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Plakatmotiv: Niagara (1953)

Die Angst der Hollywood-Produzenten
vor der starken, raffinierten Frau

Titel Niagara
(Niagara)
Drehbuch Charles Brackett + Walter Reisch + Richard L. Breen
Regie Henry Hathaway, USA 1953
Darsteller

Marilyn Monroe, Joseph Cotten, Jean Peters, Max Showalter, Denis O'Dea, Richard Allan, Don Wilson, Lurene Tuttle, Russell Collins, Will Wright u.a.

Genre Film-Noir, Thriller
Filmlänge 92 Minuten
Deutschlandstart
9. Oktober 1953
Inhalt

Polly und Ray Cutler holen ihre Flitterwochen auf der kanadischen Seite der Niagarafälle nach, wo sie im Motel "Rainbow Cabins" logieren. Hier lernen sie die attraktive Rose Loomis und ihren Mann George kennen. George war nach dem Koreakrieg in einer Nervenheilanstalt des Militärs und leidet noch immer unter den Kriegserlebnissen. Rose gibt vor, sich große Sorgen um ihren Mann zu machen. Bei einer Besichtigung der Niagarafälle sieht Polly sie jedoch in inniger Umarmung mit einem andern Mann, Ted.

Plakatmotiv: Niagara (1953)Rose und Ted haben einen Plan geschmiedet: Um ihren Ehemann loszuwerden, soll Ted ihm auf einem seiner einsamen Spaziergänge zu den Niagarafällen auflauern und ihn in einem unbeobachteten Moment erschlagen. Dann soll er ihn in die Fälle stürzen, sodass es wie ein Unfall aussieht.

Tatsächlich wird George kurz darauf vermisst. Wenig später wird eine männliche Leiche aus dem Wasser gefischt. Als Rose zur Identifizierung ihres Ehemannes ins Leichenschauhaus gerufen wird, bricht sie zusammen.

Wenig später entdeckt Polly George an den Niagarafällen. Sie will weglaufen, doch George hält sie fest und gesteht ihr, Ted in Notwehr getötet zu haben. Er bittet Polly, niemandem von seinem Überleben zu erzählen, und dass er woanders ein neues Leben ohne Rose beginnen will.

Als die Polizei bei den Cutlers erscheint und Fragen stellt, gesteht Polly jedoch, George Loomis lebend gesehen zu haben. Doch weder Ray noch die Polizei glauben ihr.

George hat von Polly erfahren, dass Rose nach einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus liegt. Von dort flieht Rose aus Angst vor der Rache ihres Mannes. Doch George entdeckt sie, als sie mit dem Bus von Kanada nach Chicago fahren will. Rose flüchtet in den Rainbow Tower, den Glockenturm in der Nähe der Fälle. George folgt ihr bis in die oberste Etage und erwürgt sie.

George stiehlt eines der Ausflugsboote, um in die Vereinigten Staaten zu flüchten. Mit ebendiesem Boot wollten die Cutlers mit Mr und Mrs Kettering zum Angeln fahren. Als er versucht, das Boot zu starten, kommt Polly an Bord. Sie will ihn von seinem Vorhaben abbringen und fordert ihn auf, sich der Polizei zu stellen. Doch George stößt sie weg.

Als sich die Polizei nähert, legt er ab. Nach kurzer Zeit geht das Benzin aus, das Boot wird von den Stromschnellen des Niagara erfasst und nähert sich den Wasserfällen …

                                             Plakatmotiv: Niagara (1953)

Was zu sagen wäre

Die Angst vor der Frau muss groß sein im von Männern beherrschten Hollywood-Kosmos. Die Zahl männermordender Frauen im Kino ist Legion – Mary Astor in Der Malteser Falke (1941) und Barbara Stanwyck in "Frau ohne Gewissen" (1944) sind wahllos heraus gegriffen. Während im wahren Leben auf den Straßen rund um die Lichtspielhäuser vor allem Männer Frauen töten, töten in diesen Lichtspielhäusern Frauen ihre Männer nicht nur, sie planen es so perfide, dass im Ernstfall andere – Männer natürlich – unter dem Galgen stehen.

