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Plakatmotiv: Zwischen Himmel und Hölle (1993)

Oliver Stone schließt seine Vietnam-Trilogie
mit einer Ohrfeige ab – die nicht richtig sitzt

Titel Zwischen Himmel und Hölle
(Heaven & Earth)
Drehbuch Oliver Stone & Stanley Weiser
nach den Büchern "When Heaven and Earth Changed Places" von Le Ly Hayslip & Jay Wurts sowie "Child of War, Woman of Peace" von Le Ly Hayslip + James Hayslip
Regie Oliver Stone, USA, UK 1993
Darsteller

Hiep Thi Le, Tommy Lee Jones, Joan Chen, Haing S. Ngo, Debbie Reynolds, Dustin Nguyen u.a.

Genre Drama
Filmlänge 140 Minuten
Deutschlandstart
27. Januar 1994
Inhalt

Le Ly ist die Tochter eines Reisbauern im Dorf Ky La in Zentral-Vietnam. Sie arbeitet mit ihrer Mutter und den Geschwistern auf den heimatlichen Feldern. Die Schrecken des Krieges kündigen sich an. Nachts nähern sich die kommunistischen Viet Cong dem Dorf. Le Ly ist 12 Jahre alt, als 1965 der erste US-Soldat im Reisfeld der Familie landet.

Ihr Leben verändert sich für immer. Le Ly unterstützt die Kommunisten und gerät zwischen die Fronten. Erst wird sie von südvietnamesischen Regierungstruppen verhört und gefoltert, dann bezichtigen sie die Viet Cong des Verrats und vergewaltigen sie. Nach der Geburt eines unehelichen Kindes in Da Nang schlägt sie sich als Schwarzmarkthändlerin durch, bis ihr der US-Sergeant Steve Butler den Hof macht.

1970 entkommt Le Ly mit Hilfe Butlers nach San Diego. Doch das vermeintliche Paradies entpuppt sich als Albtraum. Der Rassismus im Alltag und das unbewältigte Vietnam-Trauma ihres Ehemanns machen ihr das Leben schwer …

Was zu sagen wäre

Die fiebrige Kamera, die hektischen Schnitte aus Platoon (1986) und Geboren am 4. Juli (1989) weichen elegischen Schwenks über friedliche Reisfelder und vor Ironie triefenden Bildern fetter Kalifornier in überfüllten Supermärkten. Mit dem letzten Teil seiner Vietnam-Trilogie schlägt Oliver Stone einen neuen Ton an, schildert die Ereignisse rund um den Vietnamkrieg aus der Sicht der vietnamesischen Bevölkerung. Diese ist eine Sicht der Vergebung. Sein Film schlägt amerikanischen Kriegspropagandisten so in die Fresse, wie dessen Vorgänger.

Dieser Krieg brachte den Menschen nur eins: eine Menge Friedhöfe!“ postuliert Le Lys Mutter im Finale des Films, das zu einer moralischen Ohrfeige gerät, die die Wange nicht richtig trifft. „Weißt Du, was das heißt, eine Nation nach dem Krieg wieder aufzubauen?“, DVD-Cover: Zwischen Himmel und Hölle (1993) faucht die ältere Schwester Le Ly an, die es nach diesem Krieg in Amerika zu Reichtum und Wohlstand gebracht hat. „Das ist so, als ob man durch eine Vergewaltigung eine Familie gründet.“ Der Vergewaltiger sitzt im Weißen Haus.

Stone, der in seiner anhaltenden Klage gegen die Kriegspolitik seiner Regierung kein Freund subtiler Stilmittel ist, hämmert den Zuschauern seinen Standpunkt über Friedfertigkeit und Vergebung um die Ohren. Dies nämlich ist die Haltung der unschuldigen Vietnamesen mit den freundlichen Gesichtern, die in ihren friedlichen Dorfgemeinschaften die Reisfelder bestellen, welche den Rhythmus des Alltags vorgeben – säen, umpflanzen, ernten, wieder säen und in Einheit mit der buddhistischen Philosophie leben. Bei innerer Unruhe wird der Zauberer des Dorfes gerufen, der weiß, wie man die bösen Geister aus dem Haus vertreibt; es hilft der Bau eines weiteren Schreins, um den Vorfahren Platz zu geben. Und wenn Le Ly bei der Reisernte wissen will „Woher kommen die Babys?“, lacht ihre Mutter fröhlich und behauptet „aus dem Bauchnabel“. Viel später, Le Ly lebt in Da Nang, wo sie sich hartnäckig mit Billigjobs gegen das Schicksal der Prostitution wehrt, bis ihr 400 Dollar geboten werden, wenn sie mit zwei GIs mitgeht: „Lass Dich für den Weltfrieden ficken. Schick die Jungs mit einem Lächeln nach Hause.“ Sie hat mittlerweile gelernt, wo die Babys herkommen, geht dieses eine Mal mit und begründet mit dem Geld ihren ersten Schritt in die Unabhängigkeit. Das Schlechte haben die Fremden gebracht, bei denen man nur mit Geld überleben kann, nicht mit und in der Gemeinschaft des Dorfes. Aber Le Ly hat gelernt, sich fremden Mächten anzupassen.

