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Plakatmotiv: Bad Boys for Life (2020)

Das Franchise hinkt weiter hinterher.
Diesmal aber wenigstens unterhaltsam.

Titel Bad Boys for Life
(Bad Boys for Life)
Drehbuch Peter Craig + Joe Carnahan + Chris Bremner
mit Charakteren aus der Feder von George Gallo
Regie Adil El Arbi & Bilall Fallah, USA, Mexiko 2020
Darsteller

Will Smith, Martin Lawrence, Vanessa Hudgens, Alexander Ludwig, Charles Melton, Paola Nuñez, Kate del Castillo, Nicky Jam, Joe Pantoliano, Jacob Scipio, Theresa Randle, DJ Khaled, Happy Anderson, Bianca Bethune, Dennis Greene u.a.

Genre Action
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
16. Januar 2020
Website www.badboysforlife
Inhalt

Mike Lowrey und sein Partner Marcus Burnett stehen immer noch im Dienst der Polizei und treiben Captain Howard nach wie vor mit Missionen zur Weißglut, die in Destruktionsorgien enden. Während Einzelgänger Mike immer noch mit seinem Job (und seinem flotten Schlitten) verheiratet ist, wird Familienmensch Marcus zunehmend klar, dass er seine zweite Lebenshälfte lieber im Kreise seiner Liebsten verbringen will – anstatt sich Hals über Kopf von einer waghalsigen Mission in die nächste zu stürzen.

Nachdem Mike eines Tages allerdings Ziel eines Attentats wird, überschlagen sich die Ereignisse, sodass den beiden nichts anderes übrig bleibt, als Jagd auf dessen Angreifer zu machen, der ein dunkles Geheimnis birgt und alles in seiner Macht stehende tut, um die Befehle seiner Mutter erfolgreich auszuführen. Und die will vor allem eines: den Tod von Mike Lowrey …

Was zu sagen wäre

Wahrlich: "Fürs Leben". Augen reiben, als die ersten Trailer über die Leinwand liefen: Die? Wie lang ist das her? 17 Jahre seit Bad Boys II. In der Zeit ändert manch einer aus der Kernzielgruppe dreimal seinen Familienstand. 25 Jahre, seit Mike Lowrey und Marcus Burnett zum ersten Mal im Kino tobten. 1995, in Deutschland damals drei Wochen vor dem heiß ersehnten Stirb langsam – Jetzt erst recht. Der zeitgenössische Teuer-Geld-Film definierte sich zwischen den Polen Pulp Fiction, Forrest Gump und Jurassic Park. Auf die Jungs aus Miami wartete niemand. Aber sie machten Kasse. Anders als die gerade genannten Filme hinterließen sie keinen Fußabdruck in der Filmgeschichte, waren im Boxoffice aber ähnlich erfolgreich: 19 Millionen Dollar kostete der erste Film, der 142 Millionen einspielte. Der zweite kostete dann gleich das sechseinhalbfache, 130 Millionen Dollar, und spielte 273 Millionen Dollar ein. Für Will Smith war der Film 1995 der Einstieg in eine sehr erfolgreiche Karriere als Kinoheld (Hitch – Der Date Doktor – 2005; I, Robot – 2004; Men in Black 2 – 2002; "Ali" – 2001; Die Legende von Bagger Vance – 2000; Wild Wild West – 1999; Der Staatsfeind Nr. 1 – 1998; Men in Black – 1997; Independence Day – 1996).

Smith ist seit einigen Jahren wieder rege im Geschäft, dreht Film an Film ("Gemini Man" – 2019; Aladdin – 2019; Verborgene Schönheit – 2016; Suicide Squad – 2016; Focus – 2015; "After Earth" – 2013; Men in Black 3 – 2012; Hancock – 2008; "I Am Legend" – 2007). Plakatmotiv: Bad Boys for Life (2020) Er war zwischenzeitlich auf der Leinwand kürzer getreten, wahrscheinlich um sich um seine Musik zu kümmern und um seine Familie – nach einem Sohn aus erster Ehe hat er mit seiner zweiten Frau Jada Pinkett Smith noch Sohn Jaden und Tochter Willow, die 1998 und 2000 zur Welt kamen; mit Jaden stand er gemeinsam in der Dystopie "After Earth" vor der Kamera – als Vater und Sohn.

Smith ist ein Familienmensch. Vielleicht hat ihn das gereizt, nach so vielen Jahren seinem Mike-Lowrey-Charakter ein Update zu verpassen. Der notorische Single Lowrey will sich einfach kein Weibchen zur Paarung nehmen, während sein Partner Marcus eben gerade unter Rührtränen seinen ersten Enkelsohn auf Erden begrüßt. Man wird älter. Marcus ist das klar. Auf die halsbrecherische Mörderjagd war er ja nie wirklich scharf; er hatte immer mehr Angst vor dem Zorn seiner geliebten Frau Theresa, als vor Killern. Deswegen tritt er zu Beginn des Films seinen Ruhestand an.

