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Plakatmotiv: Grand Prix (1966)

Rasante Achterbahn ohne
Tiefgang in Cinemascope

Titel Grand Prix
(Grand Prix)
Drehbuch Robert Alan Aurthur
Regie John Frankenheimer, USA 1966
Darsteller

James Garner, Eva Marie Saint, Yves Montand, Toshirō Mifune, Brian Bedford, Jessica Walter, Antonio Sabato, Françoise Hardy, Adolfo Celi, Claude Dauphin, Enzo Fiermonte, Geneviève Page, Jack Watson, Donald O'Brien, Jean Michaud, Albert Rémy, Rachel Kempson, Ralph Michael u.a.

Genre Drama, Action
Filmlänge 176 Minuten
Deutschlandstart
13. Oktober 1967
Inhalt

Der amerikanische Grand-Prix-Fahrer Pete Aron wird nach einem Crash in Monaco, bei dem sein Teamkollege Scott Stoddard verletzt wurde, aus dem Jordan-BRM-Team geschmissen. Aron muss ich jetzt als Fernsehreporter durchschlagen.

Der in der Punktwertung führende Jean-Pierre Sarti steuert nun unangefochten seinem zweiten Weltmeistertitel entgegen. Doch als Sarti sich in die amerikanische Journalistin Louise Frederickson verliebt, spielt er mit dem Gedanken, den mörderischen Job an den Nagel zu hängen, und verliert ein Rennen nach dem anderen. Agostini Manetta, der mächtige Chef des Ferrari-Teams, bemerkt sofort, dass sein Spitzenfahrer nicht mehr den rechten Biss hat, und setzt Sarti unter Druck.

Als Stoddard sich von seinen Verletzungen schnell erholt und Aron überraschend einen Platz im Team des japanischen Motorenherstellers Izo Yamura übernimmt, ist der Kampf um den Titel plötzlich wieder offen. Doch kurz nach dem Start zum Grand Prix von Italien kommt es zu einer Katastrophe …

Was zu sagen wäre

Wenn man bedenkt, was diese Rennfahrer nach dem rennen auf ihren Parties an Champagner, Bier und harten Spirituosen weg kippen, ist es erstaunlich, dass es in der Formel 1 nicht mehr Unfälle mit Todesfolge zu beklagen gibt.

Im realen Leben vergehen zwischen zwei Rennen mehrere Tage oder Wochen, da baut sich Alkohol im Körper auch wieder ab. John Frankenheimer bleibt in seinem Film "Grand Prix" aber auf der Rennbahn, in den Autowerkstätten, in den Hotels der Fahrer. Ein irgendwie privat geartetes Leben zwischen den Rennen findet nicht statt. Plakatmotiv: Grand Prix (1966) Das personifiziert sich in der Person der Monique Delvaux-Sarti, Tochter aus reichem industriellen-Haus und rechtmäßig angetraute Ehefrau des chancenreichen Ferrari-Fahrers Jean-Pierre Sarti. Im Film taucht sie erst ganz am Schluss als Mensch aus Fleisch und Blut auf, Geneviève Page spielt sie (El Cid – 1961; Die fünfte Kolonne – 1956; Fanfan, der Husar – 1952). Vorher wird sie lediglich mal erwähnt als Hindernis, welches der Liebesgeschichte von Jean-Pierre mit der amerikanischen Journalistin Louise Frederickson im Wege stehen könnte. Also, Privatleben findet nicht, oder nur ganz am Rande statt. Der Film ist seinem Titel verpflichtet: Es geht um die Rennen.

John Frankenheimer (Der Mann, der zweimal lebte – 1966; Der Zug – 1964; "Sieben Tage im Mai" – 1964; Botschafter der Angst – 1962; Der Gefangene von Alcatraz – 1962) rückt den Rennfahrern und ihren Wagen ganz eng auf die Pelle. Der Zuschauer spürt den Rausch der Geschwindigkeit, das Tempo, die tödliche Unübersichtlichkeit mancher Rennszenen. Um so nahe ranzukommen an die Formel 1, schloss Frankenheimer Exklusivverträge mit vielen echten F1-Fahrern. Bei der Produktion wurden Studioaufnahmen mit Fernsehbildmaterial von den Rennstrecken zusammengeschnitten. Dafür stand in den meisten Fällen nur der Zeitraum um die Rennwochenenden zur Verfügung. Mitfahren auf der Strecke durfte ein zum Kamerawagen umgebauter Ford GT40 Sportwagen mit 4,7-Liter-V8. Der und ein offenbar unerschrockener Kameramann im Hubschrauber liefern spektakuläre Bilder als Meditation von Schnell. Frankenheimer war selbst das nicht schnell genug, immer wieder greift er auf die Split-Screen-Technik zurück, um parallel laufende Ereignisse, mehrere auf das Go beim Startvorgang wartende Gesichter, Nase an Nase nebeneinander her brausende Boliden gleichzeitig auf der Cinemascope-Leinwand zu zeigen.

Visuell ist der Film einer aus der Kategorie Historisch, vergisst man nicht mehr. Inhaltlich eher nicht so.

