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Plakatmotiv: Eingeschlossene Gesellschaft (2022)

Gute Schauspieler
in Klischeefiguren

Titel Eingeschlossene Gesellschaft
Drehbuch Jan Weiler
nach seinem eigenen, gleichnamigen Hörspiel
Regie Sönke Wortmann, Deutschland 2022
Darsteller

Florian David Fitz, Anke Engelke, Justus von Dohnányi, Nilam Farooq, Torben Kessler, Thomas Loibl, Thorsten Merten, Serkan Kaya, Ronald Kukulies, Nick Julius Schuck, Claudia Hübbecker, Jürgen Gorkis, Alois Reinhardt, Esther Klausmann, Carl Benzschawel, Tim Weiler, Paul Joe, Matilda Merkel, Alena Rogolla, Jan Weiler u.a.

Genre Komödie
Filmlänge 97 Minuten
Deutschlandstart
14. April 2022
Inhalt

An einem Freitagnachmittag am Rudi-Dutschke-Gymnasium sind die letzten verbliebenen Lehrer im Lehrerzimmer auf dem Sprung ins Wochenende. Da klopft es a der Tür. Manfred Prohaska begehrt Einlass und als niemand so recht für ihn interessiert und auf die Sprechstunde am Mittwoch verweist, zieht Prohaska eine Waffe.

Prohaska ist der Vater von Fabian, dem für die Abiturzulassung ein einziger Punkt fehlt. Und den will Vater Prohaska erstreiten, notfalls mit der Waffe. Der beliebte Sportlehrer Peter Mertens, der Schülerschreck Heidi Lohmann, der konservative Klaus Engelhardt, der Schüleranwalt Holger Arndt, Chemie- und Physik-Nerd Bernd Vogel und die übermotivierte Referendarin Sara Schuster müssen den Start ins Wochenende notgedrungen vertagen und die Situation beruhigen.

Denn wo die Lehrerschaft sich anfangs dem Vater noch überlegen fühlt, gerät die Situation von Minute zu Minute außer Kontrolle …

Was zu sagen wäre

Wenn Menschen sich zusammensetzen, um über ein bestimmtes Thema zu reden, dann reden sie in der Folge meist über alles mögliche, nur nicht über das gesetzte Thema. Je akademischer die Runde, desto abschweifender die Gespräche. Das ist eine Erkenntnis aus dem privaten Umfeld, die mit dem Film nicht direkt etwas zu tun hat, die aber Sönke Wortmann offenbar auch schon gemacht hat. Weswegen wir es bei "Eingeschlossene Gesellschaft" nicht 100 Minuten lang mit einem Pädagogikseminar zu tun bekommen, sondern mit einem vergnüglichen Film. Einem verfilmten Hörspiel.

Wortmann entwickelt sich zum Spezialisten für verfilmtes Sprechtheater (Contra – 2020; Der Vorname – 2017; Frau Müller muss weg – 2015; "Schoßgebete" – 2014; Die Päpstin – 2009; "Deutschland. Ein Sommermärchen" – 2006; Das Wunder von Bern – 2003; St. Pauli Nacht – 1999; Der Campus – 1998; "Das Superweib" – 1996; Der bewegte Mann – 1994; "Mr. Bluesman" – 1993; Kleine Haie – 1992; "Allein unter Frauen" – 1991). Für "Eingeschlossene Gesellschaft" reicht ihm ein einzelner Raum und sieben Schauspieler. Und weil es sich um Lehrer, also um Bildung dreht, ist der Filmtitel – Herr Lehrer, ich weiß was – sicher eine Anspielung auf Jean-Paul Sartres Drama "Geschlossene Gesellschaft (Huis Clos), in dem drei Personen, die in einem Raum in der Hölle warten, ihre persönlichen Abgründe enthüllen (irgendwann fällt der berühmte Satz: „Die Hölle, das sind die anderen.“). Abgründe enthüllen auch die Lehrer in diesem Lehrerzimmer einer Kölner Schule.

Anstatt sich darüber klar zu werden, ob man diesem Fabian nun den einen Punkt geben könnte, giften sie sich an und kotzen sich mal so richtig ihre gegenseitigen Abneigungen vor die Füße; alles natürlich immer in sozialpädagogisch einwandfreierer Sprache – echte Schimpfworte fallen wenige. Es sind so ziemlich alle Typen vertreten, die wir früher als Lehrer auch schon hatten – der flapsige Sportlehrer, der grimme Lateinlehrer, die verklemmte Französischlehrerin, der nerdige Chemiker, der pädagogisch überbildete Vertrauenslehrer und die engagierte Referendarin – und da stellt sich alsbald die Frage, ob es die heute alle immer noch genauso gibt – weswegen sie jetzt in diesem Film auftauchen – oder ob Sönke Wortmann (Jahrgang 1959) auch hier auf Erfahrungen seiner Schulzeit zurückgegriffen hat und uns ausgereizte Klischees vorsetzt. So richtig ernsthaft um Bildungspolitik dreht sich der Film im Lehrerzimmer nicht. Klar, es werden allerlei aktuelle Debatten angerissen – Gendern, fehlende Digitalisierung, elterlicher Ehrgeiz, autoritäre Alt-Pädagogen, Disziplin und und und – sie bleiben aber Spielball, Überbrückung, um vom einen Lehrer-Abgrund zum nächsten zu kommen. Bildungspolitik ist der Lückenfüller, genau genommen geht es um den Spaß am Spiel.

