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Plakatmotiv: Sliver (1993)

Ein Film, der in die
Hose gegangen ist

Titel Sliver
(Sliver)
Drehbuch Joe Eszterhas
nach dem gleichnamigen Roman von Ira Levin
Regie Phillip Noyce, USA 1993
Darsteller

Sharon Stone, William Baldwin, Tom Berenger, Polly Walker, Colleen Camp, Amanda Foreman, Martin Landau, CCH Pounder, Keene Curtis, Nicholas Pryor, Anne Betancourt, Tony Peck, Frantz Turner, Melvyn Kinder, Radu Gavor, Allison Mackie, José Rey u.a.

Genre Thriller, Drama
Filmlänge 107 Minuten
Deutschlandstart
19. August 1993
Inhalt

Die frisch geschiedene Lektorin Carly Norris zieht in die 20. Etage eines vornehmen als "Sliver" bezeichneten Wohnhochhauses in Manhattan. Bald erfährt sie, dass sie eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Naomi Singer hat, der Vormieterin ihrer Wohnung, die kürzlich durch einen Sturz vom Balkon zu Tode kam. Im Zeitungsarchiv findet sie heraus, dass es im Haus weitere Todesfälle gab. Etwas später bekommt sie von einem Unbekannten ein Geschenk – ein Fernrohr, mit dem sie die Bewohner der umliegenden Häuser beobachten kann.

Zur Einweihung ihrer Wohnung gibt Carly eine Party, bei der sie den Nachbarn Zeke Hawkins kennenlernt, der bald zu ihrem Liebhaber wird. Nach einer gemeinsamen Nacht offenbart er ihr, der Besitzer des Hauses zu sein. Es stellt sich heraus, dass er im Hochhaus zahlreiche versteckte Überwachungskameras hat installieren lassen und die Mieter selbst in intimsten Situationen heimlich beobachtet.

Zugleich wird Carly mehrmals von Jack belästigt, einem ehemals erfolgreichen Krimiautoren, der sie immer wieder vor Zeke warnt.

Als dann erst ihr Nachbar Gus, ein freundlicher Professor, in der Dusche ausrutscht und stirbt und wenig später ihre Nachbarin Vida im Treppenhaus ermordet wird, ahnt Carly, dass sie im Haus nicht mehr sicher ist …

Was zu sagen wäre

Hollywoods Verwertungsmaschinerie schmiedet mal wieder ein eisen, solange es heiß ist. Gerade noch hat Sharon Stone in Basic Instinct (1992) für Schlagzeilen gesorgt und dem Film in seiner Mischung aus Sex&Crime einen fetten Erfolg beschert, wird sie gleich für den nächsten Sex&Crime-Salat vor die Kamera gebeten – Basic Instinct-Autor Joe Esterhaz, der jetzt einen Ruf hat, ist auch gleich für das Drehbuch zu "Sliver" verpflichtet worden. Dem Film zugrunde liegt ein Buch von Ira Levin, der nach 15 Jahren Schaffenspause 1991 mit "Sliver" seinen letzten Roman vorlegte; Levin war berühmt geworden durch die Verfilmung seiner Romane Rosemarie's Baby, "Der Kuss vor dem Tode" und "Die Frauen von Stepford".

Es geht um Voyeurismus. Punkt. Während Alfred Hitchcock daraus seinen fesselnden Thriller Das Fenster zum Hof (1954) gemacht hat, John Carpenter seinen immerhin noch spannenden Thriller Das unsichtbare Auge (1978), macht Phillip Noyce (Die Stunde der Patrioten – 1992; "Todesstille" – 1989) aus dem Thema nichts. Aber er zeigt viel nackte Sharon Stone, wahrscheinlich, um dem Zuschauer einen Spiegel vorzuhalten. Etwa so: Niemand geht wegen des phallusartigen Hochhauses, das mit Kameras verwanzt ist, in diesen Film, aber alle wollen Sharon Stone beim Sex zuschauen. Diesen Voyeurismus prangert mein Film an.

Das wäre jedenfalls die einzige intelligente Ausrede, die mir einfiele, den Film zu machen.

