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Plakatmotiv: Company Men (2010)

Einfühlsames Drama über Männer
und Frauen in der Wirtschaftskrise

Titel Company Men
(Company Men)
Drehbuch John Wells
Regie John Wells, USA 2010
Darsteller

Ben Affleck, Tommy Lee Jones, Chris Cooper, Suzanne Rico, Kent Shocknek, Adrianne Krstansky, Lewis D. Wheeler, Celeste Oliva, Tom Kemp, Nancy Villone, Chris Everett, Maria Bello, Lance Greene, Kathy Harum, Allyn Burrows u.a.

Genre Drama
Filmlänge 104 Minuten
Deutschlandstart
7. Juli 2011
Inhalt

Zwölf Jahre lang war Bobby Walker seinem Konzern GTX Corporation ein zuverlässiger Mitarbeiter. Doch nun wird er im Zuge einer Rationalisierungsmaßnahme nach all den Jahren einfach auf die Straße gesetzt. Und er ist nicht der Einzige – auch andere hoch qualifizierte Manager wie Phil Woodward und Gene McClary verlieren ihren Job und müssen sich mit ihrem neuen Arbeitslosen-Dasein arrangieren.

Denn dieses bedeutet für Walker und Woodward nicht nur eine Veränderung des Lebensstandards und den Verlust des einzigen Heims, sondern ebenso eine Verminderung des eigenen Selbstwertgefühls. McCleary hingegen, der das Unternehmen mit gegründet hat, muss sich um seine finanzielle Ausstattung keine Sorgen machen, aber die rabiate Art der Unternehmenssanierung, gegen die er angekämpft hat, sorgt für einen Schockzustand, der ihn nach seiner Entlassung in eine Agonie verfallen lässt …

Was zu sagen wäre

Dies ist eine Art Anti-Western. Im Western haben Pioniere das Land mit ihrer Hände Arbeit und mit Waffengewalt groß gemacht. Es gab Helden, Schurken, Indianer und jene, die das Land dann bevölkerten, welches die Helden und Schurken den Indianern abgenommen haben. Im 21. Jahrhundert machen Männer an der Spitze von Unternehmen nur ihr Unternehmen groß. Sie sind keine mutigen Pioniere, die ins Unbekannte aufbrechen. Es sind Männer, die auf Zahlen starren, Kennzahlen: „Wir haben getan, was der Markt von uns verlangt um zu überleben!“ Sie haben Kosten gestrichen, das heißt, sie haben tausende von Mitarbeitern entlassen. „Es ist ein Geschäft, kein Wohlfahrtsverein.“ „Du hast im letzten Jahr 22 Millionen kassiert. Und diese Leute haben ihr Zuhause verloren, ihre Ehen, den Respekt ihrer Kinder.“ Es ist ein bitterer Film über die Welt des 21. Jahrhunderts, in welchem einst erfolgreiche Handwerksbetriebe – Werften, Autobauer, Werkzeugmaschinenhersteller – in großen Unternehmenskonglomerate mit fantasievollen Abkürzungen aufgegangen sind, die die Handwerker gegen Maschinen oder Billiglohnkräfte aus Mexiko ersetzen und die betrieblichen Kennzahlen von BWL-Akademikern kontrollieren lassen. Das, was mal ein stolzer Lebenslauf im American Way of Life war, ist heute im Bewerbungsgespräch Bremsklotz: „Sie haben mal in einer Fabrikhalle angefangen. Das können nicht mehr viele von sich behaupten. Alles, was vor den 90er Jahren war, schmeißen Sie besser raus. Statt die Jahreszahlen aufzulisten, nennen Sie einfach nur Ihre entsprechenden Funktionen und Ihre Verantwortungsbereiche bei GTX. Und hier, wo Sie Ihren Militärdienst erwähnen, schreiben Sie da nicht 'Vietnam'. 'Infanterist mit Kampferfahrung ist beeindruckend genug.“ Als die Kündigungswelle anrollt, fragen Freunde und Kollegen die Geschassten nicht „Wie geht es Dir?“ sondern, „Bin ich auch betroffen?“ Es geht in den Büros nicht um den guten alten amerikanischen Teamgeist. „Wir sind nicht für die Mittarbeiter verantwortlich“, sagt Vorstandsboss Salinger. „Wir arbeiten jetzt für die Aktionäre!