Dieser subjektive Blick aus den Augen eines Bauernmädchens entführt den Zuschauer in eine exotische Welt. Im ersten Drittel in eine, die tatsächlich ein Gefühl dafür vermittelt, wie das ist, wenn das Leben einer Gemeinschaft zerstört wird, weil es einem Anderen nicht gefällt, weil Hubschrauber aus Irgendwo kommen, bewaffnete Männer abseilen, die erklären, für ihre Sache zu kämpfen, wo doch die Sache der Dorfgemeinschaft immer nur der Reis, das Land und Buddha war, um die es aber den Fremden gar nicht geht. „Die Viet-Cong konnten die Bauern für sich gewinnen, weil sie ihr Leben mit uns zusammen lebten“, erzählt Le Ly, die den ganzen Film mit Kommentaren aus dem Off begleitet. Der Zuschauer mag sich bei diesem Viet-Cong an den bösen 60er-Jahre-Kommunismus erinnern, für die Dorfbewohner sind es, anders als die Fremden mit den Hubschraubern, Gleiche unter Gleichen. Stone will gar nicht dem Kommunismus sowjetischer Prägung ein Kränzchen flechten. Sowohl Soldaten des Viet-Cong als auch die südvietnamesIschen entpuppen sich als sadistische Folterknechte. Der Viet-Cong ist in Stones Film dann noch die eine Nuance schlimmer. Während die Südvietnamesen nur foltern, vergewaltigen die Soldaten des Viet-Cong ihre Gefangenen noch. Für Stone sind das die üblichen Kriegsgräuel – aber wenigstens durch Nachbarn.

Nicht durch Politiker und Militärs vom anderen Ende der Erde, die in Vietnam nichts verloren hatten.

Im zweiten Drittel befasst sich der Film mit der andauernden „Vergewaltigung“ des Landes und deren Auswirkungen: „Die Monate vergingen. Es gab immer mehr Prostituierte und Zuhälter. Der Schwarzmarkt blühte. Alles hatte seinen Preis.“ Dazu sehen wir vietnamesische Kinder im Straßenstaub sitzen und gesichtslose GIs, die Schwarzmarkthändler weg schubsen wie lästige Fliegen. Im letzten Drittel zeigt uns der Film die Fratze des Vergewaltigers schließlich in seiner ganzen Hässlichkeit: grell geschminkte Hausfrauen, fette Kinder und weißhaarige Rassisten, die Plastikfleisch, Tiefkühlerbsen und Dosenkartoffeln aus immer prall gefüllten Kühlschränken holen, besorgt aus Supermärkten, deren aus der Froschperspektive gefilmter Überfluss im Kontrast zu den lieblichen Bildern von den Reisfeldern obszön wirkt – was die Dimension des Staunens der vietnamesischen, mittlerweile verheirateten Mutter dreier Kinder ganz gut beschreibt. DVD-Cover (US): Heaven & Earth (1993) Dazu gesellt sich das Trauma ihres irgendwie geliebten Mannes, der auf heimischem, US-kapitalistischem, Boden denselben unter den Füßen verliert: Als Soldat in Vietnam hat er bei schwarzen Operationen Menschen gezielt und brutal getötet. Jetzt steht er vor dem Nichts, trinkt und es wartet ein Untersuchungsausschuss auf ihn. Aber Le Ly hält ihre Schäfchen immer, wenn schon nicht im Trockenen, so doch im nicht allzu Feuchten.

Das Leid seiner Hauptfigur blendet der Film nicht aus, die Folter und Vergewaltigung sind zwei der schwer erträglichen Szenen des Films. Aber die harten Jahre für das junge Bauernmädchen, das sich in einer aus den Fugen geratenen Welt behaupten muss, werden übermalt von der beruhigenden Stimme der Erzählerin aus dem Off, die noch dazu von einem melancholischen Score begleitet wird. Komponist Kitaro erhielt für seine durchdringende Ohrwurmqualität den Golden Globe.

Der Film basiert auf den autobiographischen Romanen "When Heaven and Earth changed Places" und "Child of War, Woman of Peace" von Le Ly Hayslip, insofern gilt Vorsicht bei einer kritischen Betrachtung auf eine gewisse Seifigkeit: Die Erzählerin kann für sich Erlebtes – wenn auch filmisch sicher ein wenig dramatisiert – reklamieren. So wie Oliver Stone das einordnet und dem Zuschauer anempfiehlt, hat der Buddhismus, die Philosophie des Verzeihens, des Verständnisses für den Agressor, Le Ly geholfen und schließlich gerettet; gepaart mit einem vietnamesisch konnotierten Geschäftssinn, der nicht auf den American Way of Bankkredite setzt sondern auf nachbarschaftliches Ich helfe Dir, Du hilfst mir.

Ein Künstler hat die Pflicht, seine Sicht der Dinge in Wörter oder Noten oder Bilder zu fassen. Insofern ist Oliver Stone (JFK: Tatort Dallas – 1991; The Doors – 1991; Geboren am 4. Juli – 1989; "Talk Radio" – 1988; Wall Street – 1987; Platoon – 1986) kein Vorwurf zu machen, dass er sich auf die eine, in diesem Fall die unschuldige Seite schlägt. Bei diesem komplexen Thema greift er aus kühler Berechnung für sein weißes, westlich orientiertes Publikum – schließlich soll der Film über die Kinokasse refinanziert werden – zum Mittel des überwältigenden Kitsches. Das mit dem Kitaro-Score umspülte Dorf der kleinen Le Ly ist derart romantisch, lieblich, bunt und unschuldig, dass der Zuschauer, nachdem er die Invasoren in deren kalifornischem Habitat erlebt hat, gar nicht anders kann, als die US-Vietnampolitik zu verdammen – By the way thematisiert der Film mit einigen Sätzen, dass auch Frankreich, China oder Kambodscha dieses romantische, liebliche, bunte und unschuldige Leben vergewaltigt haben. Und so verlässt der Zuschauer das Kino mit dem Gedanken Okay, Ohrfeige sitzt. Was gibts zum Abendessen?

Wertung: 6 von 10 D-Mark
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