Die arbeitslose Wissenschaftlerin Smilla Jasperson lebt in Kopenhagen eher freudlos in den Tag hinein, bis sie ein Unglücksfall aus ihrer persönlichen Lethargie reißt: Isaiah, ein mit ihr befreundeter Nachbarsjunge, wird tot aufgefunden; angeblich ist er beim Spielen vom Dach des Wohnhauses gestürzt.
Smilla glaubt nicht an einen Unfall. Sie hat die Spuren des Jungen im Schnee auf dem Dach gesehen. Der Junge hatte Höhenangst, außerdem führen seine Spuren direkt über die Dachkante. Smilla erkennt darin keine Form eines kindlichen Spiels. Weitere Ungereimtheiten widersprechen der These eines tragischen Unfalls. Smilla beginnt, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen, und kommt einer wissenschaftlichen Verschwörung auf die Schliche, die ins grönländischen Packeis zu einem uralten Meteoriten führt …
An diesem Film ist vieles ungewöhnlich. Das heißt, er ist sofort spannend. Das geht mit der Hauptfigur los. eine junge Frau, die Schnee unter einem Mikroskop untersucht, aber arbeitslos ist. Sie ist eine Schönheit, weswegen zumindest die Männer im Kino ihr gerne folgen, und sie ist schroff. Sie ist keine wärmende Mutterfigur, keine kuschelige Essengeherin, was den Frauen im Kino gefallen könnte. Smilla Jaspersen beißt jeden weg, der ihr zu nahe kommen will – bis auf einen Jungen, der, der jetzt tot vor der Haustür liegt. Ihn hatte sie ins Herz geschlossen.
Warum Smilla ist wie sie ist, enthüllt sich erst nach und nach. In der Zwischenzeit folgen wir ihr gerne, denn sie ist so ganz anders, als Kinohelden im allgemeinen sind. Und das fängt mit ihrem Geschlecht nur an.
Julia Ormond spielt die Smilla (Sabrina – 1995; Der 1. Ritter – 1995; Legenden der Leidenschaft – 1994; "Nostradamus" – 1994; "Das Wunder von Mâcon" – 1993) und stattet sie mit einem dicken Fell aus. Smilla lässt sich nichts gefallen, lässt sich von medizinischen Koryphäen ebensowenig einschüchtern, wie von elegant gekleideten Staatsanwälten. Smilla ist angenehm anders, als andere Kinofrauen und andere Kinohelden.
Als solche Sonderfigur lässt das Drehbuch sie dann in eine Falle laufen. Smilla muss sich in einen dubiosen Nachbarn verlieben, den Gabriel Byrne mit schwarzem Mantel und Dackelblick so undurchsichtig spielt (Last of the High Kings – 1996; Die üblichen Verdächtigen – 1995; Betty und ihre Schwestern – 1994; "Codename: Nina" – 1993; "Cool World" – 1992; Miller's Crossing – 1990; "Siesta" – 1987; Excalibur – 1981), dass jede romantische Gefühlsregung der misstrauischen Smilla nur im Hirn eines männlichen Filmproduzenten entstanden sein kann, damit der Film seine Bettszene bekommt. Tatsächlich bringt diese, na, sagen wir Beziehung, die filigrane Glaubwürdigkeit der gewöhnungsbedürftige Hauptfigur ins Wanken.
Der in der Ich-Form geschriebene Roman arbeitet mit viel innerem Monolog, der viel erklären kann, Regisseur Bille August (Das Geisterhaus – 1993) folgt so gut es geht dem filmischen Prinzip Show, don't tell. Also kommt es zu einer Szene, die so ärgerlich ist, dass im Kinosessel lauthals abwinken möchte. Der Film ist an der Stelle, an der Smilla nun – und mit ihr die Zuschauer – herausfindet, worum es eigentlich geht. Im Roman gibt es für so etwas Dialoge. Im Film sind in Szene gesetzte Dialoge was für Vorabendserien. Also stößt Smilla in einer bedrängten, gefährlichen Situation auf einen Fernseher, ein Abspielgerät für Magnetbandkassetten und einen Stapel von Magnetbandkassetten. Die sind nur sehr dürftig beschriftet, aber Smilla findet mit zwei griffen genau jene zwei Kassetten, die auch genau an die richtige Stelle gespult sind, die uns nun en Detail erklären, was eigentlich los, warum der nette kleine Junge – und noch viele andere Menschen – sterben mussten. Die entspannende Freude, nun des Pudels Kern zu kennen, wird durch die hilf-, oder: einfallslose Regie zerstört.
Spätestens da gucke ich nur noch hin, wie das Thrillerdrehbuch, Schritt für Schritt, Mord für Mord, Richtung Finale verfilmt wird. Das geschieht an spektakulären Schauplätzen, mit großen Stars wie dem weißhaarigen Richard Harris (Erbarmungslos – 1992; Die Stunde der Patrioten – 1992; "Triumph des Mannes, den sie Pferd nannten" – 1983; Die Wildgänse kommen – 1978; Orca, der Killerwal – 1977; Treffpunkt Todesbrücke – 1976; Der Mann, den sie Pferd nannten – 2. Teil – 1976; Robin und Marian – 1976; 18 Stunden bis zur Ewigkeit – 1974; Ein Mann, den sie Pferd nannten – 1970; Caprice – 1967; Sierra Charriba – 1965; Meuterei auf der Bounty – 1962; Die Kanonen von Navarone – 1961) in der Rolle des Mad Scientist, und dem ganz großen Gerät hinter der Kamera mit schwerer Technik, vor der Kamera mit Eisbrechern. Also ein sehenswerter Thriller, bei dem man aber hier und da mal das Denken reduzieren muss.
Der Film war Eröffnungsfilm der Berlinale 1997 und nahm am Wettbewerb um den Goldenen Bären teil.
