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Kinoplakat: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
Nach lahmem Einstieg folgt eine
Reise in eine schöne CGI-Welt
Titel Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
(Fantastic Beasts and Where to Find Them)
Drehbuch J.K. Rowling
Regie David Yates, UK, USA 2016
Darsteller
Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Colin Farrell, Samantha Morton, Dan Fogler, Ezra Miller, Faith Wood-Blagrove, Sam Redford Scott Goldma, Tim Bentinck, Tristan Tait, Tom Clarke Hill, Matthew Sim, Jenn Murray, Cory Peterson, Johnny Depp u.a.
Genre Fantasy
Filmlänge 133 Minuten
Deutschlandstart
17. November 2016
Website fantasticbeasts.com
Inhalt
Der exzentrische Magizoologe Newt Scamander erforscht magische Wesen auf dem ganzen Planeten. In seinem unscheinbaren, aber im Inneren durch Magie vergrößerten Koffer beherbergt er eine ganze Sammlung seltener und gefährdeter magischer Kreaturen samt ihrer Lebensräume.

1926 reist er in das magie-phobische Amerika. Hier will er seinen Donnervogel Frank, den er in Ägypten aus den Fängen von Tierhändlern gerettet hat, zurück nach Arizona bringen, wo sein natürlicher Lebensraum ist. Anschließend will er zurück nach England, um dort sein Buch „Phantastische Tierwesen & wo sie zu finden sind“ zu beenden, in dem er beschreibt, warum man solche Tierwesen schützen sollte.

Erst soll der Magizoologe aber noch mit der amerikanischen Zauberergesellschaft Bekanntschaft machen, die es vorzieht, sich vor No_Maj (aka Muggeln) zu verstecken, weil die Vorbehalte gegenüber Magie hier viel größer sind als in Großbritannien. Zudem hinterlässt seit einiger Zeit in New York ein mysteriöses Wesen eine Spur der Verwüstung, und einige in der Bevölkerung glauben zu wissen, dass die magische Gemeinschaft dafür verantwortlich ist.

So versucht Mary Lou Barebone, die als fanatische Anführerin der „Second Salemers“ das Vermächtnis der Hexenprozesse von Salem fortführt, die Stimmung gegen die New Yorker Zauberwelt anzuheizen. Der Zauberer Percival Graves steht mit ihrem Adoptivsohn Credence, einem jungen, verstörten Mann, in Kontakt, von dem er Hinweise auf eine sehr junge Hexe mit starken magischen Kräften zu erhalten hofft.

Newt trifft auf die rechtschaffene Porpentina „Tina“ Goldstein, Mitarbeiterin der US-Zaubereibehörde Magical Congress of the United States of America, kurz MACUSA. Als einige seiner Geschöpfe aus seinem Koffer entkommen, bricht Chaos aus.

Die MACUSA macht ihn und seine verbotenen Wesen für die Zerstörungen in der Stadt verantwortlich. Sie verurteilt ihn und Porpentina zum Tode. Nach einem Verhör durch Percival Graves, den Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung des MACUSA, sollen beide hingerichtet werden …

Was zu sagen wäre

So also dreht nun das eigentlich abgeschlossene Harry-Potter-Universum doch in eine weitere Schleife. Zu Beginn sitze ich einigermaßen ratlos im Kinosessel und weiß nicht, was ich mit diesem Film, seinen farb-entsättigten, dafür kräftig graubraun eingefärbten Bildern, den komplett übercomputerisierten Totalen eines New Yorks der 30er Jahre anfangen soll. Da ist ein komischer Typ mit Koffer, ein lustiger Maulwurf, der auf Gold und Geschmeide aller Art steht, ein Dicker, der Geld für eine eigene Konditorei braucht und die süße Frau, die tough zu sein versucht aber eher holprig ist. Was will der Typ mit dem Koffer in dieser unwirklich erscheinenden Stadt, in der irgendwas, agenscheinlich Monströses, die halbe Stadt unterpflügt? Was sollen diese düster dreinblickenden Flugblattverteiler, die gegen Hexen hetzen, selbst aber viel bedrohlicher dreinschasuen als jede Hexe? Warum steht Colin Farrell plötzlich mitten in Ruinen (Saving Mr. Banks – 2013; Total Recall – 2012; Kill the Boss – 2011; London Boulevard – 2010; Das Kabinett des Doktor Parnassus – 2009; Cassandras Traum – 2007; Miami Vice – 2006; Daredevil – 2003; Nicht auflegen! – 2002; Minority Report – 2002), guckt wissend und verschwindet dann fürs Erste wieder aus dem Film?

