Kinoplakat: The Revenant – Der Rückkehrer
Leo DiCaprios
Passionsspiele
Titel The Revenant – Der Rückkehrer
(The Revenant)
Drehbuch Mark L. Smith + Alejandro González Iñárritu
nach Teilen des Romans „Der Totgeglaubte“ von Michael Punke
Regie Alejandro González Iñárritu, USA 2015
Darsteller
Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck, Paul Anderson, Kristoffer Joner, Joshua Burge, Duane Howard, Melaw Nakehk'o, Fabrice Adde, Arthur RedCloud, Christopher Rosamond, Robert Moloney, Lukas Haas u.a.
Genre Abenteuer, Drama
Filmlänge 156 Minuten
Deutschlandstart
07. Januar 2016
Website the-revenant
Inhalt
Anfang 19. Jahrhundert: Der Trapper Hugh Glass und sein Sohn Hawk ziehen mit einer Expedition der Rocky Mountain Fur Company durch das Gebiet der heutigen Bundesstaaten North Dakota und South Dakota. Als die Expedition von einer Gruppe Arikaree angegriffen wird, müssen die Männer unter schweren Verlusten die Flucht antreten und viele ihrer erbeuteten Pelze zurücklassen. Nur ein knappes Drittel der Männer kann sich auf ein Boot retten.

Da die Indianer die Trapper entlang des Ufers verfolgen, verlassen die Männer kurz darauf das Boot, um sich auf dem Landweg zum Fort durchzuschlagen. Unterwegs wird Glass von einer Grizzlybärin angegriffen. Obwohl er sehr schwer verwundet wird, kann er das Tier mit einem Messer töten. Seine Begleiter versuchen, ihn zurück ins Fort zu transportieren, geben aber bald auf – der Winter kommt, die Berge sind zu steil, um Glass auf der Bahre zu transportieren. Sein Sohn Hawk kann den Anführer der Gruppe, Captain Henry, gerade noch davon abhalten, seinem Vater den Gnadenschuss zu geben. Stattdessen bleiben Hawk, der junge Jim Bridger und der ehemalige Soldat John Fitzgerald mit Glass zurück – Fitzgerald nur, weil Captain Henry jedem der drei Männer 100 Dollar verspricht.

Es dauert nicht lang, da will Fitzgerald der – in seinen Augen – vergeblichen Mühe ein vorgeblich menschliches Ende bereiten und Glass töten, um weiterziehen zu können. Als Hawk ihn davon abhalten will, wird er vor den Augen seines an die Tragbahre gefesselten Vaters von Fitzgerald ermordet. Den dritten im Bunde, Bridger, überzeugt Fitzgerald, dass Hawk verschwunden ist und sich die Indianer nähern. Man müsse Glass daher zurücklassen.

Obwohl er noch lebt, wird er von Fitzgerald in ein kurz zuvor ausgehobenen Grab gelegt und mit wenig Erde bedeckt. Wider Erwarten stirbt Glass aber nicht, sondern wühlt sich aus dem Grab frei. So schwer seine Verletzungen auch sind – Glass will nicht ruhen, bis er den Mörder seines Sohnes gestellt hat. Es liegt ein langer Weg vor ihm – mit offenen Wunden, verletztem Bein robbt er sich Meter um Meter vorwärts durch die verschneite der Bergwelt der Rocky Mountains …

Was zu sagen wäre

Und dann – in der letzten Einstellung – schaut der geschundene Leonardo DiCaprio schließlich direkt in die Kamera, mit flehendem Blick fordert er … den Oscar; den er sicher verdient hat – nur nicht ausgerechnet für diese Rolle (The Wolf of Wall Street – 2013; Der große Gatsby – 2013; Django Unchained – 2012; J. Edgar – 2011; Shutter Island – 2010; „Zeiten des Aufruhrs“ – 2008; Gangs of New York – 2002; Titanic – 1997; (William Shakespeares) Romeo & Julia – 1996; Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa – 1993). Seht, was ich alles auf mich genommen habe, sagt dieser Blick. Ich habe gefroren, geblutet, gekämpft, gerächt, gerettet … nur zu spielen war da nicht viel. Diese Rolle hätte jeder Schauspielschüler im zweiten Studienjahr spielen können müssen. Zwischen den unfreundlichen Elementen der Natur und der dem Star eng auf den Pelz rückenden Kamera kann man als Schauspieler entweder solide Arbeit – sprich: Überlebenskampf – abliefern, oder sollte vielleicht doch noch mal über den Charme des Kellnerberufs nachdenken.

