Buchcover: Harlan Coben, Reese Witherspoon – Ohne ein letztes Wort (2025)

Eine Medizinerin zwischen lodernden
Blicken und transplantierten Innereien

Titel Ohne ein letztes Wort
(Gone Before Goodbye)
Autor Harlan Coben & Reese Witherspoon, USA 2025
Aus dem Amerikanischen von Thomas Bauer, Charlotte Breuer, Gunnar Kwisinski, Friedo Leschke, Kristian Lutze
Verlag Goldmann
Ausgabe E-Book, 432 Seiten
Genre Thriller
Website penguin.de
Inhalt

Maggie McCabe, brillante und aufopferungsvolle Chirurgin bei der Army, kennt das Leben am Abgrund. Doch als sie nach einer Reihe von Schicksalsschlägen ihre ärztliche Zulassung verliert, ist sie an ihrem Tiefpunkt angekommen.

Deshalb zögert sie nur kurz, das mysteriöse Angebot eines ehemaligen Kollegen anzunehmen. Er ist ein Star unter den plastischen Chirurgen; seine einflussreichen Klienten verlangen die beste Behandlung und absolute Diskretion. Auf einem entlegenen Luxusanwesen fordert ein geheimnisvoller und mächtiger Mann eine unkonventionelle Behandlung. Nur eine Handvoll Chirurgen ist qualifiziert für diesen Auftrag – Maggie ist eine davon.

Sie begibt sich in eine Welt voll unermesslichem Reichtum und erfüllt ihren Teil der Vereinbarung. Doch dann verschwindet ihr Patient spurlos. Maggie bemerkt zu spät, dass sie Teil einer perfiden Verschwörung ist, die nicht nur die Kreise der internationalen Elite erschüttert, sondern auch tief in Maggies eigene Vergangenheit zurückreicht

aus dem Klappentext …

Was zu sagen wäre
Ohne ein letztes Wort

Die Welt der Medizin ist voller Halbgötter, Scharlatane und Korruption. Darum geht es in diesem Thriller aus der Welt der Medizin. Ersonnen hat ihn Reese Witherspoon, deren Namen wir vor allem durch ihren anderen Beruf, Schauspielerei, kennen ("The Morning Show" – TV 2019; Miss Bodyguard – 2015; Inherent Vice – Natürliche Mängel – 2014; Der große Trip – Wild – 2014; Woher weißt du, dass es Liebe ist? – 2010; Walk the Line – 2005; Natürlich blond 2 – 2003; Natürlich blond – 2001; Little Nicky – Satan Junior – 2000; American Psycho – 2000; Election – 1999; Eiskalte Engel – 1999; Pleasantville – 1998; Im Zwielicht – 1998). Der Danksagung am Ende des Buches zufolge haben ihre Eltern 40 Jahre lang als Ärzte auf Militärstützpunkten gedient, daher sei ihre Kindheit durch aufregende Erzählungen und spannende Forschungsgespräche beim Abendessen geprägt gewesen. Einzelheiten daraus wollte sie zu einem Roman verdichten und weil sie mit Lesen zwar viel, mit Schreiben eher wenig Erfahrung hat, hat sich sich in Harlan Coben der Hilfe eines erfahrenen Thriller-Autoren versichert. Was von diesen Informationen Realität und was nur Marketing ist – Star-Autor und Schauspiel-Star tun sich zusammen, um einen Thriller zu verfassen, den sie anschließend auch gleich verfilmen lassen – lässt sich für den Leser des Buches nicht klären; ist aber auch unerheblich, weil das Buch gut unterhält.

