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Kinoplakat: The Big Short
Wortgewaltiges Script
mit komplexer Montage
Titel The Big Short
(The Big Short)
Drehbuch Charles Randolph + Adam McKay
nach dem Buch „The Big Short: Inside the Doomsday Machine“ von Michael Lewis
Regie Adam McKay, USA 2015
Darsteller Christian Bale, Steve Carell, Ryan Gosling, Brad Pitt, Finn Wittrock, Karen Gillan, Marisa Tomei, Melissa Leo, Rafe Spall, Hamish Linklater, Rudy Eisenzopf, Casey Groves, Charlie Talbert, Harold Gervais, Maria Frangos, Hunter Burke, Bernard Hocke, Shauna Rappold, Brandon Stacy, Aiden Flowers, Peter Epstein, Anthony Marble, Silas Cooper u.a.
Genre Drama, Biografie
Filmlänge 130 Minuten
Deutschlandstart
14. Januar 2016
Website thebigshortmovie.com/
Inhalt
Michael Burry ist nicht der Typ, den man sich gemeinhin unter einem Hedgefond-Manager vorstellt. Vorzugsweise barfüßig und im verwaschenen T-Shirt sitzt er in seinem schicken Top-Star-Büro, hört Death Metal und trommelt mit seinen Schlagzeugsticks auf dem Schreibtisch herum. Zwischendurch schließt er höchst erfolgreich Millionendeals für seine anleger ab. Mit seiner neuesten idee allerdings macht er sie nervös.

Burry erkennt eine Blase am US-Immobilienmarkt. Akribisch analysiert er die Lage, hinterfragt die Praktik der großen Investmentbanken, Pakete aus Immobilienkrediten ungeprüft mit Top-Ratings auszustatten und an andere Institute weiterzuverkaufen. Er versucht, das ihm anvertraute Kapital zu retten, indem er sich vor dem Abfallen der Kurse mit verschiedenen Geschäften absichert – in anderen Worten: dagegen wettet. Seine Geschäftspartner, zumeist andere Banken, lachen ihn aus. Burrys Kunden ärgern sich über seine in ihren Augen unnötigen Geschäfte und drohen, ihr Kapital abzuziehen.

Andere Investmentbanker werden auf Burrys Geschäfte zur Absicherung des Kapitals aufmerksam und erkennen, dass Burry mit seiner vermuteten Blase im Immobilienmarkt richtig liegt. Sie versuchen aus der Finanzkrise Profit zu schlagen und sichern sich ebenfalls gegen das Abfallen der Kurse ab.

Im August 2007 werden die variablen Zinsen für Interbankfinanzkredite, wie vor zwei Jahren von Burry vorausgesagt, angehoben. Damit platzt die Blase und Burrys Annahme erweist sich als richtig. Er und die wenigen anderen Investmentbanker, die sich vorher abgesichert hatten, haben es geschafft, durch die Krise enormen Profit zu erwirtschaften.

Die Investmentbanken, die vorher mit ihren fragwürdigen Geschäftspraktiken zum Wachstum der Blase beigetragen haben, kommen nicht so glimpflich davon. Etliche Großbanken müssen Insolvenz anmelden, manche werden von den Staaten mit Steuergeldern als „too big to fail“ gestützt. Durch die massiven Kurseinbrüche, Banken-, Firmen- und Privatinsolvenzen gerät die gesamte Weltwirtschaft ins Wanken; der Beginn der Weltwirtschaftskrise 2007 …

Was zu sagen wäre

„Es sind auch Betrüger am Werk. Aber das System wird beherrscht von dummen Menschen“, sagt der Fondsmanager von der Deutschen Bank, als er anderen Fondsmanagern zu erklären versucht, was passiert ist. Dieser Film schafft es, dass 120 Minuten lang ununterbrochen Hedgefonds-Manager und Broker in ihrer Fremdsprache quasseln, der Film auf visueller Ebene – Schnitt und Kamera – noch etwas dichter gedrängt auftritt, wir Normalos im Kinosessel aber dennoch jederzeit verstehen, was Sache ist. 

