Plakatmotiv: Das Verschwinden der Eleanor Rigby
Es gibt noch
gute Liebesfilme
Titel Das Verschwinden der Eleanor Rigby
(The Disappearance of Eleanor Rigby: Them)
Drehbuch Ned Benson
Regie Ned Benson, USA 2014
Darsteller James McAvoy, Jessica Chastain, Nina Arianda, Viola Davis, Bill Hader, Ciarán Hinds, Isabelle Huppert, William Hurt, Jess Weixler, Nikki M. James, Jeremy Shamos, Wyatt Ralff, Brendan Donaldson, Daron Stewart, June Miller u.a.
Genre Romantik, Drama
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
27. November 2014
Website eleanorrigby-movie.com
Inhalt

Eine Frau und ein Mann sitzen in einem New Yorker Restaurant. Spontan beschließen sie, die Zeche zu prellen. Gemeinsam laufen sie übermütig lachend in einen nahegelegenen Park, wälzen sich im Gras, tauschen Zärtlichkeiten aus und schauen den Glühwürmchen nach.

Zeitsprung: Eleanor Rigby bricht jeden Kontakt zu ihrem Ehemann Conor ab und zieht zurück zu ihren Eltern Julian und Mary. Außerdem entschließt sie sich, wieder ans College zu gehen. Sie hat die feste Absicht ihr Leben grundlegend zu ändern, wobei die Familie und die eigensinnige Professorin Lillian Friedman der jungen Frau beistehen.

Conor wiederum leidet darunter, dass Eleanor alle seine Versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, abblockt. Der Besitzer einer kleinen Bar hat zusätzlich mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und ringt sich schließlich dazu durch, das ehemals gemeinsame Apartment zu verlassen. Vorübergehend kommt er bei seinem Vater Spencer unter, zu dem er nie das beste Verhältnis hatte …

Was zu sagen wäre
Es gibt keine Liebesfilme mehr, weil Google, Smartphones, Tinder und WhatsApp alle Spannung aus dem romantischen Boy-meets-Girl raubt? „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ beweist das Gegenteil. Es gibt sie noch. Man muss nur den richtigen Weg wählen, sie zu erzählen. Die Suche nach der wahren Liebe im real life, also unter den Kinogängern, gibt es ja nach wie vor.

Ned Benson erzählt aber nict mehr chronologisch vom ersten schüchternen Augenblick bis zur Trauung. Er erzählt in Blöcken und er erzählt nicht chronologisch. Er setzt nach der Trennung an, nachdem etwas Furchtbares geschehen sein muss, so furchtbar, dass sich Eleanor in der zweiten Szene des Films, nach dem romantisiertten Zeche-prellen, von der Brücke stürzt und nur durch Glück (wenn man das in so einem Fall so nennen kann) überlebt. Nix SMS. Nix Google. Sondern Menschen und das, was sie ausmacht: Probleme.

Das hat mit der Entstehung des Films zu tun, der Teil ein Triptychon darstellt. Die erste Drehbuchfassung Ned Bensons sah vor, dass die Geschichte ausschließlich aus der Sicht Conors erzählt wird, und Eleanor demnach, wie es auch der Titel andeutet, ohne jede Erklärung aus seinem Leben verschwindet. Seine damalige Lebensgefährtin Jessica Chastain erst regte an, die Rolle der Eleanor weiter auszubauen. Daraus entwickelte sich der Ansatz, zwei Filme zu drehen, einen aus seiner und einen aus ihrer Sicht, was dann auch umgesetzt worden ist. Diese voneinander abhängigen Filme hatten 2013, als „The Disappearance of Eleanor Rigby: Her“ und „The Disappearance of Eleanor Rigby: Him“ Premiere beim Film Festival in Toronto. Erst danach wurden beide Teile geschnitten und zu einer Version zusammengefügt, die dann 2014 beim Filmfestival in Cannes in der Sektion Un certain regard ihre Premiere hatte.

Das wirkt zu Beginn kompliziert, sperrig gar, auch weil Ned Benson auf angekündigte Zeitsprünge verzichtet. Da steht dann nicht „Drei Jahre später“ oder etwas Ähnliches. Aber die Farben ändern sich. Connors Szenen sind in kühlere Farben getaucht, Eleanors in warmen Tönen erzählt. Frisuren ändern sich und machen Zeitsprünge deutlich. Der schöne szenische Einstieg aber mit dem Zeche prellen macht die Figuren sofort sympathisch. Diese Figuren – ein wunderbar zusammengesetztes Ensemble aus Klasse-Schauspielern – heben über schwierige Sprünge hinweg. William Hurt („Seelen“ – 2013; Robin Hood – 2010; Der unglaubliche Hulk – 2008; Das gelbe Segel – 2008; Into the Wild – 2007; „Syriana“ – 2005; The Village – 2004; Spurwechsel – 2002; A.I.: Künstliche Intelligenz – 2001) und Isabelle Huppert („Missbrauch“ – 2013; „In einem fremden Land“ – 2012; „Geheime Staatsaffären“ – 2006) als Eleanors Eltern, denen elterliche Sorge (Hurt) und Überdruss (Huppert) in die Gesichtsfalten gezeichnet steht, spielen unaufgeregt und füllen souverän die Leinwand. Viola Davis spielt Eleanors eigensinnige Professorin – „Warum haben Sie Ihre Dissertation abgebrochen?“ „Ich wurde schwanger.“ „Ah … das.“ Davis versieht ihr Image mit jenen weichen Kanten versieht, die ihr andere Rollen bislang verwehren („Um Klassen besser“ – 2012; Extrem laut & unglaublich nah – 2011; The Help – 2011; Trust: Blindes Vertrauen – 2010; „Eat Pray Love“ – 2010; Knight and Day – 2010).

Und da ist natürlich das Paar selbst. James McAvoy beweist sich als sicherer Wanderer zwischen Blockbusterkino (Trance – Gefährliche Erinnerung – 2013; X-Men: Erste Entscheidung – 2011; „Wanted“ – 2008) und anspruchsvollem Schauspielerkino (Die Lincoln Verschwörung – 2010; „Ein russischer Sommer“ – 2009; Abbitte – 2007); mit kleinen Gesten spielt der den Verlassenen mit Problemvater und beruflichen Problemen. Und Jessica Chastain ist – mit einem Wort – großartig („Salomé“ – 2013; Zero Dark Thirty – 2012; „Texas Killing Fields – Schreiendes Land – 2011; The Help – 2011; „The Tree of Life“ – 2011). Nach einem Schicksalsschlag, der lange unklar bleibt, nach einer Trennung, einem Suizidversuch, vor dem Aufbau von etwas, das ein neues Leben bieten soll … Chastain bewegt sich durch alle Emotionen und reißt mich mit. Ein Film, wie das menschliche Erleben. Es ist nicht linear, es hängt sich an Momenten auf, die in meiner individuellen Erinnerung Gestalt annehmen. Worum geht es hier eigentlich?

Glasklar geschriebene Dialoge entwickeln ein großes Drama um die unmöglichen Möglichkeiten menschlicher Beziehungen – und bitte, wir wollen nicht von Liebe oder sowas reden. „Hast Du Hunger?“ „Ja.“ „Dann mache ich uns mal schnell was.“ Es die einfachen Dinge, die Romantik ausmachen.

Inszeniert gegen alle Regeln, gegen alle Erwartungen. Und trifft dennoch ins Schwarze. „Wir werden nie wieder dorthin zurückkommen. … Da wo es schön ist.“

Wertung: 7 von 8 €uro