Der Film ist von Kameramann Vilmos Zsigmond elegant fotografiert (Fegefeuer der Eitelkeiten – 1990; Die Spur führt zurück – The two Jakes – 1990; Die Hexen von Eastwick – 1987; Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren – 1981; Heaven's Gate – 1980; Die durch die Hölle gehen – 1978; Unheimliche Begegnung der dritten Art – 1977; Schwarzer Engel – 1876; Sugarland Express – 1974) und von Paul Sylbert und Peter Landsdown Smith in den unterschiedlichen Appartements beeindruckend und abwechslungsreich ausgestattet worden.

Figuren und Handlung im Film sind platt. Sharon Stone (Total Recall – Die totale Erinnerung – 1990; Action Jackson – 1988; Police Academy 4 – Und jetzt geht's rund – 1987; Quatermain II – Auf der Suche nach der geheimnisvollen Stadt – 1986; Quatermain – Auf der Suche nach dem Schatz der Könige – 1985) als junge Lektorin, die nach sieben Jahren langweiliger Ehe ein neues Leben beginnt und also in dieses teure Appartement zieht. Plakatmotiv: Sliver (1993) Alsbald wird sie von zwei Nachbarn bedrängt, einem charmanten Grinser und einem bulligen Bestsellerautor, der sich komischerweise jederzeit ohne Einbruchswerkzeug Zutritt zu Carlos Wohnung verschaffen kann. Höchst unsympathisch sind beide, aber das ist eine subjektive Sicht, weil ich aufdringliche Typen, die so ein Dackelgesicht haben wie der von William Baldwin verkörperte Grafiker Zeeke, schon in der Schule nicht leiden konnte (Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen – 1991; Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben – 1990; Internal Affairs – Trau' ihm, er ist ein Cop – 1990; Geboren am 4. Juli – 1989). Der andere, der Schriftsteller Jack, leidet an einer Schreibblockade und geriert sich als selbsternannte Frauenbeschützer und wird von der Regie als Hochverdächtiger inszeniert, der für den Mord verantwortlich sein könnte, den wir gleich zu Beginn des Films sehen – denn der rätselhafte Selbstmord von Carlys Vermieterin war gar kein Selbstmord.

Daraus könnte ja ein spannender Film werden: zwei fragwürdige Männer – der eine Spanner, der andere arrogant – dazu mehrere Todesfälle und eine junge, unbedarfte Frau und, ja, Sharon Stone hat als Carly nichts von der kühlen Souveränität ihrer berühmten Catherine Tramell, sie wirkt passend zur Rolle jung und naiv. Im Büro hat sie eine beste Freundin, mit der sie ausschließlich übergewesene, aktuelle und eventuell zukünftige Männer spricht. Über Bücher spricht die Lektorin komischerweise nie.

Statt nun also mit dem spannenden Film zu starten, lässt sie sich wie ein scheues Reh von Grafiker Zeke verführen, der ihr bald offenbart, dass ihm nicht nur das ganze Hochhaus gehört, sondern er auch noch ein Spanner der High-Tech-Sorte ist. Für sechs Millionen Dollar hat er sich eine Videoanlage in sein Hochhaus bauen lassen, mit der in jedes einzelne Appartement und jedes Zimmer glotzen und hören kann. Das nutzt das Drehbuch, um in zwei, drei Zeilen über das moralische Für und Wider solchen Voyeurismus' zu streiten, und dann nur noch, um ein junges Mädchen aus den übergriffigen Klauen ihres Stiefvaters zu befreien. Mehr passiert mit der beeindruckenden Überwachungsanlage im Film nicht.

Und zwischendrin taucht wieder der höchst untechnische Jack auf, der Carly höchst aggressiv vor Zeke warnen will. Und auch die Polizei schaut mal vorbei, weil ja immer mal wieder jemand stirbt in diesem Hochhaus, das jemand "Sliver" (=Splitter) getauft hat. Verbinden zu einem großen Thriller-Drama-Plot tun sich die drei Figurenstränge nicht – hier haben sie Sex, da ist einer schlecht gelaunt und dort stellen sie höflich keine weiteren Nachfragen.

Das Filmplakat raunt noch vielsagend „Sie schauen doch auch gerne zu …“ Nun, hier nicht. Ein sinnloser Film.

Wertung: 2 von 10 D-Mark
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