Ein Koch erklärt faule Hypotheken-Kredite, Selena Gomez virtuelle Hedgefonds

Subprimes“? „Credit Default Swaps“? Kann ich nicht erklären. Aber der Film erklärt es und verlässt dafür mehrfach die Erzählebene und schaltet in den TV-Dokumentations-Modus. Faule Kredite elegant umlackieren und verhökern – wie das glaubhaft funktioniert? Da erzählt dann etwa ein Sternekoch (der mit dem Film ansonsten nichts zu tun hat) in seiner Küche anhand zu viel gekauften Fisches, den er am dritten Tag ja keinem Gast mehr anbieten kann, wie er den zu einer (nicht schädlichen) Suppe verarbeitet, ihr einen schicken Namen gibt und keine Verluste macht.
Ein anderes Mal sitzt Selena Gomez (die ebenfalls mit dem Film sonst nichts zu tun hat) am Blackjack und erklärt – mit allen Umstehenden – einen virtuellen Hedgefonds (der die Weltwirtschaft letztendlich an den Abgrund getrieben hat); sie vertraut auf die Karten in ihrer Hand und nimmt noch eine, darauf sagt ein Zuschauer zum anderen, er wette, dass Gomez gewinne, darauf wettet ein dritter Zuschauer mit einem vierten Zuschauer, dass der wettende Zuschauer zuvor verlieren werde und so weiter und so weiter. Charles Randolph und Adam McKay machen es mit ihrem Script so einfach wie möglich – und sehr komisch. Wenn man denn, wo man doch (nahezu) alles versteht, nur glauben könnte, was man da sieht.

Aber so hat es sich abgespielt, sagt der Film – das heißt: einmal sagt er auch, dass sich etwas nicht so abgespielt habe. Da finden zwei Gründer eines Klein-Fonds im Foyer von Goldman Sachs die potenziell lukrativen Hinweise auf Wetten gegen die Hypotheken (Shorts) und erklären rasch, dass ihre Vorbilder aus der realen Historie an diese Daten in einem Büro gelangt seien. Die Szene im Foyer hilft aber den Drehbuchautoren aber besser, diese beiden Charaktere filmtauglich einzuführen. 

Ein bisschen Oliver Stone – mit Humor statt Zorn

In seiner Machart erinnert „The Big Short“ an Oliver Stones Kino der frühen 1990er Jahre, als er JFK (1991) oder Natural Born Killers (1994) gemacht hat. Die Kamera ist unruhig, irrlichtert fiebrig durch die gläsernen Büros, immer auf der Suche nach dem Fokus und dem ausgewogenen Frame, das Bild ist mal grobkörnig, mal glatt, mal bunt, dann wieder entsättigt, zwischendrin erläutern Texttafeln über Freezeframes wichtige Erkenntnisse. Aber er schwingt nicht Oliver Stones zorniges Breitschwert.

Adam McKay, der sich mit brachialhumorigem Kintopp etabliert hat („Die etwas anderen Cops“ – 2010; „Stiefbrüder“ – 2008; „Ricky Bobby – König der Rennfahrer – 2006; „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“ – 2004), greift lieber zur feinen Klinge, wenn das (reale) Drama absurd wird – nicht Ironie ist sein Degen, sondern elegant hingeworfene Punchlines und Sentenzen aus den Klassikern, etwa, wenn er dem Zuschauer im Kinosaal klar machen muss, wieso denn kaum jemand das Offensichtliche gesehen hat – und wir reden hier nicht von armen Hausbesitzern, die über den Tisch gezogen und am Ende als Steuerzahler ein zweites Mal zur Kasse gebeten wurden; wir reden hier von anderen professionellen Fondsmanagern. Wieso haben die das nicht gesehen? „Die Wahrheit ist wie Poesie!“ sagt eine Texteinblendung. „Aber die Menschen hassen Poesie“.

Zwei Glaubenssätze und Große Akteure

Es sind die beiden Glaubenssätze, auf denen der Film seine Wucht entfaltet: Die Manager, die diese Hypothekenkredite immer weiter getrieben haben, waren vor allem dumm – nur dumme Leute sägen den Baum um, auf dessen Ast sie sitzen. Und: Die Menschen wollen beschissen werden, wollen die Wahrheit gar nicht wissen, solange ihnen Scheiße als Gold hingestellt wird. So einfach muss es wohl sein.

