Kinoplakat: Strange Days
Bombastische Bilder,
denen die Luft aus geht
Titel Strange Days
(Strange Days)
Drehbuch James Cameron + Jay Cocks
Regie Kathryn Bigelow, USA 1995
Darsteller

Ralph Fiennes, Angela Bassett, Juliette Lewis, Tom Sizemore, Michael Wincott, Vincent D'Onofrio, Glenn Plummer, Brigitte Bako, Richard Edson, William Fichtner, Josef Sommer, Joe Urla, Nicky Katt, Michael Jace, Louise LeCavalier u.a.

Genre Science Fiction
Filmlänge 145 Minuten
Deutschlandstart
1. Februar 1996
Inhalt

1999 sind Clips die ultimative Droge für jeden Junkie. Clips erlauben es, Erlebnisse anderer Menschen quasi am eigenen Leib nachzuvollziehen – vom Fallschirmsprung über harten Sex bis hin zum Tod. Im endzeitlichen Los Angeles dealt der heruntergekommene Lenny Nero mit diesen visuellen High-Tech-Drogen.

Lennys gute Freundin, die Leibwächterin Mace, sieht seine Geschäfte nur ungern und versucht, sich und ihren kleinen Sohn von dieser Technik und von Kriminalität allgemein fernzuhalten, was im düsteren Los Angeles kurz vor der Jahrtausendwende nicht leicht ist. Sie sorgt sich um Lenny, der mit Hilfe der Clips in Erinnerungen an seine zerbrochene Beziehung zu der Rocksängerin Faith schwelgt.

Lenny wird ein Clip zugespielt, der den Mord an einer Prostituierten zeigt, die ihrerseits Zeugin in einem Mordfall war, bei dem zwei weiße Polizisten einen schwarzen Rapper hinrichteten. Lenny verdächtigt Philo, den Manager und neuen Lover seiner Ex Faith, die Prostituierte umgebracht zu haben und will ihn auf der großen Silvesterparty am Times Square stellen, wo Faith auftreten soll. Schüsse fallen, die Situation gerät außer Konrolle, zumal die Polizei nicht in erster Linie für Ordnung zu sorgen scheint …

Was zu sagen wäre

So ähnlich war das zu erwarten, wenn James Cameron (True Lies – 1994; Terminator 2 – 1991;Abyss – 1989; Aliens – Die Rückkehr – 1986) ein Drehbuch schreibt, das die Regisseurin Kathryn Bigelow – bekannt für Testosteron-Kino mit hohem Frauenanteil („Gefährliche Brandung“ – 1991; „Blue Steel“ – 1989; „Near Dark“ – 1987) – verfilmt: Bombastische Bilder, schnelle Schlagzahl und die Frauen sind am Ende die Gewinnerinnen – und sie schlagen allemal härter zu, als ihre männlichen Kompagnons. Angela Bassett als Leibwächterin zeigt einen ordentlich trainierten Oberarm, Juliette Lewis barbusige Überlebenstrategien.

Eine Erklärung, die kein Ende nimmt

Aber Camoeron und Bigelow kommen nicht zum Punkt. Es dauert 50 Minuten, bis die eigentliche Story, um die es geht, losgeht. Bis dahin zeigt Bigelow mir eine Welt voller Gewalt. Gerade ist ein einflussreicher Sänger ermordet worden, in 48 Stunden steigt die Mega-Sylvesterparty, die Cops greifen hart durch, das Volk wehrt sich ebenso hart, in den Straßen brennen die Autos. Drumrum flackert die Medienmaschinerie aus allgegenwärtigen Monitoren und Lenny Nero ist so etwas wie der Programmdirektor. Er verkauft die Droge dieser Zeit – fremder Leute Erlebnisse „Ich leiste einen humanitären Dienst; ich verkaufe Leben“, rechtfertigt er sich, bevor er sich selbst das Headset überzieht und in seinen toten Erinnerungen schwelgt, von denen er nicht mehr lassen kann. „Du schwimmst einfach gelassen auf dem Rücken durch die große Kloschüssel des Lebens“, hält ihm Angela Bassett an einer Stelle vor. „Aber irgendwie lässt Dich das völlig kalt. Du bist irgendwie wie ein Teflon-Mann. Du hälst Dich für unverwundbar.“

Dass er das nicht ist, unverwundbar, ist bald klar. „Lenny der Loser“ schleimt sich durch die straßen der Nacht, immer auf der Suche nach dem nächsten Deal. Aber für diese Suche, für diesen Deal braucht Bigelow viel Zeit, um dem Kinopublikum zu erklären, was das genau ist, was Lenny da verkauft und wie das funktioniert. Und, dass Lenny ein veritabler Arsch ist, der seine wenigen … Freunde skrupellos ausnutzt und hintergeht. „Lenny, der Loser“ nennt ihn Philp Gant, der Musikmanager, der ihm Faith weggenommen hat, die einzige Frau, die Lenny je geliebt hat – Juliette Lewis spielt diese Faith in der gewohnt guten Mischung aus verletzlichem Mädchen und Kajal-Schlampe, die im engen Glitzerkleidchen „I can hardly wait“ ins Mikrofon stöhnt.

Die große Vision verpufft

Und dann läuft endlich das eigentliche Drama an und da ist dann diese verstörende Erfindung – Clips – im Erzählfluss einfach wie ein Video, auf denen ein Mord nachgewiesen werden kann – ein 4D-Video halt, das in früheren Filmen ein schlichtes Audiotape gewesen ist … diese tolle Technik, die uns dreiviertel Stunde lang erklärt wird und von der man also annimmt, dass sie noch ein ganz großes Ding werden wird, ist nichts weiter als eben das: eine MiniDisc, die man einlegt und anguckt … konservierte Erinnerungen, eine creepy Vision, das schon, und irgendwie passend zu dieser kaputten Welt, aber dafür, dass darum herum ein zweieihalbstündiges Gewese aufgebaut wird, zischt der als übergroße Vision angelegte Thriller auf schlichte, durchschaubare Intrigenstory zusammen.

Cameron und Bigelow verkaufen diesen bildgewaltigen Thriller als süffisante Gesellschafts- und Medienschelte. Aber je länger der Film dauert, desto banaler wird die Handlung, deren größte Überraschung ist, dass der weißhaarige Polizeichef hier am Ende tatsächlich nicht der Oberschurke ist, sondern das, was die ganze Zeit behauptet worden ist, unbescholten.

Erstaunlich, dass Bigelow und Cameron aus ihrem Thema nicht mehr Nektar gesogen haben und sich statt dessen hinter der – irgendwie mystisch angehauchte – Fassade des „letzten Tages des letzten Jahres dieses Jahrhunderts” verstecken.

Wertung: 6 von 10 D-Mark