Henry Hathaway, routinierter Regie-Handwerker im Studiosystem, erweitert das Panel gefährlicher Frauen ein bisschen: Bei ihm ist Marilyn Monroe die berechnende Furie, eine Frau, die auf der Leinwand bislang vor allem durch ihr markantes Äußeres gepunktet hat (Liebling, ich werde jünger – 1952; Alles über Eva – 1950; "Asphalt-Dschungel" – 1950). Die Idee, Monroe die ungewöhnliche Rolle zu geben, kam vom Studioboss Darryl F. Zanuck selbst. Die Drehbuchautoren fanden die Idee albern, aber Monroe freute sich über diese Abwechslung von ihrem üblichen Rollenschma. Und sie vollführt diesen Imagewandel nicht schlecht. Sie stakst in engem Kleid und High Heels durch die Wasserfallkulisse, als wäre nichts gewesen (Eine Szene, in der Monroe die Straße entlanggeht, wurde extra in Überlänge gedreht, um ihren berühmten Gang zu zeigen). Aber in einigen Close Ups macht sie einem doch Angst – also: einem Mann Angst, der glaubt, das blonde Püppchen vor sich zu haben.

Aber es ist nun, wie gesagt, bei weitem nicht der erste Film, in dem eine raffinierte Frau versucht, sich ihres gatten zu entledigen – ob aus Langeweile, Geldgier oder hass, ist da unerheblich. Meistens spielen diese Geschichten dann im Dunkel der Nacht mit langen Schlagschatten und dramatisch anschwellendem Score. Henry Hathaway geht einen anderen Weg.

Die treibende Kraft bei dem Projekt war der Produzent und Drehbuchautor Charles Brackett (Boulevard der Dämmerung – 1950; Eine auswärtige Affäre – 1948; Das verlorene Wochenende – 1945; "Ninotschka" – 1939; Blaubarts achte Frau – 1938). Brackett lebte viele Jahre in der Umgebung von Niagara Falls und wollte dort einen optisch möglichst beeindruckenden Film spielen lassen. Walter Reisch, sein Ko-Drehbuchautor, gab ihm die Idee einen Thriller daraus zu machen: „Jeder der den Namen Niagara hört denkt an Frischvermählte und an irgendeine sentimentale Geschichte eines Mädchens, die sich in der Hochzeitsnacht mit ihrem Ehemann streitet, nur um sich kurz darauf wieder mit ihm zu versöhnen. Ich würde daraus eine Krimigeschichte machen, mit einem richtigen Mord darin“, erinnert sich Reisch.

Hathaway hat diese Idee grandios umgesetzt. Indem er einfach die grandiose Kulisse eingesetzt hat. Sein Kameramann Joseph MacDonald dreht ihm reihenweise Panorama-Shots in strahlendem Sonnenlicht, sodass alles Düstere, was diese Geschichte eigentlich dauernd vermittelt, sich im Bild nicht wiederfindet. Das macht aber die Statik des Films nicht kaputt. Es stützt sie – finstere Mordlust an einem so spektakulär schönen Ort, das ist gruselig.

Neben Monroe, die auf den Filmplakaten zum ersten Mal die erste Geige spielt, ist Joseph Cotten ein überzeugender schwacher Mann mit Kriegstrauma ("Die Stahlfalle" – 1952; Sklavin des Herzens – 1949; "Der dritte Mann" – 1949; Duell in der Sonne – 1946; "Das Haus der Lady Alquist" – 1944; Im Schatten des Zweifels – 1943; Citizen Kane – 1941). Mein Hit ist Jean Peters, die die pragmatische Ehefrau des anderen Paares spielt, das als Gegengewicht zum Thriller-Paar nötig ist. Deren Mann spielt Max Showalter und dem sieht der Kinozuschauer an, dass er mit seinem Überbiss und mit seiner servilen Haltung kein King of the Road ist. Jean Peters auf der anderen Seite ist derart attraktiv, dass man sich unter optischen Gesichtspunkten fragt: Was hat dieser Mann, das diese Frau anziehen konnte, die resolut ist, weiß, was zu tun ist und keine Furcht kennt. Nun: 1953, als der Film entstand, waren kluge Frauen auf solche Männer noch als gesellschaftliche Türöffner angewiesen.

An den Kinokassen wurde "Niagara" ein Erfolg: Bei einem Budget von rund 1,25 Millionen US-Dollar nahm er alleine in den USA über 2,3 Millionen US-Dollar ein und zählte dort zu den Hits des Kinojahres 1953. "Niagara" war der erste Film, bei dem Monroe an erster Stelle vom Vorspann genannt wurde, und befeuerte ihren Aufstieg vom Starlet zu einer der größten Hollywood-Legenden.

Wertung: 4 von 6 D-Mark
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