Die Menschen, die diese Rennautos fahren, ihre Frauen/Freundinnen/Gespielinnen spielen eine untergeordnete Rolle, sind notweniger Ballast, um den rasanten Bildern auf der Leinwand einen Sinn zu geben.

Es geht um: Männer! Das geht es im US-Kino ganz oft. Im Western etwa sind es die Männer, die die Wildnis urbar machen, die final frontir nach Westen verschieben. Aber sie haben dabei immer einen Grund – Land urbar machen, Lebensraum erschließen – und sie wissen auch, dass sie das ohne "ihre" Frauen nie hinbekämen. Oder vielleicht auch gar nicht erst damit anfangen würden. Die Rennfahrer in John Frankenheimers Film können für das, was sie tun, keinen einzigen Grund nennen. Den einen lockt der Rausch, der zweite kann so am besten zeigen, was für ein Hengst er ist, um dann die schönen Frauen vom Pistenrand, vulgo: aus der abendlichen Party, zu pflücken. Plakatmotiv: Grand Prix (1966) Sarti, der schon Weltmeister war, erkennt nach ein paar rasenden Unfällen auf der Piste – die trotz des Wissens darum, dass es sich um einen Spielfilm handelt, Beklommenheit beim Zuschauer ob des Realismus' auslösen – das Tier im Menschen, der gierig blutige Gesichter, brennende Autos, tote Rennfahrer für die Öffentlichkeit fotografieren will. Yves Montand spielt den Zweifler als charmanten Draufgänger, der außer dem Rausch des Sieges nichts kennt (Brennt Paris? – 1966; Machen wir's in Liebe – 1960; Lohn der Angst – 1953).

Er verliebt sich in eine Frau, die mit Siegen wollen, mit schnellen Autos nichts anfangen kann und sich vom Macho in der feuerfesten Kleidung erst mal fragen lassen muss, wieso sie nicht verheiratet ist. Die selbständige Journalistin, die ein von Männern unabhängiges Leben führt, ist in diesen Kreisen, in denen Frauen auch mal als Trophäe verstanden werden, fremd. Eve Marie Saint verkörpert diese frühe Emanzipation mit ihrer ikonischen Kurzhaarfrisur und deutlicher Ablehnung des männlichen Kampfverhaltens (Grand Prix – 1966; Exodus – 1960; Der unsichtbare Dritte – 1959; Die Faust im Nacken – 1954).

Im Zentrum all der kleinen, mit nur grobem Pinsel gezeichneten Dramen steht der strahlende Amerikaner, der durch ein emotional tiefes Tal muss, bevor er Weltmeister werden darf. James Garner (Gesprengte Ketten – 1963) spielt Peter Aron, ehemaliger Starfahrer bei Ferrari, der seit seinem Weggang dort kein Rennen mehr gewonnen hat, zwischenzeitlich wegen des großen Unfalls zu Beginn des Films aus seinem aktuellen Team geschmissen wurde und sich, einerseits geläutert, andererseits aber die zynischen Regeln des Motorsports akzeptierend, zurück kämpft. Dieser Pete Aron ist dem Formel-1-Piloten Richie Ginther nachempfunden, der Ende 1965 als Amerikaner den ersten Formel-1-Grand-Prix für das japanische Team Honda gewinnen konnte.

Diese menschlichen Dramen, die, in einem anderen Drehbuch verwoben, für jeweils einen eigenen Film reichen würden, halten in "Grand Prix" das große Ereignis, die bis dato nie gesehenen Bilder von der Rennstrecke, zusammen. Entsprechend einsilbig voller Klischees sind sie erzählt. Am deutlichsten wird das in der kippeligen Ehe des Fahrers Scott mit seiner Frau Pat, die Autorennen hasst. Nach dem schweren Unfall Scotts zu Beginn des Films zeigt sich Pat einerseits weiterhin angezogen von Scotts Willenskraft, lässt sich dann aber, während der noch im Krankenhaus liegt, scheiden für ein oberflächliches Verhältnis mit dem Erfolg verströmenden Peter Aron. Nachdem sich Scott mit seiner – erwähnten – Willenskraft zurück in die ersten Ränge fährt, kehrt Pat zu ihrem jetzt Ex-Mann zurück. Diese Erzählung hat das Niveau durchschnittlicher TV-Serien.

"Grand Prix" besticht also nicht durch ein kluges, gar mitreißendes Drehbuch. John Frankenheimer erweist mit diesem Film den Ursprüngen des Kinos seine Reverenz. Mit "Grand Prix" kehrt er zurück zu den Anfängen als Attraktion auf Jahrmärkten, wo Zuschauer einen Nickel zahlten, um zu erleben, wie eine Lokomotive über eine Kamera, also über die Zuschauer rollt.

Das erzeugte dieselbe Gänsehaut, die auf Jahrmärkten in den 1960er Jahren während der Entstehungszeit dieses Films eine Achterbahn auslöste. Die brauchte auch kein Drama, um körperliches Unwohlsein hervorzurufen.

Wertung: 6 von 8 D-Mark
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