Dieser „Revenant“ – Titel und Spoiler in einem – ist ganz der Präambel des Hollywoodkinos entsprechend angelegt: Beginne mit einem Erdbeben und steigere dann kontinuierlich das Tempo. Es muss die Passion gewesen sein, die DiCaprio an dieser Rolle gereizt hat: als Schmerzensmann auf der Suche nach Erlösung den Kreuzweg der kalten, schroffen Natur gehen zu müssen. Darin ähnelt er dem anderen großen Schmerzensmann des Kinos im 21. Jahrhundert, dem Feldherrn Maximus, der zum Gladiator gezwungen wurde und die Erlösung in der Arena suchte, um im Elysium endlich seine geliebte, gemordete Frau wieder in die Arme schließen zu dürfen – aber vorher muss er noch seine Rache vollziehen. Nichts anderes will der Trapper Hugh Glass (nomen est durchsichtiges omen). Er will in die Arme seiner von Soldaten gemordeten Frau. Seine Frau war eine Pawnee, eine Indianerin. Das macht den Schmerzensmann zum ultimativen Menschenfreund, dessen Schmerz also nur umso größer wirkt. Er wird von einem Bären angefallen, brennt sich eine offene Halswunde mit Schießpulver aus, er wird lebendig begraben, stürzt einen reißenden Fluss hinunter, gallopiert über eine Bergkante ins Nichts, wird von Indianern angegriffen und friert eigentlich ununterbrochen zum Gotterbarmen – wenn Hollywood ein Erdbeben potenzieren möchte, kennt es keine Grenzen.

Ja, man kann den Film gucken. Er ist mitreißend, allerdings auf dem Niveau einer gut konstruierten Achterbahn. Da ist viel „Aah“ und „Ooh“ und „Iiihhh“, aber wenn ich wieder auf festem Boden stehe, ist es schon vergessen. Alejandro González Iñárritu („Biutiful“ – 2010; „Babel“ – 2006; „21 Gramm“ – 2003; „Amores perros“ – 2000) hat hier den ultimativen Poser-Film abgeliefert. Das Posing konnte man auch schon seinem vorherigen Film, Birdman, vorhalten, aber der hatte dazu eine gute Story. Der vorliegende Film ist esoterisches Allerlei für den gestressten Smartphone-Ritter an der Nine-to-Five-Front, der mal so‘n echtes Survivaltraining erleben will. Das bietet der Film, und zwar so weit, dass sich der Trapper nackig macht und in die aufgeschlitzten Eingeweide eines Pferdekadavers steigt, um der bitteren Kälte zu trotzen. Dass er bis dahin mit verdrehtem Bein, aufgerissenem Körper, aufgeschlitzter Kehle, nass bis auf die Knochen in der verschneiten Bergwelt allen biologischen Zwängen zum Trotz nicht elendig krepiert ist, muss den Hobby-Survivor im Kinosessel nicht stören; der Mann auf der Leinwand hat ja noch eine Mission zu erfüllen und die lautet Rache – damit wir, im gemütlichen Sessel sitzend, das auch ja nicht vergessen, taucht das gemordete Weib immer wieder in Visionen oder wenigstens auf der Tonspur auf.

Den ganzen Film über schwebt auf der Metaebene dieses Cowboy-und-Indianer-Ding mit – die bösen Weißen, die die unschuldigen Ureinwohner angelogen, gemordet und vertrieben haben. Für das US-Publikum entwickelt sich diese – kaum „rühmlich“ zu nennende – Vergangenheit der weißen US-Pioniere ab Mitte des 19. Jahrhunderts ja zunehmend zu dem, was die Nazi-Gräuel schon immer für das deutsche Publikum sind – ein hässlicher Fleck, dem man im Kino bei Nachos und Cola so angenehm Abbitte leisten kann. Auf dem Höhepunkt des Showdowns, beim ultimativen Mann gegen Mann, Gut gegen Böse, als der Film seine clevere Struktur seit zwanzig Minuten verloren hat, hält der Trapper inne und formuliert – auf indianisch – „Die Rache liegt in der Hand Gottes“ und überlässt also den Indianern seinen final cut. Da sind dann die geschundenen Ureinwohner des Kontinents endgültig in den Rang der Heiligkeit aufgestiegen.