Gewiss: Es gehört zur Magie des Kinos, nicht alles in seiner ersten Sekunde zu offenbaren – und später fühle ich mich durchaus belohnt dafür, nicht nach zehn Minuten entnervt das Kino verlassen zu haben. Aber David Yates, der schon die letzten vier Harry-Potter-Filme verhunzt hat, setzt zu sehr auf den berühmten Paten mit der Narbe auf der Stirn, der hier gar nicht nicht auftritt – die erzählten Ereignisse spielen etwa 60 Jahre, bevor der Zauberschüler nach Hogwarts kommt – ignoriert die Kunst des Storytellings und jegtt mich mitten hinein in ein aus Pixeln generiertes, dadurch fremdartig bleibendes, mich nicht berührendes Setting. Die Musik von James Newton Howard ist eng angelehnt an die Potter-Klassiker, das Marketing trommelt für die Urheberschaft Joanne K. Rowlings; das wird die Potter-Fans schon in die Kinos ziehen. Und das tut es ja auch: Kolportiert 180 Millionen US-Dollar Produktionsbudget steht ein weltweites Box Office von rund 814 Millionen US-Dollar gegenüber – Mission erfüllt. Da muss ich mich halt in die ersten, nichts sagenden, aber schnell geschnittenen, drolligen, mit künstlich verlängerten Kameraflügen durch die Stadt begnügen.

Dann nimmt der Film doch noch Fahrt auf: Es kristallisiert sich eine Geschichte heraus, vor allem aber besticht er nun plötzlich durch – in der Tat – phantastische Bilder und schöne Effekte, was nicht nur (aber auch ein wenig) daher rührt, dass sich das Auge irgendwann an jede Unwirklichkeit gewöhnt (und Michelangelos Mona Lisa sehe ich auch an, dass sie gemalt und nicht etwa fotografiert ist, sie ist so oder so schön anzuschauen); ob es sich um eine sich selbst be- und erfüllende Schreibstube handelt, um einen Haushalt, in dem sich alles – Bügeln, Kochen, Spülen – von selbst erledigt, ein klassisches Speak-Easy mit lasziv hauchenderer Koboldin, verbotenem Glücksspiel und teurem Schnaps – betrieben vom zwielichtigen Kobold Gnarlac – Bilder übernehmen, was das Script zunächst nicht zu leisten in der Lage scheint: Sie fesseln mich. Das liegt auch an Eddie Redmayne (The Danish Girl – 2015; Jupiter Ascending – 2015; „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ – 2014; „My Week with Marilyn“ – 2011; Das gelbe Segel – 2008; Elizabeth – Das goldene Königreich – 2007), der die beiden Seiten des Tierfreunds – hier der unbeholfen hibbelige Englishman in New York, der der mächtige Zauberer – geschickt in der Balance hält.

David Yates befreit sich vom TV-Bildaufbau seiner Harry-Potter-Verfilmungen. Er lässt seine CGI-Künstler von der Leine, die, nun ja, zu zaubern beginnen. Die Story bleibt dünn – spannend, aber dünn. Das mag dem Gesetz der Serie geschuldet sein, dem auch diese Produktion unterliegt: Eine komplett-Dramaturgie ist nicht gefragt, es wird Fortsetzungen geben, in denen weiter Zauberer und Hexen gegen den Obscurus und Geleert Grindelwald kämpfen werden – Johnny Depp wird es ja kaum bei seinem 20-Sekunden-Auftritt in diesem Film belassen. Zwei Fortsetzungen sind mindestens geplant und wie wir die Warner-Bros.-Filmpolitik kennen (Harry Potter, Herr der RingeHobbit), werden es am Ende mindestens vier Filme sein. Ein vorgegebenes Ende durch eine existierende Romanvorlage jedenfalls ist hier nicht definiert – statt erst einen Roman zu schreiben, hat J.K. Rowling gleich ein Drehbuch geschrieben.

Wann also die Phantastischen Tierwesen aussterben oder in ihre jeweiligen Habitats verbracht sind, bleibt dem Box Office überlassen. Wenigstens kann ich sagen: eine bunte, naiv-schöne Unterhaltung für den Sonntagabend.

Wertung: 5 von 8 €uro
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