Es braucht einen Exzentriker, derartige Exzesse zu erkennen. Den spielt Christian Bale („Knight of Cups“ – 2015; Exodus: Götter und Könige – 2014; American Hustle – 2013; The Fighter – 2010; Terminator: Die Erlösung – 2009; „Todeszug nach Yuma“ – 2007; Prestige – Die Meister der Magie – 2006; „Der Maschinist“ – 2004; Die Herrschaft des Feuers – 2002; Corellis Mandoline – 2001; Shaft – Noch Fragen? – 2000; American Psycho – 200); wieder mal bemerkenswert. Ist das Coolness? Autismus? Oder Arroganz gegenüber der brunzdummen Blödheit der Wall-Street-Banker, die dieser Michael Burry ausstrahlt? Auf jeden Fall wirkt der sehr gelangweilt, während er seinen Puls mit Death Metal und Schlagzeug spielen hochzutreiben versucht. Steve Carell, der sich seit einiger Zeit aus der Sperma-Comedy-Liga in die I-am-a-serious-Actor-Riege gearbeitet hat („Foxcatcher“ – 2014; „Der unglaubliche Burt Wonderstone“ – 2013; Crazy, Stupid, Love. – 2011; „Date Night – Gangster für eine Nacht“ – 2010; Little Miss Sunshine – 2006; Melinda und Melinda – 2006; Bruce Allmächtig – 2003), spielt eine der wenigen fiktiven Figuren in diesem Film, sein Hedgefonds-Manager Mark Baum ist eng angelehnt an einen Broker namens Steve Eisman; Carell legt diesen Mark Baum als in der Seele verletzten, eruptiven Dickkopf dar, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Carell übernimmt ein wenig die Rolle des großen Bruders, der mich an die Hand nimmt und sicher durch diesen Wirtschaftsdschungel führt. Eine Funktion, die eigentlich Ryan Gosling gehört.

Gosling (Only God Forgives – 2013; Gangster Squad – 2013; The Place Beyond the Pines – 2012; The Ides of March – Tage des Verrats – 2011; Crazy, Stupid, Love. – 2011; Drive – 2011; Blue Valentine – 2010; Lars und die Frauen – 2007; Mord nach Plan – 2002) bleibt sich in seiner Rollenwahl treu. Sein Deutsche-Bank-Manager, der ein doppeltes Spiel spielt und dem Zuschauer als - dann direkt in die Kamera sprechender - Erzähler aus der Handlung heraus dient, ist eine dieser nicht auf den ersten Blick zugänglichen Rollen, die er oft in seiner Karriere spielt (Only God Forgives – 2013; The Ides of March – 2011; Drive – 2011; Blue Valentine – 2010). Es ist keine seiner ganz großen Rollen, aber eine solide Leistung in einer Scharnierfunktion.
Auch Brad Pitt (Herz aus Stahl – 2014; World War Z – 2013; Moneyball – 2011; Inglourious Basterds – 2009; Troja – 2004; Ocean's Eleven – 2001; Spy Game – 2001; Snatch – Schweine und Diamanten – 2000; Fight Club – 1999; Rendezvous mit Joe Black – 1998; Sleepers – 1996), dessen „Plan B“ den Film maßgeblich produziert hat, spielt einen – (für Pitt) wunderbar zurückgenommenen – strubbeligen, schwer reichen zurück-zur-Natur-Ex-Broker, der unverhofft die Chance erhält, seinen Frust an der verdorbenen Finanzbranche abzuarbeiten.

„The Big Short“, für fünf Oscars nominiert (Film, Regie, Christian Bale, adaptiertes Drehbuch, Schnitt), ist in der Tat einer der großen Filme seines Jahrgangs, der bei seinen vielen atemlos wunderbaren Leistungen nur in seiner Machart eine Delle hält; für dieses wortgewaltige, komplexe Script blieb nichts übrig, als den Dokumentarstil anspruchsvoller TV-Dokumentationen zu imitieren. Das hilft dem Zuschauer, das passt zur Story - ist aber nicht innovativ genug, um als „Best Picture“ ausgezeichnet zu werden – es ist nur eine kleine Delle, die zurecht mit der Oscar-Nominierung zum „Best Picture“ belohnt ist.

Wertung: 7 von 8 €uro
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