Aber Lowrey hat nichts anderes. Vor allem aber hat er im aktuellen Film keinen Superheldenstatus mehr. Er ist der Mann von gestern. Die Männer von heute sind smarte Whizkids, deren Finger schneller über die Tastaturen ihrer Laptops rasen als Lowrey mit seinem Porsche in die Kurven der Straßen von Miami. Was Lowrey einst allein beherrschte – mit Charme umgarnen, mit der Uzi alles niedermähen und mit Hieben die Schläger auf Abstand halten – verteilt sich heute auf mehrere junge Spezialisten: der Asiate, der mit jedem Türsteher vor jedem Nachtclub auf Du ist, die smarte Latina in schusssicherer Weste, die nie daneben schießt und der ehemalige Rausschmeißer, ein blonder Hüne, der der Gewalt abgeschworen hat, dafür aber jedes Passwort in No-time knacken kann. Sie beherrschen die Polizeiarbeit à la 21. Jahrhundert, sie kennen ihre Pappenheimer, sie kennen ihre Stadt. Weil sie ihre Überwachungscomputer beherrschen.

Diese Erfahrung, mit der modernen Technik überfordert zu sein, machen alternde Kinohelden ja öfters; Stirb-Langsam-Bruce musste da 2007 schon durch. Und der löste sein Problem damals dennoch auf seine handelsübliche Art und Weise – mit Schlägen und automatischen Waffen. Mike Lowrey, der alleinstehende Porschefahrer, der nur einmal in seinem Leben irgendwie ernsthaft verliebt war, löst sein Problem heute auch mit Fäusten und automatischen Waffen. Aber nicht alleine. Mal abgesehen davon, dass die neu gegründete PoliceSquad AMMO (Advanced Miami Metro Operations) von einer Ex-Geliebten Lowreys geführt wird, was dem alternden Cop gleich eine familiäre Perspektive schon auf den ersten Drehbuchseiten gönnt, und dass die Annäherung der jungen AMMO-Cops an den nach einem Attentat gerade so wieder genesenen Alter-Hase-Lowrey wirkt wie eine unschön aus dem Ruder laufende Familienfeier, entwickelt sich auch die übergeordnete Mörderstory zu einer sehr persönlichen Familiengeschichte des Mike Lowrey – „Familie ist das einzige was zählt!“.

Das hat Tradition im puritanisch geprägten Hollywood. Schon die in den 1980er Jahren gestartete, sehr erfolgreiche Kinoaction Lethal Weapon punktete zwar mit Over-the-Edge-Action-Sequenzen, entwickelte sich aber von Film zu Film mehr zu einer Familiensaga, deren zentraler Satz „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Plakatmotiv (US): Bad Boys for Life (2020) Auch dieses Mal also ist das Bad-Boys-Franchise nirgendwo innovativ, sondern, seiner Tradition folgend, Aussauger längst erfolgreich erprobter Erzählmuster.

Michael Bay, der die beiden ersten Teile maßgeblich zu verantworten hatte, versuchte geradezu zwanghaft, zwei Sprüche klopfende Comicfiguren gegen groteske Unterweltburschen antreten zu lassen; besonderer Gimmick war die als alberne Comedy inszenierte Familiengeschichte der einen Comicfigur. Die Folge: Der zweite Film verspritzte noch mehr zynisches Gift als der erste. Jetzt, im Schatten der drohenden Pension, werden aus beiden Comicfiguren … Figuren aus Comics des 21. Jahrhunderts. Comics des 21. Jahrhunderts betrachten ihre Charaktere und vor allem familiäre Bande mit viel mehr Ernst und Suspense. Lowrey und Burnett bekommen eine zweite Ebene spendiert – Tiefe.

Also "Tiefe" nicht auf Ingmar-Bergmann-Niveau. Sondern im Vergleich zu den Vorgängerfilmen. Der Leerlauf in Dramaturgie und Dialog ist diesmal überschaubar. Es rührt statt dessen sogar, wenn die gesetzten Herren ihr Alter mit Färbemittel fürs Kinnbarthaar kaschieren. Immer noch gilt für das Franchise, dass der jeweils aktuelle Film der State-of-the-Art-Action fünf Jahre hinterher hinkt. Aber dieser hier ist unterhaltsam. So unterhaltsam, dass ich ein paar Mal tatsächlich gelacht habe. Und manche Kampf-Choreographie schaut man sich nach dem Heimkino-Release auch gerne dreimal an.

Andererseits: Das Problem mit Familienfilmen ist, dass Familienprobleme nie endgültig gelöst sind. 90 Millionen Euro durfte das Regieduo Adil & Bilall für ihren Film ausgeben. Im weltweiten Boxoffice holten sie rund 419 Millionen US-Dollar. Mit dem Abspann kündigt sich ein weiterer Bad-Boys-Film an.

Wertung: 4 von 8 Euro
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