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Plakatmotiv: Wer den Wind sät (1960)

Kluges Theaterstück das die Grenze
rüber zum Format des Kinos verpasst

Titel Wer den Wind sät
(Inherit the Wind)
Drehbuch Nedrick Young + Harold Jacob Smith
nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jerome Lawrence und Robert E. Lee
Regie Stanley Kramer, USA 1960
Darsteller

Spencer Tracy, Fredric March, Gene Kelly, Dick York, Donna Anderson, Harry Morgan, Florence Eldridge, Claude Akins, Elliott Reid, Paul Hartman, Philip Coolidge, Jimmy Boyd, Noah Beery Jr., Norman Fell, Gordon Polk, Hope Summers, Ray Teal, Renee Godfrey u.a.

Genre Drama
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
30. August 1960
Inhalt

1925: Der junge Lehrer Bertram T. Cates muss sich in einer Stadt des amerikanischen Südens vor Gericht verantworten, weil er in der Schule Darwins Evolutionslehre behandelt und damit viele strenggläubige Einwohner gegen sich aufgebracht hat.

So kommt es zu einem dramatischen Prozess, in dem sich Anklage und Verteidigung ein erbittertes Duell liefern. Anwalt Henry Drummond kämpft vehement für die Freiheit des Denkens, während der Ankläger Brady ein verbissener Verfechter eines militanten Bibelglaubens ist …

Was zu sagen wäre

Gute Frage im letzten Akt des Stücks: Wie lange dauerte denn der erste von jenen sieben Tagen, in denen Gott das Universum schuf, die Welt und all die vielen Lebewesen darin? An jenem ersten Tag waren ja Licht und Schatten noch nicht da, die den Erdentag auf 24 Stunden und ein paar Gequetschte festlegen. Könnte wohl auch sein, dass jener erste Tag 25 Stunden dauerte, oder drei Wochen? Oder fünf Millionen Jahre? In diesem Stück geht es zentral um den Kampf zwischen Kirche und Staat, ausgeführt mit den Waffen der Wissenschaft. Dass die Geschichte 1925 spielt, müssen wir uns selber erarbeiten anhand der Kulissen. Eine Datumseinblendung gibt es nicht.

Wir schreiben jetzt, wenn der Film in die Kinos kommt, das Jahr 1960. Die USA haben eine harte wirtschaftllche Depression überwunden, einen Weltkrieg hinter sich, sie haben in Korea gekämpft, sie werden "Weltmacht" genannt und suchen noch ihr Selbstbildnis, das weiterhin zwischen Gods own Country und Hightech-Nation oszilliert. Dem Film zugrunde liegt ein Theaterstück. Das sieht man der Struktur des Films an. Und ich sehe es Fredric Marchs Spiel an (An einem Tag wie jeder andere – 1955). Sein bibelfester Ankläger Matthew Harrison Brady stolziert durch die Straßen der Kleinstadt, als habe er einen Besenstil verschluckt, und deklamiert ununterbrochen Plattitüden. Dazu haben die Maskenbildner sein Gesicht zu einer, nun ja, Maske verhärtet. March gibt sich alle Mühe, den konservativen Knochen zu spielen. Und wirkt am Ende nur knöchern.

Das Problem dieses Films ist nicht seine heute magere Relevanz. Das Problem ist seine plakativ ausgestellte Haltung. Fredric Marchs Gegenspieler wird verkörpert von Spencer Tracy, einem Mann, der dem puritanischen Hollywood schon seit Jahren den Mittelfinger zeigt. Plakatmotiv (US): Inherit the Wind – Wer den Wind sät (1960) Tracy unterhält 1960 seit 18 Jahren, seit Die Frau, von der man spricht (1942) eine Liebesbeziehung zu Katherine Hepburn. Jeder weiß das. Tracy ist gleichzeitig aber verheiratet, will sich auch nicht scheiden lassen, wahrt also nach außen den moralischen Schein.

