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Plakatmotiv: 96 Hours (2008)

Ein Film, der Vorurteile bedient
und die Rachsucht befriedigt

Titel 96 Hours
(Taken)
Drehbuch Luc Besson & Robert Mark Kamen
Regie Pierre Morel, Frankreich, USA 2008
Darsteller

Liam Neeson, Maggie Grace, Leland Orser, Jon Gries, David Warshofsky, Holly Valance, Katie Cassidy, Xander Berkeley, Olivier Rabourdin, Gérard Watkins, Famke Janssen, Marc Amyot, Arben Bajraktaraj, Radivoje Bukvic, Mathieu Busson u.a.

Genre Action
Filmlänge 90 Minuten
Deutschlandstart
19. Februar 2009
Website foxmovies.com/taken
Inhalt

Ex-Topagent Bryan Mills hat den Dienst quittiert, weil seine Ehe mit Lenore deshalb zerbrach. Nun will er wenigstens bei seiner Tochter Kim wieder Land gewinnen und zieht in ihre Nähe nach Los Angeles.

Als die 17-Jährige bei ihrem Urlaub in Paris mit ihrer Freundin Amanda verschleppt wird, handelt der entsetzte Vater sofort. Mit aller Härte geht er gegen albanische Mädchenhändler vor …

Was zu sagen wäre

Die Welt ist scheiße. Und mit jedem Handelsvertrag, jeder weiteren Öffnung zur uneingeschränkten Globalisierung wird sie scheißer; Sicherheiten gehen verloren, das heimelige Dorfgefühl geht verloren, plötzlich bedrohen albanische Mädchenhändlerringe die zivilisierte Welt, die die Bedürfnisse unterbezahlter eingewanderter Bauarbeiter in ihren Pariser Zeltstädten befriedigen, aber auch gerne von High-Society-Arschlöchern aus den obersten Etagen in Anspruch genommen werden.

Plakatmotiv: 96 Hours (2008)Das ist kein einfacher Film. Er ist plump, weil er einen Comichelden im Zentrum hat, der aus jeder noch so ausweglosen Situation, und sei es durch Glück, einen Ausweg findet. Er ist hart, weil er Entwicklungen zuspitzt, die wir als aufgeklärte Bürger in einem grenzenlosen Europa ungerne aussprechen. Er ist klasse, weil den Arschlöchern so richtig ordentlich in den Hintern getreten wird. Da weiß man im Kinosessel überhaupt nicht, wo man seine Haltung zuerst verorten soll.

Und dann ist da ja auch noch die Ehe des Helden, die über den Dienst am Vaterland in die Brüche ging und in dem er die Ehefrau an einen reichen Typen verloren hat, der seiner Stieftochter zum 17. mal eben ein Pferd schenkt, demselben Geburtstag, an dem er, der biologische, richtige Ex-CIA-Vater ihr eine Karaokeanlage schenkt, weil sie doch so gern Sängerin werden will – aber was ist eine Karaokeanlage schon gegen ein Pferd? Zumal von einem Vater, der nie da war, weil er „für die Regierung im Einsatz war“? Kurz: Unser (Comic)Held ist am Arsch. Allerdings nur so lange, wie die Tochter in den behüteten Vereinigten Staaten von Amerika ist. Was für ein Glück, dass das Drehbuch alle Ängste des Vaters gegen die bourgeoise Laisser-faire-Attitüde der geschiedenen Gattin sehr schnell als berechtigt entlarvt in einer Welt, die weder Recht noch Gesetz kennt. Sobald sich die flügge Tochter nämlich ins wilde, unzivilisierte Europa begibt, ist all das Geld des Stiefvaters nichts mehr wert, weil Banker nicht Töchter aus Mädchenhändlerringen befreien, handfeste Typen hingegen, deren Familienleben über ihren sehr handfesten CIA-Job in die Brüche ging, schon.

Pierre Morel hat unter dem Finanzschirm Luc Bessons, dem Freund furioser Actionstories, einen ordentlichen Rachefeldzug inszeniert, der von der Kunst der Choreografie nicht viel hält. Seine Action ist im Sinne des Wortes zerschnitten – man kann in den Actionbildern kaum Handlung erkennen, weil die Einstellungen so schnell geschnitten sind, dass man den Überblick verliert. Dazwischen agiert ein sehr physischer Liam Neeson, der sich zunehmend von seinen historischen, den patriarchalen, den erhabenen Rollen weg entwickelt hin zur Actionfigur (Batman Begins – 2005; Tatsächlich… Liebe – 2003; Gangs of New York – 2002; K-19 – Showdown in der Tiefe – 2002; Das Geisterschloss – 1999; Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung – 1999; Les Misérables – 1998; Michael Collins – 1996; Nell – 1994; Schindlers Liste – 1993; Ehemänner und Ehefrauen – 1992; Darkman – 1990; Das Todesspiel – 1988; Suspect – Unter Verdacht – 1987; Mission – 1986; Krull – 1983; Excalibur – 1981).

So kämpferisch wie hier war er – in Ansätzen auch nur – in Star Wars, Episode I. Aber in "96 Hours" lassen seine Stunttrainer dazu noch alles elegant anmutende Martial-Arts-Gedöns beiseite zugunsten einer realistisch anmutenden Kampfchoreografie, die auf Effektivität ausgerichtet ist. Außerdem besitzt Neeson halt die Qualität, in seiner zweidimensionalen Figur die Besorgnis eines verzweifelten Vaters durchschimmern zu lassen; einfacher gesagt: Da ist mal ein ausgebildeter Schauspieler in der Rolle des Actionman besetzt, der auch mit Stimme und Mimik arbeitet. Liam Neeson verkörpert den Zorn seiner Figur nachhaltig.

Es ist ein dummer Film, seiner Struktur nach: unbezwingbarer Held, hunderte Danebenschießer mit Dreitagebart, dunkelbraunen Augen und südöstlicher Provenienz, dann naive, unschuldige, blonde Mädchen als Opfer reicher Männer und korrupter Polizisten … das klingt nach Jean-Claude-van-Demme- oder Steven-Seagal-Kino. Aber mit Liam Neeson in der Hauptrolle schauen auch andere Besucherschichten zu – und hören: „Ihr verstoßt gegen das Gesetz, deshalb erpresse ich Euch. Für welche Delikte wollt Ihr eingebuchtet werden? Drogen? Entführung? Prostitution? Sucht Euch was aus. Ihr kommt in dieses Land, nutzt alle Vorteile aus und glaubt, bloß weil wir tolerant sind, sind wir schwach und hilflos. Eure Arroganz beleidigt mich!“ Das spricht nicht nur dem Nationalisten aus der Seele, sondern auch Otto Normalverbraucher: Endlich zeigt es denen mal einer. Die normalen Polizeibehörden mit ihrer unterbesetzten Bürokratie und ihrem 24-Stunden-Abwarten sind in dieser globalisierten Welt nicht mehr zeitgemäß. Das macht den Film politisch.

Der albanische Mädchenhändlerring bleibt zwar ein albanischer Mädchenhändlerring, besetzt mit lauter stiernackigen, verschlagen dreinschauenden Unrasierten. Aber die soziale Unwucht durch unterbezahlte Polizisten, die es real gibt, reiche Gönner, die es real gibt, und die realen der Gesellschaft enthobenen, gerne arabischen Superreichen, die es real gibt, lassen den Zuschauer im Kinosessel mit einem unbequemen Gefühl zurück.

Kein guter, aber ein unbequemer Film.

Wertung: 4 von 7 €uro
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