Paul Kerjean hat sein Leben dem Journalismus verschrieben. Selbst sein Privatleben opferte er der Arbeit, so dass seine Ehe scheiterte. Dafür gelang ihm der Sprung von einer kleinen Regionalzeitung zur Pariser "La Tribune".
Von Kerjeans Fähigkeiten als investigativem Journalist hat auch ein anonymer Informant gehört, der ihm in einem Parkhaus brisantes Material übergibt: Demnach ist Jacques Benoît-Lambert, Chef einer staatlichen Energiefirma, korrupt. Tatsächlich findet Kerjean weitere belastende Fakten. Mit seiner Story schafft er es auf die Titelseite. Kurz darauf wird Benoît-Lambert tot aufgefunden.
Kerjean bezweifelt bald, dass Benoît-Lambert sich, wie offiziell verlautbart, aus Scham selbst erschossen hat. Bei seinen Recherchen stößt er auf den multinationalen Konzern G.T.I. und dessen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Paul Kerjean und seine Familie geraten in Gefahr. Doch er ist entschlossen, die Wahrheit über das Geschäftsgebaren der G.T.I. an die Öffentlichkeit zu bringen …
Die Welt der multinationalen Großkonzerne ist eine verschwiegene, ihre Mitglieder tragen Maßanzug und teuren Aktenkoffer. Ihre Geschäfte machen sie am liebsten unbemerkt. Der US-Großkonzern, der in Henri Verneuils Thriller so eine Rolle übernimmt, heißt G.T.I. und gehört zu den 30 größten Konzernen der Welt, die zusammen einen Jahresumsatz von tausend Milliarden Dollar erzielen. Das erfolgreiche Konzernmodell geht so vor, dass G.T.I. in aller Welt – möglichst unauffällig – Unternehmen aufkauft, diese aber unter ihrem ursprünglichen Namen unter der Jurisdiktion des jeweiligen Landes, in dem das geschluckte Unternehmen seinen Sitz hat, weiter führt. Das gibt dem Weltkonzern vielseitige Möglichkeiten, steuern zu sparen, Arbeitsplätze zu rationalisieren und hohe Gewinne zu erzielen. Gerade expandiert G.T.I. nach Frankreich, will dort den Großkonzern "Electronic de France" übernehmen.
Regisseur Henri Verneuil ist Spezialist für Geschichten über professionell agierende Menschen, die die Menschlichkeit für ihre Profession ausschalten (I … wie Ikarus – 1979; Der Körper meines Feindes – 1976; Angst über der Stadt – 1975; Der Coup – 1971; Der Clan der Sizilianer – 1969; San Sebastian – 1968; Dünkirchen 2. Juni 1940 – 1964; Der Präsident – 1961). Er beginnt seinen Film mit einer Szene, die dem Zuschauer sicher nicht zufällig vertraut erscheint: In einer Tiefgarage gibt ein Unbekannter mit Sonnenbrille Insider Tipps, die einen hohen Industriellen zu Fall bringen könnten, an einen namhaften Reporter. Bei dieser Szene hat Alan J. Pakulas Watergate-Film Die Unbestechlichen (1976) Pate gestanden. Dort trat der Informant "Deep Throat" auch nur in Parkgaragen auf. Ein paar Wochen später hat der Reporter seine Enthüllungsstory über den Vorstandsvorsitzenden von "Electronic de France" veröffentlicht. Wenige Tage später hat der Mann Selbstmord begangen. Nochmal wenige Tage später wird dem Reporter klar, dass er verschaukelt wurde; dass die eigentlich zu enthüllende Story viel größer ist. Und hat es plötzlich mit jenem Multi G.T.I. zu tun.
Uns Zuschauern ist sofort klar, dass die Machenschaften eines solchen Milliarden-Konzerns nicht mit ein bisschen Tiefgaragen-Recherche aufzudecken sind, denn das, was wir hier erzählt bekommen – unlautere Machenschaften in Politik und Wirtschaft abseits der Kameras in verschwiegenen Hinterzimmern –, haben uns Regisseure seit den frühen 60er Jahren häufig und spannend erzählt. In später unter dem Oberbegriff "Paranoia Thriller" gesammelten Filmen erzählte John Frankenheimer in Botschafter der Angst (1962) von einem von den Chinesen "umprogrammierten" US-Soldaten, der zum Attentäter wird, und zwei Jahre später in "Sieben Tage im Mai" (1964) über ein möglicherweise geplantes Attentat auf den US-Präsidenten. Vor Die Unbestechlichen raunte Alan J. Pakula schon in Zeuge einer Verschwörung (1974) über die politintriganten Machenschaften eines anonymen Großkonzerns, während Francesco Rosi Lino Ventura in Die Macht und ihr Preis (1976) politisch motivierten Morden an hohen Juristen nachforschen ließ und auch Henri Verneuil in I … wie Ikarus (1979) einen Staatsanwalt sterben ließ, der den Mord an einem hoffnungsbeladenen Politiker aufklären wollte.
