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Kinoplakat: Insider
Ein meisterhafter Thriller, der ohne die
üblichen Genre-Exzesse auskommt
Titel Insider
(The Insider)
Drehbuch Eric Roth + Michael Mann
basierend auf dem Artikel „The man who knew too much” von Marie Brenner
Regie Michael Mann, USA 1999
Darsteller Al Pacino, Russell Crowe, Christopher Plummer, Diane Venora, Philip Baker Hall, Lindsay Crouse, Debi Mazar, Stephen Tobolowsky, Colm Feore, Bruce McGill, Gina Gershon, Michael Gambon, Rip Torn, Lynne Thigpen, Hallie Kate Eisenberg u.a.
Genre Biographie, Drama
Filmlänge 157 Minuten
Deutschlandstart
24. April 2000
Inhalt

Dr. Jeffrey Wigand arbeitet als Wissenschaftler in der Forschungsabteilung für einen amerikanischen Tabakkonzern. Nachdem er bei der Konzern-Leitung Bedenken bezüglich der Verwendung von Abhängigkeit erzeugenden Zusatzstoffen bei der Zigaretten-Produktion äußert, wird er entlassen.

Nach seinem Rauswurf, spielt er mit dem Gedanken seine brisanten Informationen weiter zugeben. Der TV Produzent Lowell Bergman von der CBS Show „60 Minutes“ will den Wissenschaftler in seine Sendung bringen. Doch damit ist Wigand im Fadenkreuz der Industrie, die ihn finanziell und juristisch unter Druck setzt …

Was zu sagen wäre

Das Leben schreibt die spannendsten Thriller. Der Satz ist so abgedroschen, dass ich ihn ruhig mal wieder verwenden kann. Hier stimmt er ja auch noch – wenn auch Michael Mann hier und da ein wenig an der dramatischen Schraube gedreht hat. Es ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte über Macht und Ohnmacht und die Frage, wie weit ein mensch geht, um seine Integrität zu wahren, oder profaner: um noch in den Spiegel senhen zu können.

Michael Mann (Heat – 1995; „Der letzte Mohikaner“ – 1992; „Blutmond“ – 1986) packt die historisch verbürgte Geschichte in vibrierend unruhige, kontrastscharfe Bilder, die William Goldenberg, David Rosenbloom und Paul Rubell mit feinem Gespür für Timing montiert haben. Mann und sein Team haben einen rasanten, heftig pochenden Film gedreht, getragen von zwei virilen Kerlen, die beides Insider sind – der eine der titelgebende Insider in der Tabakindustrie, der andere Insider für die Mechanismen der Medien – da steht der 60-Minutes-Sender CBS zum Verkauf und die Senderspitze bekommt kalte Füße, ob eine mögliche Millionenklage der Tabakindustrie gegen den Sender möglicherweise den Verkauf torpediert – da ist der Scoop plötzlich entbehrlich: „Die Presse ist für den frei, dem sie gehört!

Kinoplakat (US): InsiderObwohl Al Pacino mitspielt, trägt diesen Film Russell Crowe auf seinen breiten Schultern, die hier der Rolle angemessen, ein wenig angefettet sind. Crowe, den die Regisseure gerne in physischen Rollen einsetzen (L.A. Confidential 1997; „Virtuosity“ – 1995; „Schneller als der Tod“ – 1995) – demnächst besetzt ihn Ridley Scott als Gladiator im Circus Maximus – muss sich hier auf sein Minenspiel hinter Brille verlassen, dazu langweilige Bürohemden tragen. Crowe verschwindet völlig hinter Jeffrey Wigand, einem Getriebenen, der sich „nicht immer unter Kontrolle“ hat und bisweilen „mehr trinkt, als mir gut tut“, dessen Welt zerfällt: „Ich habe alles aufgegeben, was mir etwas bedeutet hat und Sie schneiden mich aus dem Beitrag?!?

Pacino hat die zwiespältigere Rolle. Er ist der Mann vom Fernsehen, wird zum begreifbaren Manipulationsmechanismus der Medien. Die Kontroverse um den 60-Minutes-Bericht, der angeblich die tatsächlichen Missstände in der Zigarettenherstellung gar nicht in vollem Umfang aufzeigte, machte 1994 Schlagzeilen. Pacino, auch ein Mann des kraftvollen Spiels, hält sich weniger zurück (Im Auftrag des Teufels – 1997; City Hall – 1996; Heat – 1995; Der Duft der Frauen – 1992; Dick Tracy – 1990; Sea of Love – 1989; Scarface – 1983; Hundstage – 1975; Der Pate – 1972). Er darf seinem Temperament ein paar mal die Sporen geben.

Michael Mann lässt dieser Geschichte zweieinhalb Stunden Lauf. Er ist keine Minute langweilig, weil er von drei Duellen erzählt. Wigand kämpft nicht nur gegen die Tabakindustrie. Er kämpft auch gegen das Fernsehen, gegen den Producer Lowell Bergman, der ihm seine Integrität erst beweisen muss. Und Bergman kämpft gegen seinen Sender, der ihn am entscheidenden Punkt der Geschichte hängen lässt. Manns Film erzählt auch eine eindrucksvolle Studie über die Manipulationsmechanismen der Medien – „Es geht hier nicht darum, ob Sie die Wahrheit sagen oder nicht!“.

Es geht auch über die Macht großer Konzerne. Es ist erschreckend, was der Film Big Tobacco an Drohkulissen gegen entlassene Mitarbeiter unterstellt. Unklar ist, wie authentisch anonyme E-Mails sind, in denen „We will kill You. We will kill all of You. Shut the fuck up!“ gedroht wird. So etwas macht sich gut in Thrillern und wird beim anschließenden Kneipenbesuch im allgemeinen nicht mehr ernst genommen. Im vorliegenden Fall aber, der auf wahren Begebenheiten beruht, müssen es vergleichbare Drohungen wohl gegeben haben. Erschreckend.

Bedrohlich.

Wertung: 11 von 11 D-Mark
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