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Plakatmotiv: Die Fahrten des Odysseus (1954)

Spezialeffekte-Kino aus Italien mit
einem berserkerhaften Kirk Douglas

Titel Die Fahrten des Odysseus
(Ulisse)
Drehbuch Franco Brusati & Mario Camerini & Ennio De Concini & Hugh Gray & Ben Hecht & Ivo Perilli & Irwin Shaw
in Anlehnung an das Epos "Odyssee" von Homer
Regie Mario Camerini, It., Fr., USA 1954
Darsteller
Kirk Douglas, Silvana Mangano, Anthony Quinn, Rossana Podestà, Jacques Dumesnil, Daniel Ivernel, Sylvie, Franco Interlenghi, Elena Zareschi, Evi Maltagliati, Ludmilla Dudarova, Tania Weber, Piero Lulli, Ferruccio Stagni, Alessandro Fersen u.a.
Genre Abenteuer, Historie
Filmlänge 109 Minuten
Deutschlandstart
8. Februar 1955
Inhalt

Durch eine Kriegslist des Odysseus kann der Trojanische Krieg entschieden werden. Doch als die griechischen Helden siegreich zu ihren Frauen und Königreichen zurückkehren, wartet die schöne Penelope vergeblich.

Odysseus, der König von Ithaka, hat während des Krieges die Götter erzürnt und das bekommt er nun zu spüren. Die trojanische Priesterin Cassandra verflucht Odysseus und seine Mannen, auf dass sie ewig über die Weltmeer irren. Der Beginn der 20 Jahre andauernden Odyssee.

Während Penelope sich zuhause der zahlreichen Freier erwehren muss und nie die Hoffnung auf die Rückkehr ihres Mannes aufgibt, muss dieser sich auf seinen Irrfahrten allerlei Gefahren stellen: dem Kampf mit dem Zyklopen Polyphem, den Gesängen der Sirenen, den betörenden Avancen der Zauberin Circe, dem Besuch im Reich der Schatten. Als er nach all den Jahren endlich in seine Heimat zurückkehrt, ist sein Kampf noch immer nicht vorbei …

                                          Plakatmotiv (It.): Ulises (1954)

Was zu sagen wäre

Ein Monumentalfilm aus Italien nach amerikanischem Muster, das Quo Vadis (1951) und Das Gewand (1953) vorgemacht haben. Produziert haben die beiden italienischen Großproduzenten Dino De Laurentiis und Carlo Ponti. Nur brennt hier nicht Rom und wird auch nicht das metaphysisch aufgeladene Gewand Jesu Christi gesucht. Hier brennt einer der größten Helden der literarischen Geschichte darauf, heim zu seiner Frau zu kommen und benötigt dafür zwanzig Jahre. Zu Beginn des Films hat er mit einer Kriegslist, die in die Geschichte als Trojanisches Pferd einging, die große Stadt Troja erobert – und geschändet. Jetzt werfen sich ihm Götter in den Weg, verführerische Zauberinnen, die schmeichelnden Gesänge der Sirenen sowie Polyphem, der gigantische, einäugige Zyklop und sogar die ehrlich empfundene Liebe einer Frau. Sie alle können ihn nicht daran hindern, zu seiner geliebten Frau Penelope zurückzukehren, die daheim in Ithaka seit vielen Jahren auf ihn wartet und sich furchtbarer Männer erwehren muss, die sie und damit das Königreich heiraten wollen, unter denen Anthony Quinn als Antinoos heraussticht ("Das Lied der Straße" – 1954;  Viva Zapata – 1952; Ritt zum Ox-Bow – 1942).