"Ohne ein letztes Wort" ist ein klassischer Thriller. Die Figuren sprühen vor „feuriger Intelligenz“, „magischer Anziehung“, werfen „lodernde Blicke“, da „schießen Worte wie Scherben in seiner Brust hin und her“. Ordentliche Thriller leben von blumiger Sprache mit vielen Adjektiven und kurzen Handlungsabläufen. Selten wird der Roman weitschweifig, da mag dann der Einfluss der Arzttochter Witherspoon am gemeinsamen Buchprojekt greifen, wenn ausführlich auf Organhandel, internationale Gesetzeslücken und Regeln der medizinischen Forschung eingegangen wird. Dieses Wissen, das weniger Insiderwissen ist, denn Ideenschmiede für clevere Plottwists gibt der Erzählung jene nötige Tiefe, die den Thriller über Dutzendware hinaushebt. Da übersieht man gerne, dass der Ärztin mit entzogener Approbation etwas zu oft nachgeschrieben wird, dass sie erst im OP-Saal ihre Erfüllung findet, sie sich nur dort Zuhause fühlt.

Die Geschichte ist angemessen dramatisch. Einer freundlichen Medizinerin, die zu Beginn des Buches sozial und wirtschaftlich am Boden liegt, wird ein Angebot gemacht, das zu gut ist, um es mit Stolz ablehnen zu können, und steckt wenige Seiten später im mit ehrlichem Geld nicht zu finanzierenden Luxus russischer Oligarchen in Dubais Glitzertempeln, vergrößert weibliche Brüste, modelliert neue Nasen und wird immer wieder mit dem Tod bedroht. Eigentlich ist sie nur eine couragierte, fingerfertige Ärztin, einst „das hübsche Gesicht“ einer Flüchtlingshilfe-Organisation, „die Chirurgin in Kampfmontur“, die ihr Leben aufs Spiel setzt, um den Armen in gefährlichen Gegenden zu helfen, sich gewisse Fertigkeiten abseits ihrer Profession angeeignet hat. Heute ist sie in der Lage, unter Stress und in Lebensgefahr und nicht nur im Operationssaal instinktiv die richtigen Entscheidungen zu treffen, die nicht nur ihr Leben retten, sondern ihr auch die jeweils notwendigen Informationen verschaffen.

Um sie herum treten ein paar wunderbare Typen auf. Ihr Schwiegervater ist ein wortknapper Biker, der „nach Leder und Marlboro“ riecht:
„»Was gibt’s Maggie?«
»Kann ich mich nicht einfach mal so bei dir melden?«
»Klar.«
Schweigen.
»Ich komme morgen nach Manhattan«, sagt Maggie.
»Mit dem Zug?«
»Ja.«
»Wann?«
»Mit dem um sieben vierzehn.«
»Ich hol dich ab. Dann kannst du mir alles erzählen.

Knappe Dialoge, mit denen gute Thriller mehr Intimität ausstrahlen, als alle rosarote Herzchen in Liebesromanen. Nach der Hälfte des Romans sind alle Informationen, die wir bisher über frühere Ereignisse aufgenommen haben, über Personen, Vertrauensverhältnisse und sogar über einfache Namen nichts mehr wert; auch das gehört zu einem gehaltvollen Thriller: Er stellt unsere Welt auf den Kopf. Es hat eine junge Frau ihren Auftritt, deren „atemberaubende Schönheit“ nur von der geradezu irritierend großen Anzahl an Sprachen, die sie beherrscht sowie ihrer Fähigkeit, James Bond in den Schatten zu stellen, übertroffen wird. Dazu gesellt sich die schon Mittags betrunkene, aber in IT-Fragen einmalig begabte Schwester, ein öliger Schönheitschirurg, ein undurchsichtiger US-Agent, der mehr Klischees vertritt als das Buch Kapitel hat und dazu der undurchsichtige, machtbewusste, intrigante Oligarch mit einer ganzen Armee vierschrötiger, halsloser, quadratisch gebauter Bodyguards.

Perfekte Urlaubsleküre für die heißen Tage unterm Sonnenschirm. Ich habe "Ohne ein letztes Wort" vom 6. bis 7. Mai 2026 gelesen. #Urlaubslektüre2026 #LaGomera