John Wells erzählt die Ausuferungen der Wirtschaftswelt beispielhaft an drei Männern. Es sind konservative Männer. Sie arbeiten und definieren sich über ihren Job und zuhause sorgt die Ehefrau für Ordnung, hält dem Mann den Rücken frei, wie man so schön sagt. Sie alle wohnen in schicken Vorort-Villen mit großer Rasenfläche und freundlichen Nachbarn, die man nur im Golfclub trifft, niemals an der eigenen Mülltonne. Da ist Robert, den alle Bobby nennen, Sales-Manager, 12 Jahre in der Firma, der sich schon mit 37 Jahren schwer tut, einen neuen, adäquaten 150.000-Dollar-Job zu finden. Anberaumte Bewerbungsgespräche hat der Personalchef der umworbenen Firma in der mehrere Flugstunden entfernten Stadt verdaddelt und für eine Woche später in seine Termine eingetragen. Bobby gerät in einen bösartigen Kreislauf, in dem einst erfolgreiche Menschen mit Mitte 30 zu einem falsch eingetragenen Termin in einem Filofax degenerieren. Ben Affleck (State of Play – 2009; Die Hollywood-Verschwörung – 2006; Paycheck – Die Abrechnung – 2003; Daredevil – 2003; Der Anschlag – 2002; Spurwechsel – 2002; Pearl Harbor – 2001; Wild Christmas – 2000; Dogma – 1999; Shakespeare in Love – 1998; Armageddon – Das jüngste Gericht – 1998; Phantoms – 1998; Good Will Hunting – 1997; Chasing Amy – 1997) spielt Bobby gekonnt zwischen Strahlemannlächeln und schierer Verzweiflung. Dem psychischen Niedergang Bobbies können wir zusehen jedesmal, wenn er mit seinem Porsche in seine überdimensionale Doppelgarage fährt: Jedes Mal, wenn wir auf die Garage der Walkers zufahren, sieht diese etwas verwahrloster aus, am Anfang röhrt das Auto, dann ist die Einfahrt nicht mehr gefegt, dann blockiert der Volvo seiner Frau die Einfahrt, dann räumt Bobby die Garage leer auf der Suche nach Sachen, die sich noch zu Geld machen lassen, und schließlich holt die Bank den Porsche ab. Bobbies Frau sieht das gelassen, liebt ihren Mann, nicht den Büromenschen und kürzt klug die laufenden Kosten, zum Beispiel die Mitgliedschaft im Golf-Club, was ihrem Gatten nun so gar nicht in sein Selbstverständnis als Erfolgsmensch passt. „Es ist wichtig, dass ich erfolgreich aussehe, verstehst Du? Ich kann nicht wie irgendein Arschloch auftreten, das sich um einen Job bewirbt!“ „Aber Du bist ein Arschloch, das sich für einen Job bewirbt!!

