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Plakatmotiv: Tod auf dem Nil (2022)

Ein klassischer Krimi, bei dem
die Pixelbilder hohl drehen

Titel Tod auf dem Nil
(Death on the Nile)
Drehbuch Michael Green
nach dem Roman "Death on the Nile" von Agatha Christie
Regie Kenneth Branagh, UK, USA 2022
Darsteller

Kenneth Branagh, Gal Gadot, Armie Hammer, Emma Mackey, Tom Bateman, Annette Bening, Letitia Wright, Sophie Okonedo, Jennifer Saunders, Dawn French, Ali Fazal, Russell Brand, Rose Leslie, Rick Warden, Adam Garcia, Orlando Seale, Susannah Fielding, Michael Rouse, Alaa Safi, Charlie Anson, Danny Hughes, Sam James Page, James Schofield, George Jaques, Jonah Rzeskiewicz, Eleanor de Rohan, Rick Warden, Noel White u.a.

Genre Krimi
Filmlänge 127 Minuten
Deutschlandstart
10. Februar 2022
Inhalt

In Ägypten des Jahres 1937  trifft Hercule Poirot per Zufall auf seinen alten Bekannten Bouc aus gemeinsamen Tagen im Orient-Express. Poirot macht augenscheinlich Urlaub, Bouc begleitet seine Mutter, Lady Euphemia, Ruinen, Landschaften und Pyramiden in Öl auf Leinwand bringen will, während Bouc selbst heimlich verliebt ist. Mit Bouc und seiner Mutter wird Poirot Teil einer Hochzeitsgesellschaft am Nil. Es ist eine kleine Gruppe von Menschen, von denen die meisten zu viel Geld haben.

Gemeinsamen reisen sie mit dem Luxusdampfer KARNAK nach Abu Simbel. Alle scharen sich um die Erbin Linnet Ridgeway, die gerade einen Habenichts namens Simon Doyle geheiratet hat. Poirot sollte eigentlich nicht zu ihrer Entourage gehören – aber sie bittet ihn um Hilfe, weil sie Angst hat vor ihrer besten Freundin Jacqueline de Bellefort – Simons Ex. Jackie taucht dann auch auf, allerdings erst nach dem ersten Mordanschlag auf Linnet.

Poirot nimmt die Ermittlungen auf und muss unter den zahlreichen anderen Verdächtigen, darunter Linnets Dienstmädchen Louise Bourget, ihr Treuhänder Andrew Katchadourian und die berühmte Marie Van Schuyler, den Täter finden …

Was zu sagen wäre

Der belgische Detektiv wurde, wie schon im Vorgänger, dem Mord im Orient-Express (2017), auch für diesem Film von seinem deutschen Verleih mit einem französischen Akzent versehen. Das macht den Film beinahe kaputt, weil es so albern klingt: Poirot, der Belgier, der vom Briten Kenneth Branagh gespielt und vom Münchner Martin Umbach synchronisiert wird, schbrischd frongsöösischsch. Ist das die neue Wohnens in den Filmstudios? Demzufolge müssten, wenn künftig in einem deutschen Film ein Deutscher nach Amerika reist, alle Amerikaner mit US-Akzent reden. Auch im Original spricht Branagh Poirot mit französischem Akzent. Er ist darin besser als sein deutscher Synchronsprecher, aber besser macht es das auch nicht. In der deutschen Fassung leidet das Verständnis, wenn Poirot aufdröselt, wer alles ein Motiv hat, Morde auf dem Luxusdampfer auf dem Nil zu begehen und die Namen der englischen Verdächtigen französischen h ausspricht – Bitte? Wen meint er?

Nach Mord im Orient-Express ist "Tod auf dem Nil" Branaghs zweite Agatha-Christie-Verfilmung, auch von dieser literarischen Vorlage gibt es eine frühere Kinoversion, damals mit Peter Ustinov in der Rolle Poirots mit David Niven (Das Superhirn – 1969; Der rosarote Panther – 1963; Die Kanonen von Navarone – 1961) an seiner Seite. Branagh interpretiert den Detektiv anders, als Ustinov damals, der ihm clowneske Züge gab. Branaghs Poirot ist zwanghafter – Objekte in ungerader Zahl vor sich konnte er schon im Orient-Express nicht ertragen – und ganz und gar humorfrei. Einmal brüllt er einen Verdächtigen beim Verhör regelrecht an.