Wortmanns Schule-Film ist in mancher Hinsicht eine Neufassung seines 2015er Films Frau Müller muss weg. Das Thema war ähnlich – elterlicher Ehrgeiz – der Schauplatz war auch eine Schule und der Inhalt vor allem Fläche, die von wunderbaren Schauspielern bespielt werden konnte. Schon damals taten sich Justus von Dohnányi und Anke Engelke (Das schönste Mädchen der Welt – 2018; Der Wixxer – 2004; Germanikus – 2004) hervor. Engelke, damals die Karrierezicke, spielt Frau Lohmann (Französisch und Musik), die die Jugend nicht hasst, aber nicht ausstehen kann und auf „chancenloses genetisches Gemüse“ schimpft, weil: „Wir schleusen Millionen von geborenen Nicht-Akademikern in universitäre Ausbildungen, um am Ende den Arbeitsmarkt mit studierten Nullen zu verstopfen.“ Engelke spielt diese, wie die Schüler sagen „ungefickte Spinatwachtel“ souverän als konservative, strenge Gouvernante, immer knapp am Klischee vorbei. Justus von Dohnányi (Der Vorname – 2018; Monuments Men – 2014; Männerherzen … und die ganz ganz große Liebe – 2011; Männerherzen – 2009; Das Experiment – 2001; James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug – 1999) spielt natürlich den Latein- und Mathelehrer, ein gelernter Unsympath mit angeblich unfehlbarem Notensystem, dem seine Zahlen im Laufe des Films wenig überraschend auf die Füße fallen werden. Wunderbar, wie er seine Beamtenlaufbahnautorität auszuspielen versucht und sich also zwangsläufig lächerlich macht.

Auf der Besetzungsliste ganz oben steht Florian David Fitz, was wahrscheinlich mit der Zielgruppe zu tun hat. Der sympathische Spring-ins-Feld ist ein gutes Zugpferd für die Entscheidung der Multiplexkino-Besucher und die Frage, für welchen Film sie eine Kinokarte kaufen sollen (Das perfekte Geheimnis – 2019; Der Vorname – 2018; Willkommen bei den Hartmanns – 2016; Männerherzen … und die ganz ganz große Liebe – 2011; Vincent will Meer – 2010; Männerherzen – 2009). Seine Rolle als Sportlehrer Mertens gibt für eine Nummer 1 im Titelvorspann zu wenig her. Er hat ein Verhältnis mit der Referendarin und hatte Sex mit Schülerinnen. Das ist Stoff für einen Skandal und liegt der Komödie quer im Magen; aber die macht nichts weiter draus, das Thema ist irgendwann einfach abgehakt und Herr Mertens sitzt dann nur noch am Bildrand. Der Chemie- und Physiklehrer ist ein einsamer Mann und der Vertrauenslehrer eine intrigante Schlange. Auch das taugt in einem Komödiendrama über Schule nicht für eine Überraschung, aber für solide Schauspielmomente. Und zwischendrin schneidet der Film immer wieder in ein beiges Linoleumboden-Polizeirevier, in der ein paar Polizisten mit der Meldung einer Geiselnahme in der Schule herumdiletieren. Warum die in dem Film als Deppen auftreten müssen, bleibt offen. Aber sie sorgen für ein paar witzige Szenen.

Die zentrale Stelle des Films bleibt leer. Die ganze Zeit ist von einem Fabian die Rede und nach allem, was wir im Kinosessel über ihn erfahren – inklusive eines Vaters, der seinen Sohn mit Waffengewalt ins Abitur bringen will –, scheint der einer dieser gelangweilten Prügelbullen zu sein, die wir uns heute klischeemäßig unter Null-Bock-Generation vorstellen. Klar ist der Lateinlehrer, der diesem Fabian den einen Punkt verweigert, ein spießiger Schulnotenbürokrat, aber – hey – wenn es dem Jungen nach zehn Jahren Schule im Zeugnis an einem Punkt fürs Abitur fehlt, dann scheint der auch nicht sehr helle oder wenigstens motiviert zu sein. Die Schüler spielen in diesem Film keine Rolle, es sei denn in der Spiegelung durch den Lehrkörper; und da sind sie entweder Sexobjekte oder ungebildete Schwachmaten.

Fabian lernen wir dann doch noch kennen; er spricht seinem Vater auf die Mailbox. Da lernen wir dann einen leicht verunsicherten jungen Mann kennen, der – überraschend – in ganzen Sätzen spricht und seinem Vater deutlich macht, dass er einen anderen Traum vom Leben hat als dieser.

An sich rundet sich der Film erst mit diesem Epilog ab, wenn eine Generation sagt Ich mach dann doch mal mein Ding, während die Eltern- und Lehrergeneration noch damit beschäftigt ist, ihre Dinge für die nächste Generation erst noch zu sortieren.

Wertung: 4 von 8 €uro
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