In "Tausend Milliarden Dollar" folgt Verneuil dem Reporter, den Patrick Dewaere als den Gegenentwurf zum Trenchcoat tragenden, Kippe rauchenden Zeitungsschnüffler anlegt (Adieu Bulle – 1975; Musketier mit Hieb und Stich – 1971; Brennt Paris? (1966). Sein Kerjean ist ein braver Biedermann, dem über seinen Job gerade erst seine Frau weggelaufen ist und er sich noch in die geteilten Erziehungszeiten des gemeinsamen Sohnes hinein gewöhnt. Er glaubt der Tiefgaragenquelle nicht so ohne Weiteres, recherchiert seriös verschiedene Quellen, und nähert sich dem explosiven Skandal hinter G.T.I. mit konsequenter Beharrlichkeit. Henri Verneuil war in einem früheren Leben Journalist. In seinem Kinothriller entblättert Kerjean, der Reporter, vor unseren Augen Macht und Einfluss der realen multinationalen Wirtschaftsgiganten, dramaturgisch komprimiert und zugespitzt, aber nah an der Realität entlang. "Tausend Milliarden Dollar" ist die filmische Umsetzung des 1969 erschienenen Buchs "Tausend Milliarden Dollar – 60 Mammutkonzerne beherrschen 1985 die Wirtschaft der Welt von Robert Lattès. Über weite Strecken packt der Film mit seinen wirtschaftlichen Behauptungen.
Zur Mitte des Films gibt es eine große Vorstandssitzung der G.T.I., auf der ein Manager sehr elegant und höflich zusammengefaltet wird, weil er in seinem Land die Unternehmensziele nicht erreicht hat. Der klagt, er müsse Stoffe aus China, die acht Francs den Meter kosten, über die Konzernschwester aus der Schweiz beziehen, die 22 Francs für den Meter verlangt, wie soll er da Gewinne erzielen. G.T.I.-Chef Cornelius A. Woeagen lässt sich daraufhin herab, dem schwitzenden Manager (und dem Zuschauer) das System eines multinationalen Konzerns zu erklären: „Ihr Stoff kommt zu einem Preis von acht Francs pro Meter in unserer Schweizer Filiale an. Die schicken sie an Sie weiter und berechnen 22 Francs pro Meter. So erzielen wir einen Gewinn von 14 Francs pro Meter. Und zwar in einem Land, in dem Waren, die dort nicht hergestellt werden, nur mit acht Prozent besteuert werden. In Ihrem Land aber müssen wir für solche Produkte 50 Prozent Steuern zahlen. Dies erklärt Ihnen, so hoffe ich wenigstens, die Lieferung über die Schweiz.“
Und dann stürzt ein kleiner Junge, der Sohn der Reporters, um ein Haar in einen leeren Fahrstuhlschacht, weil die Tür zum Fahrstuhl aufgeht, ohne, dass dahinter eine Kabine wäre. Der Puls des Zuschauers schießt in die Höhe, der bis dahin weitgehend von Musik befreite Film wird über mehrere Minuten von schrillen Tonfolgen begleitet, die den Puls in den gehobenen Sphären verweilen lässt. Diese Szene wirkt im Umfeld der seriösen Reporter-Recherchen zu einem mächtigen, aber bislang unbescholtenen Großmulti, wie ein Faustschlag in die Magengrube. Denselben Effekt erzielt Verneuil in der Schluss-Viertelstunde. Wir wissen – oder: ahnen – aus der Kenntnis der oben erwähnten Paranoia-Thriller, dass solche Geschichten für den Schnüffler selten lebendig enden. Als Kerjean also den fetten Aktenberg, in dem alle Verfehlungen der G.T.I. aus den vergangenen 50 Jahren minutiös dokumentiert sind, in eine Zeitungsstory überführen will, steigt beim Zuschauer wieder der Puls, der den Schuss aus dem Dunkeln, die explodierende Autobombe, den Giftbecher immer schon in der nächsten Kamereinstellung ahnt und sich auf das erschrockene Zucken einzustellen versucht.
Ein dokumentarisch angehauchter Wirtschaftsthriller mit Schreckmomenten und einem nägelbeißenden Finale. Henri Verneuil beweist seine Klasse, macht aus zähem Material für Eingeweihte einen Spannungsfilm für Frau und Herrn Durchschnitt.