Nachdem der erste Mord geschehen ist, finden sich wieder allerlei Menschen an Bord des schönen Schiffes, die ein Motiv haben würden, die schwer reiche Linnet aus dem Weg zu räumen. An Bord sitzt Eifersucht neben Hass neben Existenzangst neben Rassismus neben schwerem Betrug. Aber die wenigsten hätten auch die Gelegenheit gehabt. Das Schöne bei "Tod auf dem Nil" ist, dass man, wenn man nicht glühender Agatha-Christie-Fan ist natürlich, schon bei der früheren Verfilmung bald vergessen hatte, wer wieso weshalb. Die oder der Mörder*in ist hier nicht so spektakulär wie im Orient-Express und deshalb könnte man bei der Mördersuche eigentlich ganz gut mitgehen, zumal Branagh für die langsameren Zuschauer hier und da deutliche kleine Hinweise in Form von Dialogen einbaut, die darauf hinweisen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Einmal beklagt Lady Euphemia Bouc, die ununterbrochen Tempel und Pyramiden malt, ohne Zusammenhang zur gerade laufenden Situation, dass ihr das Karmesinrot aus ihrem Farbkasten abhanden gekommen sei. An anderer Stelle vermisst jemand eine seidene Stola, ohne dass das an dieser Stelle inhaltlich von Belang wäre. Der Detektiv kann bei der großen Aufklärung zum Finale nur die Erkenntnisse aus dem Ärmel schütteln, die ihm der Regisseur vorher dort hinein gesteckt hat – das möglichst unauffällig geschehen. In "Tod auf dem Nil" allerdings bekommt der Zuschauer mögliche Tathergänge marktschreierisch auf dem Silbertablett serviert. Gemessen an der Eleganz des Schauplatzes ist das geradezu plump.

Gedreht wurde im britischen Studio. Im Abspann sucht man vergebens nach Sätzen wie "… on location in Egypt". Die Tempelanlagen von Abu Simbel mit den vier gigantischen Ramses-Statuen etwa, an der ein schwerer Felsbrocken auf die reiche Erbin geworfen wird, hat sich Branagh in der Nähe von London nachbauen lassen, der Tempel wurde vermessen und fotografiert, ein Kamera-Spezialteam war für die digitalen Effekte zum Filmen am Nil und an den Pyramiden unterwegs. Die Kulissen waren aufwendig: Allein der Bau des Dampfers soll 30 Wochen gedauert haben. Branagh (Tenet – 2020; Artemis Fowl – 2020; Mord im Orient-Express – 2017; Jack Ryan – Shadow Recruit – 2014; Thor – 2011; 1 Mord für 2 – 2007; Harry Potter und die Kammer des Schreckens – 2002; The Gingerbread Man – 1998; "Hamlet" – 1996; "Othello" – 1995; Mary Shelleys Frankenstein – 1994; "Viel Lärm um nichts" – 1993; Peter's Friends – 1992; Schatten der Vergangenheit – 1991) schwelgt in Sonnenuntergangstotalen, bei denen die Kamera über dem Nil, über dem Luxusdampfer oder über den Pyramiden schwebt, freundlich winken hier und da einige Falachen in die Kamera, die ihr Vieh treiben. Bis auf die Fallachen selbst ist nichts an diesen Bildern real. Und wenn die Protagonisten im Salon an Bord des Schiffes sitzen, können wir sicher sein, dass das durch die Fenster kommende Licht nicht nur künstlich im Sinne von "Studioscheinwerfer" ist, sondern weil es aus den Computern der Pixelkünstler in aller Welt kommt.

Im Abspann ist die Liste der CGI-Agenturen, die getrickste Bilder für diesen Film zugeliefert haben, ähnlich lang wie bei MARVEL-Filmen. Dabei taucht am Nil kein einziger Superheld auf, kein Asteroid fällt auf die Erde. Es geht um die Ermittlung nach ein paar Mordfällen. In manchen Szenen können wir nicht mal sicher sagen, dass die aufwändig wirkenden Kulissen an Bord des Schiffes noch echte Bauten sind. Natürlich gibt es spektakuläre Bilder, auch für die gehen wir ja ins Kino. Dennoch bin ich versucht, während des Films mal eine Fuhre Dreck Richtung Leinwand zu werfen. Den Settings fehlt Schmutz. Die Landschaften sind so clean, dass man glauben muss, Ägypten habe eine sensationelle Reinigungspolitik. Dabei muss ja niemand eine Nilkreuzfahrt gemacht haben, um zu wissen, dass selbst gesäuberte Strände, ob in Ägypten oder irgendwo anders, immer auch Dreck beinhalten. Die klinische Schönheit, die der Film uns zwei Stunden liefert, ist ermüdend.