Tracy also, von dem alle Welt weiß, dass er seit vielen Jahren in einem mutmaßlich tragischen, gesellschaftlich auf jeden Fall schwer akzeptablen Dreieck lebt, spielt den Verfechter der aufklärerischen Wissenschaften und er spielt diesen Mann als gütigen, zugewandten Onkel, einen liebevollen, geistreichen Mann, der die Kraft des freien Geistes beschwört, die im Kino des Jahres 1960 nicht mehr gar so überraschend daher kommt, wie im Jahr 1925. Da kommt schnell Ungeduld im Kinosessel auf. Fredric March muss unablässig den Glatzkopf karikieren, der von oben herab die „einfachen Menschen“ bemitleidet, denen das Leben nur trockenes Stroh gegeben hat. „Sie arbeiten schwer und hart und brauchen den Glauben an etwas. An etwas Schönes. Es ist wie ein goldener Kelch der Hoffnung“, sagt dann also Marchs Matt Brady und klingt dabei so, als finde er es gesellschaftlich ganz vernünftig, die arbeitende Klasse lieber dumm zu halten, als dass sie nicht auf dumme, gar umstürzlerische Gedanken komme nach dem Motto Die einen sagen, wo's lang geht und verdienen das Geld. Und die anderen machen die Arbeit. Spencer Tracy ("Eine Frau, die alles weiß" – 1957; "Stadt in Angst" – 1955; Vater der Braut – 1950; Ehekrieg – 1949; Die Frau von der man spricht – 1942; "Blinde Wut" – 1936; "20.000 Jahre in Sing Sing" – 1932) gibt den jovial dagegen angehend gurgelnden Großvater, der mit Witz und Verstand unter dem Applaus der Kinozuschauer dem kantigen Glatzkopf das letzte Argument nimmt: „Wenn dieses Paradies nur Unwissenheit ist, Frömmelei und Hass, dann verzichte ich.

Dagegen lässt sich so gar nichts einwenden. Zum Glück haben die ursprünglichen Autoren dieser Eindeutigkeit ein paar komplexe Strukturen eingezogen. Fredric March mag nicht viel anspielen können gegen seine steife Maske. Aber sein Matt Brady hat seine Gattin Sarah dabei, eine freundliche, ältere Dame, die einen engen Draht zu Verteidiger Henry Drummond hat; mit ein wenig Phantasie mag man mutmaßen, dass es eine Zeit gegeben hat, in der Sarah unentschlossen war, welchen der beiden stattlichen Männer sie als den ihren erwählen soll. Da stellt sich dann heraus, dass Drummond und Brady befreundet sind; befreundet waren? Jedenfalls entwickelt sich Sarah zur Mittlerin zwischen dem konservativen Knochen und dem Kinopublikum.

Zudem gibt es in dem Städtchen zwar zahlreiche „einfache Leute“ ganz im Sinne des knochigen Anklägers, der Menschen fürchtet, die den guten Menschen von Hillsboro ihren „atheistischen Unflat in die Ohren“ blasen, die angeführt werden von einem Reverend, der seiner Tochter am liebsten ihr „Herz aus Stein“ aus dem Leib reißen mag, mit dem diese in den angeklagten Lehrer verliebt ist. Aber es gibt eben auch (progressive) Jugendliche, die Verlobte des angeklagten Lehrers, dazu gläubige Farmer, die aber im täglichen Überlebenskampf den Pragmatismus der Natur einer reinen Spiritualität vorziehen, und pragmatische Bankiers, denen durch diesen schlagzeilenträchtigen Prozess Kunden an den progressiven Ost- wie der Westküste weg brechen. Die also andere Interessen haben. Das macht den in seiner Grundhaltung lahmen Film – hier der rückwärts gewandte Ankläger und seine Schafe, dort der scharfe Denker für den modernen American Way – gut verständlich und nachvollziehbar.

Wie bei einem gut austarierten Theaterstück also werden in diesem Film alle Seiten samt Zwischentönen gut beleuchtet – und kommentiert von Gene Kelly (Brigadoon – 1954; "Singin' in the Rain" – 1952; "Ein Amerikaner in Paris" – 1951; "Die drei Musketiere" – 1948), der einen Reporter spielt, der altklug für sich in Anspruch nimmt, „die Bedrängten zu stärken und die Gestärkten zu bedrängen“; um dann aber auch nur zynisches Gift zu verspritzen.

Insgesamt sehr theatralisch, wenig filmisch; gedanken-, gar wortlos aber verlassen wir das Kino nicht.

Wertung: 4 von 7 D-Mark
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