Hollywood liebt solche Geschichten – 12 Oscar-Nominierungen sprechen eine klare Sprache. Würden dieser Tage Außerirdische die Menschheit anhand unserer kommerziell gerade erfolgreichen Kinofilme einschätzen, dann rechneten sie mit in Fortpflanzungsdingen verwirrten Büromenschen, die ihre Erlösung in überschaubaren Survival-Szenarien suchen (z.B.: „The Grey – Unter Wölfen“ – 2011, oder „The Road“ – 2009) und dabei von Superhelden in Spandex beschützt werden.

Hätte er denn wenigstens den ein oder anderen der 12 nominierten Oscars verdient? Ja! Emanuel Lubetzki (Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) – 2014; Gravity – 2013; Sleepy Hollow – 1999; Rendezvous mit Joe Black – 1998) hat als Director of Photography großartige Arbeit geleistet. Ich bin ein Fan von ausgefuchsten Plansequenzen – und von solchen langen, ungeschnittenen Einstellungen ist der Film voll – also bin ich da parteiisch; aber was Lubetzki der ohnehin großartigen Natur dieser Region an Großartigkeit oben drauf setzt, das ist wunderschön, atemberaubend, unbeschreiblich – und wenn Sie weitere Floskeln kennen, mit denen Unfassbares fassbar beschrieben werden kann, dann auch diese. Anders ausgedrückt: Während lauter High-Potential-Movies versuchen, mit 3D-Effekten und -Brillen zu punkten, schafft es dieser ausgezeichnete Kameramann, mit normaler Zweidimensionalität echte räumliche Tiefe zu erzeugen.

Regie-Oscar? Ja, der Film presst mich in den Kinosessel – aber nur, weil seine Kamera tief ins Fleisch seiner Protagonisten schneidet (mehrfach beschlägt die Optik, weil der Bär, der Protagonist, der Sterbende ihr zu nah kommt). Das ist – für den Moment – berührend; und Kino ist ein berührendes Medium, insofern wäre das nicht überraschend. Die mutigere Entscheidung wäre aber die für Adam McKay als Regisseur von The Big Short
Best-Picture-Oscar? Auf gar keinen Fall! Da würde ich am „Revenant“ vorbei dem überraschend überraschenden Marsianer die Auszeichnung gönnen – oder dem Zeitungsfilm Spotlight; vielleicht noch der wunderbaren Finanzkrisen-Satire The Big Short.
Hauptrollen-Oscar? Wie gesagt: eigentlich nicht. Und der (für Steve Jobs) ebenfalls – und völlig zurecht – nominierte Michael Fassbender ist auch schon länger im Hoffnungslauf. Wenn Supporting Actor Tom Hardy sich einen Oscar abholt, könnte ich indes nicht meckern. Er ist präsent, füllt die Rolle des Schurken mit bedrohlicher Beiläufigkeit aus und … seine Übel sind verständlich – menschlich unschön, aber nachvollziehbar, zumindest in der ersten Hälfte des Films. Später schickt ihn das Drehbuch dann in die genreübliche Dämonie, die Hardy aber tapfer mitmacht.
„Sound Editing“ und „Sound Mixing“ hätte der „Rückkehrer“ verdient – die kalte, feindliche, wildromantische, nasskalte Wildnis findet sehr authentisch um mich herum statt. Aber hier sind wir schon im Bereich der Unwägbarkeiten – seit „Best Picture“ Der englische Patient (1996) auch den Oscar für das Beste Kostüm abgeholt hat, ist in den technischen Nebenkategorien ohenhin alles möglich.

Kunst soll verstören. Kunst soll den Blick weiten. Ich habe auch schon mal geguckt, wo ich dieses Handbuch gelassen habe, das ich während meiner Bundeswehrzeit bekommen habe, in dem steht, wie ich Norden und Süden trotz bewölkten Himmels identifizieren kann. Wie ich mich vor Kälte schütze, weiß ich ja jetzt – ich muss nur ein totes Pferd finden.

Der Film ist ein grandios fotografiertes Nichts. Spiegel Online formuliert, die Antworten auf die großen Fragen, die der Film anreiße, hätten „die Tiefe einer Fototapete“. Sehr schön formuliert.

Wertung: 4 von 8 €uro