Die digitale Malerei trifft in diesem Fall auf eine Kriminalstory, in der der erste Mord erst nach mehr als einer Stunde geschieht. Die weiteren Morde geschehen dann rasch hintereinander und bald schon hat Poirot falsche Aussagen von richtigen getrennt, falsche Alibis entlarvt und setzt zur großen Schlussrunde an. Die hat aber nach der Welle an digitalen Überwältigungsbildern dann nur noch den Charme einer Inspector-Barnaby-Folge. Interessanter ist die Filmzeit bis hin zum Mord, in der sehr ausführlich, wie schon in Agatha Christies Vorlage, wie auch in John Guillermins Filmversion von 1978, die verschiedenen Figuren eingeführt werden, durchweg schöne Menschen in schöner Kulisse vor digital hochgejazzten Traumpanoramen. Die meisten von ihnen versprühen giftigen Sarkasmus über die Liebe, über Reichtum und die Ausbeutung weniger privilegierter Menschen, während sie das nächste Champagnerglas herbei winken. Ähnlich wie schon im Orient-Express schwebt da die Kamera elegant durch die Säle, begleitet einzelne Protagonisten und entwickelt neben fröhlichem Hochzeitsgeklimper – schließlich haben eben die sehr reiche Linnet Ridgeway und der eher nicht reiche Simon Doyle opulent geheiratet und Simons sehr enttäuschte und sehr böse Ex-Geliebte Jacqueline und den immer noch in Linnet verliebten Linus Windlesham hinter sich gelassen – vielsagende Familienverhältnisse und gehässige Blicke aus der zweiten Reihe. Das ist trotz, oder vielleicht wegen der digitalen Künstlichkeit unterhaltsam und schön anzuschauen. Branagh, der sein Handwerk auf Großbritanniens Shakespeare-Bühnen gelernt hat, versteht sich auf den großen Auftritt; wie er nach einem länglichen Prolog Gal Gadot (Zack Snyder's Justice League – 2021; Wonder Woman – 2017; Das Jerico Projekt – 2016; Knight and Day – 2010; Fast & Furious – Neues Modell. Originalteile. – 2009) als Linnet zum Einstieg in den eigentlichen Film eine Freitreppe in die Szenerie herabsteigen und huldvoll nach links und rechts lächeln lässt, hat Klasse. Wenn Jacqueline, die schnöde verstoßene Ex-Geliebte Simons überraschend zum Begrüßungscocktail stößt, inszeniert er sie in feuerrotem Kleid mit goldenen Flügelapplikationen vor tief stehender Sonne – da fließen die Erinnerungen an Kleopatra mit der Giftschlange gleich mit. Obwohl also wenig passiert, während wir die Charaktere kennenlernen, bereitet uns der Film hier eine schöne Zeit im Kinosessel.

Es ist die Geschichte eines Mordes aus – möglicherweise – Leidenschaft. Eigentlich ist das nicht Poirots Fachgebiet. Mit Liebe hat er nichts am Hut, er weiß, Liebe vergeht und ist nicht selten ein Motiv für Mord. Das hat ihm immer gereicht. Heute nicht mehr. Im 21. Jahrhundert muss der Held betroffen sein, mitfühlen können. Branagh fühlt sich berufen, den Detektiv zu hinterfragen und zu erklären. In einem in schwarz-weiß gehaltenen Prolog, der zum großen Teil in den Schützengräben des ersten Weltkrieges spielt, erfahren wir nicht nur, warum Hercule Poirot diesen sehr markanten Bart trägt. Wir lernen auch, dass es seine Beinahe-Verlobte Katherine war, die ihm dazu riet, um eine schwere Gesichtsverletzung zu verdecken.

Die Produktion des Films lag in der Corona-Pandemie lange auf Eis. Abgedreht war der Krimi dann bereits 2019. Und kaum war er fertig, geriet Armin Hammer, der Linnens Ehemann Simon Doyle spielt unter medialen Beschuss, Vorwurf: sexuelle Übergriffe. Hammer bestritt sie, mit seiner Karriere ging es bergab. Die Polizei in Los Angeles ermittelt noch. In "Tod auf dem Nil" ist seine Rolle so tragend, so dass man ihn nur schwer hätte herausschneiden können, wie das Ridley Scott, der hier als Produzent fungiert, als Regisseur mit Kevin Spacey in seinem Alles Geld der Welt gemacht hat. Den Krimi ganz neu zu drehen, war keine Option. Im Werbematerial aber und in den Trailern taucht Hammer gerade so viel wie nötig auf.

Dieser sehr selbstbewusste, angenehm ironiefreie Hercule Poirot ist eine Figur, die gut in die ernsten 20er Jahre unseres Jahrhunderts passt. Ein einsamer Genießer, der gerne seine Ruhe hätte, aber dauernd gebraucht wird. Eine Art Superheld mit signifikantem Schnauzer (statt Stretch) in einem glamourösen Fantasie-Ägypten, der mit albernem Akzent spricht.

Wertung: 4 von 8 €uro
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