaux zur Seite – ein arbeitsloser, schlagkräftiger Matrose. Für 217 Dollar, mit der er seine Schulden bei der Gewerkschaft bezahlen will, um wieder an Jobs zu kommen, will er zwei Tage lang ihren Schutzpatron spielen.

Natasha erfährt von dem Tod ihres Vaters, der die letzte Zeit auf der Straße gelebt hat und angeblich bei einem Brand ums Leben kam. Durch eigene Nachforschungen finden die beiden aber heraus, dass Douglas Binder einer Gruppe Menschenjägern auf den Leim gegangen ist, die vom reichen Emil Fouchon geführt wird und Obdachlose mit Bargeld und die Aussicht auf ein besseres Leben anlockt um diese als lebende Zielscheibe für ihre Jagdspiele zu benutzen.

Nun werden Chance und Natasha selber zur Zielscheibe …

Was zu sagen wäre

Okay, das ist schnell geklärt: Die Story ist haarsträubend, Jean-Claude Van Damme ist immer noch kein Schauspieler, die Frauen sind hier schmückendes Beiwerk, sinnlose Gewalt wird gefeiert. Punkt. Aber die Actionszenen sind grandios.

Das mit den Actionszenen liegt daran, dass hier nicht irgendein B-Movie-Regisseur mal 18 Millionen US-Dollar Produktionsbudget verballern durfte, weil ein Studio vor Jahresfrist wegen der Steuern noch Ausgaben in die Bücher notieren musste. Hier gibt John Woo, gefeierter Actionfilm-Guru aus Hongkong sein Debut in Hollywood. Der Regisseur, der ursprünglich Priester werden wollte, ist mit einer Reihe von Gangsterfilmen als Ästhet der Gewalt in Erscheinung getreten ("Hard Boiled" – 1992; "Killer Target" – 1991; "Bullet in the Head" – 1990; "The Killer" – 1989; "City Wolf" – 1986). Woo inszeniert Brüder oder best Buddies als unerbittliche Gegner, die sich im direkten Duell Face to Face gegenübertreten und ballern, was das Zeug hält. Er spielt mit der Zeitlupe, lässt weiße Tauben fliegen und Menschen sich mit allem jagen, was einen Motor hat. Und das in einer streng durchkomponierten Action. Mit diesen Vorzeichen können wir uns "Hard Target" nochmal neu vorknöpfen.

Die Story ist haarsträubend. Figuren und Handlung erinnern eher an ein Comic, denn an richtiges Leben. Sie dient nicht als Treiber des Films, sondern als Rahmen für einen genau kalkulierten Film, in dem jedes Bild seinen Platz hat. Es ist kein hirntotes Geballer. Die Comicstory hat eine tragische, ja gesellschaftskritische Note. Woo, der in China geboren wurde und mit fünf Jahren mit den Eltern vor den Kommunisten nach Hongkong floh, kennt sich aus mit dem Kapitalismus. Hongkong ist geprägt davon. Die USA sind es auch und in Louisiana, wo Woo seine Geschichte ansiedelt, erkennt er eine fruchtbare Mischung aus zügellosem Kapitalismus und französischem, durch lässige Korruption verunstaltetes Laissez-Faire: In New Orleans machen ein paar Reiche Jagd auf Obdachlose und die Polizei entsorgt hinterher unauffällig für ein üppiges Entgelt die Leichen. Einmal rennt eines dieser obdachlosen Menschenopfer durch die fröhlich gestimmte Canal Street, in der das Partyvolk seiner Lust nachgeht. Der Mann bettelt um Hilfe, fleht, schreit, aber niemand hilft, einige Partytouristen stoßen den Mann empört zur Seite, er solle verschwinden. Da wird dem Mann klar, dass sich absolut niemand um ihn schert, ob er lebt oder stirbt; wir erkennen seine absolute Einsamkeit noch Popcorn kauend im Kinosessel. Der Mann stellt sich mitten auf die Canal Street, aus den Kneipen und Bars dringt fröhliche Dixiemusik, und lässt sich von mehreren Kugeln aus automatischen Gewehren durchlöchern. Eine herbe Szene, die einem das Popcorn im Hals stecken bleiben lässt.

Diese in ihrer anrührenden Melancholie unerwartete Szene gibt dem Actionfilm eine Tiefe, die Genrevertreter wie Lethal Weapon oder Die Hard, die heute schon als Klassiker gelten, nicht einmal anstreben. Und hier sind wir in einem Film mit Jean-Claude Van Damme, dessen Filme nicht für smartes Entertainment bekannt sind, eher für explosive Prügelei (Last Action Hero – 1993; "Ohne Ausweg" – 1993; Universal Soldier – 1992; "Geballte Ladung" – 1991; "Leon" – 1990; "Cyborg" – 1989"). Wahrscheinlich hat John Woo Van Damme deswegen besetzt. Ein Schauspieler ist er tatsächlich nicht, aber ein gelernter Poser – Van Damme ist im Balletttanz und in Karate ausgebildet. Woo nutzt das, inszeniert nicht den kaum talentierten Schauspieler Van Damme, sondern den ausgebildeten Poser, der in diesem Helden-Comic in Großaufnahme mit gesenktem Kopf und starrem Blick nach vorn ehern wie das marmorne Standbild eines alten Meisters wirkt, ähnlich wie Arnold Vosloo (1492 – Die Eroberung des Paradieses – 1992), der einen der Schurken spielt. Woo nutzt Van Dammes variantenreiche Kampftechnik so effektiv wie niemand vor ihm. Unter seiner Regie avanciert der Belgier mit der öligen VoKuHiLa-Frisur zum Primoballerino des Actionkinos. Die weibliche Hauptrolle spielt Yancy Butler. Sie macht große Augen, weint schockiert, als es Leichen gibt und ist alles in allem (s.o.) schmückendes Beiwerk.

Der Gegenspieler des Helden, der seit Die Hard am besten ein kultivierter Europäer ist, ist hier ein kultivierter, aber cholerischer (wahrscheinlich) Franzose, Emil Fouchon, gespielt von Lance Henriksen (Jennifer 8 – 1992; Alien 3 – 1992; "Johnny Handsome – 1989; "Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis" – 1987; Aliens – Die Rückkehr – 1986; "Das Messer" – 1985; Terminator – 1984), der seinen Fouchon gerne musikalisch am Flügel entspannen lässt, bevor er wegen irgendeiner Nichtigkeit einen Wutanfall bekommt. Henriksen hat ein Schurkengesicht par excellence – vor allem deswegen wird ihn der Ästhet Woo, der visuell nichts dem Zufall überlässt, besetzt haben – aber weniger Cholerik wäre hier mehr gewesen. Sein steinreicher, skrupelloser Schurke ist nah am Rumpelstilzchen gebaut. Er verbreitet weniger Angst als genervtes Augenrollen im Kinosessel.

Ja, die Gewalt ist sinnlos. So sinnlos wie die Story. Aber das hatten wir ja schon. John Woo nutzt all diese Elemente – Comic, Poser, Ballett, schmückende Frauen, Hubschrauber, Motorräder und Explosionen – für ein prachtvoll choreographiertes Actionballett, das Spaß macht. Über Gewalt im Film braucht man bei diesem Action Painting nicht zu diskutieren. Wie wär's statt dessen über die Fallstricke des Kapitalismus?

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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