Ganz anders reagiert Gattin Nummer zwei, die des ausgebooteten Vorstandsmitgliedes Gene McClary. Als die Kündigungs-Welle, die durchs Unternehmen schwappt, längst durch alle Medien geistert, ihr Mann schockiert im Sessel hängt, denkt sie an einen Shoppingtrip mit dem Firmenjet: „Sue und ich wollen eventuell kurz mal rüber nach Palm Beach, für ein Wochenende, irgendwann Ende des Monats. Ein bisschen Shoppen, ein bisschen Golf. Kriegen wir einen Firmenjet von Euch?“ Und als Gene sein Luxusweibchen genervt anblickt: „Gut, dann buche ich einen Flug.“ Gene hat das Unternehmen GTX einst gegründet, er war Vorstand in einer lukrativen Werft. Er holte seinen Collegezimmer-Buddy und besten Freund Salinger an Bord, der heute Vorstandsvorsitzender von GTX ist und Gene gerade ausgebootet hat – die Zahlen der Werft stimmten nicht mehr, also hat er die Werft abgestoßen, Gene damit den Vorstandsposten unter dem Hintern weggezogen. Tommy Lee Jones, der Gene spielt, verfällt seiner geistigen Leere, nimmt erst im letzten Moment den Kampf gegen die Apathie auf und startet, dem American Dream folgend noch mal durch. Tommy Lee Jones kann das mit seinen Dackelblickaugen in feinen Nuancen spielen ("Im Tal von Elah" – 2007; "No Country for Old Men" – 2007; Robert Altman's Last Radio Show – 2006; Space Cowboys – 2000; Rules – Sekunden der Entscheidung – 2000; Doppelmord – 1999; Auf der Jagd – 1998; Men in Black – 1997; Volcano – 1997; Batman Forever – 1995; Natural Born Killers – 1994; Der Klient – 1994; "Explosiv – Blown Away" – 1994; Zwischen Himmel und Hölle – 1993; Auf der Flucht – 1993; Alarmstufe: Rot – 1992; JFK – Tatort Dallas – 1991; Airborne – 1990; "Die Augen der Laura Mars" – 1978). Viel Körperlichkeit benötigt er nicht.

Den dritten Mann hat es am schlimmsten getroffen. Phil Woodward ist über 60, ist stolz auf seine Vergangenheit als Handwerker und verzweifelt, dass er nun nicht mehr gebraucht wird, aussortiert wird. Ramsch. „Die sollen mal versuchen, in einer 90 Zentimeter breiten Röhre zu schweißen. 60 Stunden pro Woche.“ Chris Cooper spielt Phil, als würde der jeden Moment jemanden erschießen. Phil Ehefrau hält den schönen Schein aufrecht, erlaubt ihrem Mann nicht, vor 18 Uhr nach Hause zu kommen; die Nachbarn sollen nichts merken: „Das Schlimmste ist: Die Welt dreht sich immer noch!“, sagt Phil. „Mein Nachbar wäscht immer noch sein Auto. Nur ich bin am Arsch und keiner hat's mitgekriegt.

Das Finale bietet das große Happy End des American Dream. Da hat Autor und Regisseur John Wells seine Botschaft über den entmenschlichten Markt schon an den Zuschauer gebracht. Er hat genau beobachtet und gezeigt, was Jobverlust bedeutet, wie es Männern und Frauen nach der Wirtschaftskrise 2008 ergangen ist, wie sich Standesdünkel und -bewusstsein verselbstständigt haben, dass die Männer und Frauen sich ohne Vorzeige-Job gar nicht vorstellen können, wie Leben geht. Sie haben in Hochhäusern, entworfen von Star-Architekten, gearbeitet, in großen gläsernen Bürofluchten, die Transparenz und Gemeinschaft vorgaukeln, obwohl die Firmenpolitik nicht Gemeinschaftliches hat. Gefeuert werden die Alten mit den teuren Verträgen und, damit die Gewerkschaften mitziehen, „ein paar Alibi-Junge“. Wells hat vor dem Happy End auch die Rollen ausgeleuchtet, die Frauen und Männer in dieser Welt spielen. Männer, die sich weigern, jenseits eines großen Schreibtisches einen Sinn im Leben zu finden. Frauen, die sich in der wirtschaftlich reichhaltigen Karriere ihres Mannes einrichten. Und Top-Manager, die erkennen, dass sie das System „von innen“ nicht mehr revolutionieren können, weil sich das System mit seinen Kennzahlen verselbstständigt hat.

Es hätte ein schonungsloser, böser, sarkastischer Film sein können. Wells hat sich entschieden, seine Mittelstands-Zuschauer lieber nicht verstört nach Hause zu schicken.

Wertung: 4 von 7 €uro
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