Winter 1988: Der Eiserne Vorhang steht kurz vor dem Zusammenfall. Zwei Veteranen sehen das aber ganz anders. Der US-Colonel Jack Knowles tritt seinen Dienst bei einer neuen Einheit an, denn als ausgedienten Vietnamveteran weiß man nicht wo man ihn noch einsetzen soll.
Auf der anderen Seite kommandiert der Oberst Valachev ein Afghanistan-Veteran, die Truppen des Ostens. Da die beiden sich immer wieder gegenseitig provozieren kommt es zum Kleinkrieg …
Stell Dir vor, die politischen Zeichen stehe auf Entspannung zwischen Ost und West und zwei Militärs prügeln sich einfach weiter. Das ist ein verrückter Film. Die Prämisse ist so schwer vorstellbar, beinahe grotesk, dass oben unter "Genre" auch Komödie stehen könnte.
Aber in dem Fall hätte John Frankenheimer zu viele Chancen liegen gelassen, um die Komödie so grotesk zu gestalten, wie sie es verdiente.
Bleibt man zunächst bei Action, Thriller, Drama, dann sehen wir zahlreiche Explosionen, umstürzende Bäume, brennende Wachtürme und eine verbissene Schlägerei. Action hat der Film ohne Zweifel. Für das Drama möchte ich dem Film die Freiheit zugestehen, zu extemporieren, also sich auszumalen, was sein könnte, wenn … Im Kino ist schließlich vieles erlaubt, selbst Dinge, die unrealistisch erscheinen.
Bleibt der Thriller. Und der ist okay. Zwei Kerle können nicht aus ihrer Haut und machen, worauf sie programmiert wurden. Sie ähneln James Camerons Terminator, der auch immer weiter auf sein Ziel zu geht, egal, was ihm im Weg steht.
US-Colonel Jack Knowles erzählt einmal, dass er die Hälfte seines Lebens in der Armee zugebracht habe. Er hat nur die Armee, ist von ihr erzogen, sein vorgesetzter General sagt, „konditioniert worden“. Seine Frau ist ihm vor Jahren davon gelaufen, mit dem Sohn telefoniert er ab und an, und als er hört, dass seinem Enkel auf dem Schulhof das Fahrrad weggenommen wurde, dass er ihm zu Weihnachten geschenkt hat, ohne, dass der Enkel sich zur Wehr gesetzt habe, legt das einen Schalter in seinem Kopf um: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.
Roy Scheider spielt diesen Mann mit verhärmter, wenig beweglicher Mine (2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen – 1984; Das fliegende Auge – 1983; Atemlos vor Angst – 1977; Der Marathon-Mann – 1976; Der weiße Hai – 1975; French Connection – Brennpunkt Brooklyn – 1971; "Klute" – 1971). Sein Colonel Knowles ist in vielen Kriegen zur Funktion geworden, die reagiert, nicht denkt. Sein Gegenpart, Col. Valachev, ist im Grunde genauso. Das erste Aufeinandertreffen, bei dem seine Leute einen Flüchtenden erschießen und er mit seinem Helikopter knapp die Grenze touchiert, was Knowles mit der Drohung eines Granatenbeschusses und dem Wurf eines Schneeballs beantwortet, wirkt noch spielerisch. Jürgen Prownow spielt den Tschechen als harten Befehlsdurchsetzer und Spielernatur; als der Schneeball fliegt, umspielt beinahe ein Lächeln seine markanten Gesichtszüge (Beverly Hills Cop II – 1987; Der Wüstenplanet – 1984; Das Boot – 1981; "Die Konsequenz" – 1977; Die verlorene Ehre der Katharina Blum – 1975; "Einer von uns beiden" – 1974).
Die eigentlich Schlacht beginnt mit einer Demütigung der Tschechen durch den völlig besoffenen US-Colonel. Der Tscheche antwortet mit einer Boden-Boden-Rakete gegen den Geländewagen des Amerikaners, der zündet daraufhin bei Nacht einen der tschechischen Wachtürme an – und natürlich fragt man sich im Kinosessel, im Film schreiben wir das Jahr 1988, die Mauer ist nicht gefallen, wieso da nicht längst diplomatische Depeschen zwischen Moskau und Washington hin- und herfliegen, wieso nicht sofort die Kommandanten zum Rapport einbestellt und ausgetauscht werden; es handelt sich ja immerhin immer noch um eine der heißesten Grenzen der Welt. Aber als die Situation stattdessen droht ins Unübersichtliche zu eskalieren, taucht eine junge Frau auf, Tschechin, lebt in Regensburg, kleine Tochter in Prag, zu der sie zurück will. Ob der US-Colonel helfen kann. Dieser Handlungsstrang ist nun so an den Haaren herbei geschrieben, dass man doch noch mal über die grotesken Züge einer Kriegskomödie nachdenken möchte.
Aber John Frankenheimer meint das ernst (Dead Bang – Kurzer Prozess – 1989; Der 4 1/2 Billionen Dollar Vertrag – 1985; Wenn er in die Hölle will, lass ihn gehen – 1982; "Die Prophezeiung" – 1979; Schwarzer Sonntag – 1977; French Connection II – 1975; Grand Prix – 1966; Der Mann, der zweimal lebte – 1966; Der Zug – 1964; Sieben Tage im Mai – 1964; Botschafter der Angst – 1962; Der Gefangene von Alcatraz – 1962). Eine reine Eskalation ins immer Explosivere – more of the same – wäre ja erstens langweilig und würde zweitens ja auch nicht funktionieren, weil spätestens im übernächsten Spielzug die Hubschrauber der Armeen ihre Raketen abfeuern und den Dritten Weltkrieg vom Zaun brechen würden. Soweit soll es ja aber nicht kommen, also erfindet das Drehbuch die junge, attraktive, dann schließlich – wenig überraschend – doch gar nicht so verzweifelte Frau aus Prag. Mit ihr wird aus der bombigen Eskalationsspirale ein konventioneller Thriller: Kommt die Frau zu ihrem Kind? Wer überlebt? ist die Frau echt? Der Film verliert rasant an Tempo und Interesse.
Zum Höhepunkt wird dieser kleine Privatkrieg, zwar umstellt von Panzern, Grantwerfern und Soldaten beider Blöcke, dann verbissen und völlig ironiefrei mit den Fäusten ausgetragen und mit Blick auf den Titel, den der Film im Original trägt, wird Albert Einstein zitiert: „Ich kann nicht vorhersagen, wie oder womit der Dritte Weltkrieg geführt werden soll; ich kann jedoch vorhersagen, dass der Vierte Weltkrieg mit Stöcken und Steinen geführt werden wird.“
Diese Schlussbemerkung macht den unterhaltsamen, bisweilen ins Groteske kippenden Thriller rund und entlässt uns mit der spätestens seit Kubricks Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben heftigen Erkenntnis aus dem Kino, dass der Frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es einem unzufriedenen gegen den Strich geht.
