Kara Zor-El alias Supergirl feiert ihren 23. Geburtstag mit einer Sauftour – und zwar zusammen mit ihrem Hund Krypto quer durch die Galaxis. Abstand zur Erde ist ihr eigentlich ganz recht, denn auf diesem Planeten steht sie sowieso nur im Schatten ihres Cousins Superman.
Außerdem stammen die beiden zwar vom selben Planeten, nämlich Krypton, haben jedoch ein gänzlich unterschiedliches Verhältnis zu ihrer einstigen Heimat. Denn Superman ist bereits als Baby auf der Erde gelandet, während seine Cousine mit eigenen Augen ansehen musste, wie ihre kryptonische Heimatstadt Argo unterging.
Doch sie und Krypto bleiben nicht lange alleine, denn sie geraten an Ruthye Marye Knoll, die den Tod ihres Vaters rächen will.
Der wurde von dem Fiesling Krem getötet. Doch erst als dieser auch Supergirls Hund Kryto vergiftet, schließt sich die Heldin Ruthyes Mission an …
Die Welt der fröhlichen Familien ist vorbei. Die Idee von Häuschen mit Garten ist ausgeträumt. Heute kämpft jeder für sich allein. Als Superman im vergangenen Jahr das DC-Kino-Franchise neu beleben sollte, sah das nach einer Abkehr von der Düsternis seiner Vorgänger aus. Die Helden im DC Extended Cinematic Universe durften jetzt offenbar auch bei Sonnenschein kämpfen.
Hat nicht lange gehalten, diese Idee. Im zweiten Film dieses neuen DC-Universe sind alle einsam. Unter der Regie von Craig Gillespie (Cruella – 2021; I, Tonya – 2017; Lars und die Frauen – 2007) lebt Kara Zor-El in ihrem abgerockten Raumschiff und hält sich bevorzugt im Bereich Roter Sonnen auf, weil nur da der Whisky seine volle Wirkung entfaltet. Sie hält nicht viel von der Idee Lebensfreude, Gemeinschaft, Familie. Das hat sie alles verloren. Nicht von jetzt auf gleich, sondern über Monate, Jahre auf einem im Weltraum treibenden Felsbrocken, der mal die Stadt Argo auf Krypton war, die ihr Vater aus dem Planeten geschnitten hatte, bevor der explodierte. Alle anderen, bis auf Kara, wurden vom frei gesetzten Krypton dahin gerafft. Diese Frau ist so einsam, dass sie ihren Hund "Buddy" nennt und ihm alle Freiheiten lässt. Es gibt noch diesen Cousin auf dem Planeten Erde, Clark, der sich rührend um sie bemüht, aber „er sieht das Gute im Menschen, ich die Wahrheit“, fällt also als Gesprächspartner eher aus.
Es wirkt deshalb nur im ersten Reflex lachhaft, wenn man den Plot des Films so zusammenfasst: Kara muss ihren Hund retten; das ist ihre Mission. Um dieser Storyline Wucht zu geben, baut das Drehbuch drumherum noch ein junges Mädchen mit Rachefantasien, das aber noch zu klein ist, um allein gegen ihre Peiniger in die Schlacht zu ziehen, und also Hilfe braucht, die ihr die schwer verkaterte Kara nicht bieten möchte. Es gibt eine Räuberbande, die "Briganten", die durchs All zieht und Mädchen raubt, „um den Fortbestand ihrer rein männlichen Spezies zu sichern“; einem dieser Briganten um den Hals hängt, was Kara braucht, um ihren Hund zu retten. Und es gibt Lobo, ein „Unsterblicher mit Gottkomplex“, Zigarre und fliegendem Motorrad. Den spielt Jason Momoa als rauflustigen Nachbarn, der nicht so richtig Fuß fasst in diesem Film, dafür immer zufällig zur Stelle ist, wenn seine Gewaltausbrüche von Nutzen sind (The Fall Guy – 2024; Aquaman: Lost Kingdom – 2023; The Flash – 2023; Fast & Furious 10 – 2023; Dune – 2021; Aquaman – 2018; Justice League – 2017; Batman v Superman: Dawn of Justice – 2016; Shootout – Keine Gnade – 2012).
Die Welt in diesem Film wirkt so fremd, wie die Familie, die uns Mutter nach der jüngsten Trennung als neue Familie vorstellt. Da sind einfach nur andere selbstsüchtige Idioten, die mir ans Leder wollen.
Damit ist das niedliche Supergirl aus den alten Comics und der 2015er TV-Serie in der hässlichen Gegenwart angekommen. Als Superman in die Welt kam, war die Familie noch geordnet. Heute leben die meisten Menschen eine gebrochene Familienbiografie. Allein erziehende Mütter. Verschwundene Väter. Patchworkfamilien. Für kleine Kinder die perfekte Melange, um sich verloren zu fühlen. Und Superheldencomics richteten sich immer an die Zielgruppe der Verlorenen, der Geprügelten, die beim Fußball als letzte in die Mannschaft gewählt werden.
Man hat dauernd das Gefühl, als habe Kara den Abflug ihrer Kumpel von den Guardians of the Galaxy verpennt und müsse jetzt allein zurecht kommen. Die fremden Welten, die glitschigen Kneipen, die Kreaturen und Halsabschneider, alles sieht aus wie bei den Guardians. Aber wo die in solchen Locations wenigstens als Team zusammenfinden und sich lustig streiten, dem Zuschauer Orientierung bieten können, hat Kara nur das kleine Mädchen mit dem Rachewunsch, also muss die Location für Dynamik sorgen. Und in der ist das Leben als Kryptonierin nichts Besonderes. Der nächste Planet mit Roter Sonne ist immer nur eine Drehbuchidee weit entfernt. Die Schurken haben Waffen auf Kryptonitbasis entwickelt, sollte ihnen ein Kryptonier mal dumm kommen. Die Supermänner und -mädchen im neuen DC Extended Universe ziehen gegen ihre Gegner oft den Kürzeren. Erst wenn sie lernen, Mensch zu sein, gewinnen sie. Das war in Superman aus dem vergangenen Jahr so und das ist bei "Supergirl" auch so. Sie will ihren Hund retten, muss aber verstehen, dass sie erst ihre selbst gewählte rotzige Einsamkeit abschütteln und in den Kreis der Menschen eintreten muss.
Kara Zor-El ist eine moderne Interpretation dieser Frau mit Superkräften, für die der falsche Rahmen gewählt worden ist. Die Geschichte, wie diese verwundete Seele vorsichtig wieder Vertrauen aufbaut, in eine Gemeinschaft zurückkehrt, hätte einen leiseren Film gebraucht, sowas im Stil des ersten Ant-Man (2015) – aber das lässt sich im heutigen Superheldenkino wohl nicht mit den Erwartungen der zahlenden Masse in Deckung bringen. Wenn "Supergirl" drauf steht, muss es krachen, braucht es Weltraum, braucht es un-un-unbezwingbare Böse in glibberigen Bars mit doppelköpfigen Ratten, Trinkmilch aus Echsenbrust und interplanetarischen Linienbussen.
Ich lasse die laute Bilderflut über mich ergehen und freue mich an den kleinen Momenten, in denen die Tragik der Titelheldin mal durchdringt und Milly Alcock zeigen kann, dass sie dieser Titelfigur interessante Konturen verleiht.
Übersicht: Helden im Comic, Helden auf der Leinwand
