Jimmy Dove arbeitet für das Bombenkommando in Boston und ist der Mann für die nervenaufreibenden Jobs. Jimmy bringt eine einmalige Expertise für das bauen und Entschärfen von Sprengsätzen mit, von der freilich in Boston niemand etwas wissen darf. In einem früheren Leben hieß er Liam und war ein irischer Terrorist und Bombenbastler. Deswegen konnte er als Captain Dove vom Bomb Squad so manchen Sprengsatz unschädlich machen, der andere in die Luft gesprengt hätte.
Es kommt der Tag, an dem er sich entschließt, den Dienst an der Front zu quittieren und von nun an als Ausbilder zu fungieren. Ein paar Tage später wird sein ehemaliger Partner von einer Bombe getötet; die Detonation ist von derartiger Gewalt, dass selbst den hartgesottensten Experten des städtischen Sprengkommandos mulmig wird. Jimmy vermutet, die Bombe könnte von seinem ehemaligen Freund Ryan Gaerity gebaut worden sein, der Jimmys Ausstieg aus der Terroristenszene nicht gut geheißen hat. Er beginnt zu ermitteln und muss sich im Kampf gegen den Bombenleger seiner eigenen Vergangenheit stellen …
Wir erleben das pyrotechnisch aufgeladene Duell zweier, man kann sagen, Verrückter vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflkts. Vor zwei Jahren schon hat Harrison Ford in der Rolle des CIA-Analysten Jack Ryan in Die Stunde der Patrioten (1992) den Konflikt in die USA importiert. Hier sind es zwei Männer, die sich mit Sprengsätzen auskennen. Dieser Nordirlandkonflkt ist nicht beendet, seit 1969 sterben dort Menschen, weil sich Protestanten, oder Unionisten, die Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien bleiben wollen, und Katholiken, die sich als Republikaner für ein vereinigtes Irland, also für die Loslösung aus dem Vereinigten Königreich und die Vereinigung mit der katholisch geprägten Republik Irland einsetzen, bis aufs Blut bekämpfen.
Dieser bis heute (1994) nicht zu lösende Konflikt, der bisher mehr als 3.000 Menschenleben und mehr als 40.000 Verletzte gekostet hat, ist im vorliegenden Film lediglich das Grundrauschen, eine Art MacGuffin, der die beiden Antagonisten aufeinander hetzt. Der eine, Ryan Gaerity, ist ein Tüftler, der Spaß an raffinierten Sprengsätzen und eine kalte Lust auf Massenmord entwickelt hat. Der Film lässt offen, ob der Bürgerkrieg das aus ihm gemacht hat, oder ob er diese Kälte schon immer verspürt hat. Tommy Lee Jones jedenfalls modelliert ihn zu einem abgedrehten Fantasten mit einer Schwäche für die irische Band U2 (Zwischen Himmel und Hölle – 1993; Auf der Flucht – 1993; Alarmstufe: Rot – 1992; JFK – Tatort Dallas – 1991; Airborne – 1990; "Black Moon" – 1986; "Die Augen der Laura Mars" – 1978) und schafft es,
dass wir im Kinosessel bald bei jedem Kühlschrankgriff, jedem Lichtschalter oder Telefonkabel in Großaufnahme fürchten, dass alles in die Luft fliegt, wenn jemand sich eine kalte Cola aus dem Schrank holt. Jones' Gaerity lebt für eine unsterbliche, einmalig grausame Rache, die er seinem ehemaligen Schüler angedeihen lassen will.
Dieser Schüler, Liam, ist ausgestiegen aus dem Konflikt, untergetaucht und in Boston als Bombenexperte Jimmy wieder aufgetaucht. Und jetzt sind seine gesamte Einheit, seine Freundin, deren Tochter und sein väterlicher Freund Max in Lebensgefahr. Diesen Liam/Jimmy spielt Jeff Bridges als virilen Charmeur (Spurlos – 1993; König der Fischer – 1991; "Die fabelhaften Baker Boys" – 1989; Tucker – 1988; Starman – 1984; Tron – 1982; Heaven's Gate – 1980; King Kong – 1976; Mr. Universum – 1976; Die Letzten beißen die Hunde – 1974; Die letzte Vorstellung – 1971), zerrissen zwischen dem Wunsch, mit Frau und Kind in den Sonnenuntergang zu reiten, die Kollegen vor dem irren Bomber zu bewahren und, nicht zuletzt, seine geheime Identität zu bewahren – flöge die auf, landete er schließlich ohne Umweg im Gefängnis.
Die eigentliche Hauptrolle in diesem Film spielen die Pyrotechniker, die, nun ja, nichts anbrennen lassen. Mitten in der Stadt fliegt ein Polizeibus in einem Feuerball auseinander, die Special-Effects-Crew durfte sogar ein echtes Schiffswrack in die Luft jagen, das im alten Industriehafen vor sich hin rostete – die Detonation war so gewaltig, dass rund 8.000 Fensterscheiben in der näheren Umgebung von Boston zu Bruch gingen. Eine weitere, tragische Explosion zeigt Regisseur Stephen Hopkins (Predator 2 – 1990; Nightmare on Elm Street 5 – Das Trauma – 1989) nur in Lichtspiegelungen und entsetzten Reaktionen. Er kann sich diesen für Hollywood unüblichen Schritt, eine Explosion nicht zu zeigen, leisten. Erstens hat er ohnehin genug davon im Film und zweitens lässt er uns mit seinen Großaufnahmen von potenziellen Sprengsatzauslösern unsere Fingernägel blutig knabbern.
Während wir uns an dieser Stelle bewusst nicht fragen, wie legitim es ist, einen mörderischen Bürgerkrieg als Hintergrund für einen profanen Actionfilm zu benutzen, machen wir einen kurzen Umweg durch die Regeln Hollywoods. Zu diesen gehört es, dass gewisse Personen im Film, so er denn an den Kinokassen Gewinn erwirtschaften soll, nicht! sterben! werden! Egal wie sehr uns der Regisseur auch mit raffinierten Kameraeinstellungen zu blutigen Fingernägeln treibt, bei manchen Figuren können wir entspannt auf ein sicher rasantes Finales setzen, in dem diese Figuren in letzter Sekunde gerettet werden. In diesem Film ist das nicht anders, aber das Personaltableau so groß, dass wir durchaus auch um lieb gewonnene Figuren bangen, gar mit ihnen leiden.
Hopkins verknüpft Elemente des Buddy Movies mit Versatzstücken des Krimis, kurzen Abschweifungen in den Familienfilm und visuellem Eskapismus (letzteres immer, wenn der erfindungsreiche Gaerity wieder einen seiner Sprengsätze zündet). Das macht den Film im Kinosessel zu einem spannungsgeladenen Ereignis. Dem sich ein paar Tage später ein leicht bitterer Nachgeschmack durch die nordirische Realität beimischt.