Regisseur Mario Camerini und seine sieben Drehbuchautoren (die für den italienischen Markt eine längere Fassung  schrieben als für den us-amerikanischen Markt, auch mit sich unterscheidenden Szenen) berufen sich auf die "Odyssee" aus der Feder des antiken Dichters Homer. Es wirft neben fantastischen Szenen auch ein Schlaglicht auf das Verhältnis von Mann und Frau in der Antike, in der offenbar nicht der Sohn des seit mehr als zwanzig Jahren verschollenen Königs zum neuen König gekrönt wird, sondern irgendein Adliger, der die vermeintliche Witwe des Odysseus ehelicht. Der Film aus dem Jahr 1954 geht mit diesem Umstand sehr nonchalant um. Keiner der Männer, die der Königin Penelope seit Monaten die Speicher leer fressen und saufen, gibt sich sonderlich Mühe, um sie zu werben. Alle gehen sie wie selbstverständlich davon aus, dass sie die Königin am Ende ins Bett bekommen werden – als Dreingabe für das Königreich. Die Drehbuchautoren hatten für Charme keine Verwendung, lassen die Freier auftreten wie Schulhofrowdys, die einer Frau gegenübertreten, die die große Leidende gibt.

Silvana Mangano wirkt in den ersten Einstellungen noch ein wenig pathetisch mit Dialogzeilen voll der Verzweiflung, zum Himmel gewandten Blick und flehenden Händen. Silvana Mangano spielt später auch die betörende Zauberin Circe, die Odysseus mehr als sechs Monate auf ihre Insel festhält, ihn becirct und alle seine Kameraden tötet. Als verführerisches Biest ist sie besser, als als die Große Leidende. Als Circe kann sie ihre verführerische Präsenz voll ausspielen. Das hat sie allerdings auch nötig, denn ihr gegenüber steht nicht nur Odysseus, sondern auch Kirk Douglas, prominenter US-Import im italienischen Sandalenfilm (20.000 Meilen unter dem Meer – 1954; Reporter des Satans – 1951; "Die Glasmenagerie" – 1950; Goldenes Gift – 1947).

Der virile Schauspieler mit dem kantigen Gesicht und dem Grübchen am Kinn tobt sich als großer, listenreicher Antikenheld mit gestählter Brust lustvoll aus. Wenn er dem geschlagene Polyphem seine Verachtung hinterherschreit, scheint er kaum zu bremsen zu sein. Wenn er sich absichtlich den Gesängen der Sirenen aussetzt, gefesselt an an einen Segelmast, geht er ganz auf großes Drama und schreit seine Lust und seinen Frust in die wellengepeitschte See. Im großen Finale, dem großen Aufräumen in Ithaka, läuft er Amok unter den feigen Freiern. Etwas irritierend in der deutschen Fassung ist die Synchronstimme von Siegfried Schürenberg. Man kennt ihn als alternden Sir John von Scotland Yard aus den Edgar-Wallace-Verfilmungen der frühen 60er Jahre kennt. Ein ganz anderer Typ als dieser lebenshungrige Kirk Douglas, der als Odysseus sogar die Unsterblichkeit ablehnt, lieber jeden Tag genießen, als wenn es sein letzter wäre; Siegfried Schürenberg, der andere Qualitäten besaß, wäre in dieser Rolle unglaubwürdig – ich habe den Film zum ersten Mal Anfang der 1980er Jahre gesehen und dann im Frühjahr 2010 wieder, als eine neu geschnittene, 109-minütige Fassung auf DVD herauskam.

Inwieweit hier Geschichtsprofessoren und Literaturstudenten ihre griechische Historie und Homers Epos wieder erkennen, kann ich nur mutmaßen; inhaltlich hält sich der Film einigermaßen an Homers Original. Um mit einer Länge von 100 Minuten auszukommen, wurde die Handlung allerdings gestrafft und einiges weggelassen, umsortiert und zusammengefasst. De Laurentiis und Ponti legen wenig Wert auf historische Akkuratesse oder literarische Finesse, da sind sie ganz bei ihren us-amerikanischen Produzentenkollegen. Es soll krachen, bunt muss es sein, die Gewänder der Frauen knapp und hier und da auch mal durchsichtig, die Körper der Recken gestählt und, ganz wichtig, die Spezialeffekte anno 1954 überzeugend. Der Menschen fressende Polyphem ist beängstigend, die peitschende See beinahe spürbar, das Trojanische Pferd gigantisch. Der Film ist damit eher was für Freunde des Spektakelkinos, weniger was für Historiker.

Wertung: 4 von 6 D-Mark
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