In einer nicht allzu fernen Zukunft herrscht ein repressives Regime über die Vereinigten Staaten von Amerika. Angeführt von dem namenlosen autoritären Major sichert ein gnadenloser Polizeistaat seine Macht mit strengen Regeln – und einem brutalen Wettkampf.
Jedes Jahr treten insgesamt fünfzig Jugendliche gegeneinander an, doch nur eine Person kann gewinnen: jene, welche den Marsch überlebt. Ray Garraty meldet sich freiwillig für das blutige Spektakel an, angelockt vom Versprechen von einem sorgenfreien Leben, in dem man alles bekommt, was man sich wünscht. Doch der Weg dorthin ist tödlich.
Die Teilnehmer müssen dauerhaft ein Tempo von mindestens drei Meilen pro Stunde halten. Jede Unterschreitung führt zu einer Verwarnung. Wer sich drei davon einhandelt, wird hingerichtet – ohne Ausnahme. Ray macht sich als Nummer 47 auf den Weg und setzt alles daran, am Ende als Nummer 1 zu überleben …
Gehe solange, bis du stirbst. Als Stephen King diese makabre, aber mitreißende Geschichte 1967 aufschrieb, tat er das unter dem Eindruck des Vietnamkrieges und war der Welt als Schriftsteller noch gänzlich unbekannt. Er veröffentlichte sie erst 1979 unter seinem Pseudonym Richard Bachmann, nachdem er durch seinen Roman Carrie weltberühmt geworden war.
Diese dystopische Geschichte über junge Männer, die einfach nur immer weiter gehen müssen, nur weiter als die anderen, ist eine Parabel auf Darwins Survival of the Fittest, auf den Wettstreit, die Konkurrenz im Büro, im Leben. Aus den hundert Männern, die in der Romanvorlage an den Start gehen, macht der Film übersichtlichere fünfzig junge Männer, aus jedem US-Bundesstaat einen. Was den USA genau widerfahren ist, ob es der ganzen Welt widerfahren ist, bleibt offen, das Land hat sich in eine Militärdiktatur verwandelt, die (welt)politischen Hintergründe spielen für das schmerzhafte, blutige Drama auf der Leinwand aber keine Rolle. Bis auf die Person des stets eine Sonnenbrille tragenden Majors, der in diesem qualvollen Kosmos der Alleinherrscher ist. Mark Hamill, der ewige Luke Skywalker, spielt ihn als kaltherziges Gegenstück zu seiner Großvaterrolle in der anderen Stephen-King-Verfilmung aus diesem Jahr, The Life of Chuck.
Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Das macht dieser Film deutlich, wenn die Teilnehmer am Marsch, obwohl jeder einzelne nur gewinnen kann, wenn jeweils alle anderen sterben, sich gegenseitig stützen, moralisch unterstützen, ja Freundschaften untereinander schließen. Viele der Jungs haben individuelle Probleme und Motivationen, die erkennen lassen, weswegen sie am Marsch teilnehmen und was sie tun werden, wenn sie gewinnen. Einer will ein Buch schreiben über diese Erfahrungen, einer will einfach dazugehören zu einer Gemeinschaft, in einem steckt die Verbitterung über das, was die Weißen seinem Volk, den Native Americans, antun. Sie tauschen sich aus, entwickeln Sympathien und Aversionen, in der ersten Hälfte des Films verhält sich die Gruppe wie eine Highschool-Klasse im Ferienlager. Einer sagt, ihm sei erst im Laufe des langen Wegs klar geworden, worum es hier eigentlich gehe.
Dem Zuschauer im Kinosessel bleiben knapp zehn Minuten Zeit sich einzugewöhnen, dann beginnt die Tortur des Marsches, die bis zum Schlusstitel nicht mehr aufhört. Das macht den Film, in dem Füße umknicken, Menschen beim Durchfall erschossen oder Beine von Panzerketten überfahren werden zu keinem angenehmen Erlebnis. Das galt schon für das Buch, das ich 1987 gelesen habe, aber das konnte ich aus der Hand legen, wenn etwa eine Blase am Fuß über Seiten als immer qualvoller beschrieben wurde. Die Option, den Film zwischendurch anzuhalten, wenn jemand seine Füße blutig gelaufen hat und es nicht mehr weit schaffen wird, gibt es nicht.
Der Film provoziert Vergleiche mit der erfolgreichen, koreanischen NETFLIX-Serie "The Squid Game", in der sich Kandidaten freiwillig für die Chance auf einen großen Geldgewinn auf Kinderspiele einlassen, aber, wenn sie diese verlieren, erschossen werden.
"The Lang Walk" ist "Squid Game" ohne dessen bunten Farben und ohne dessen breit ausgestellten gesellschaftlichen Hintergrund. Francis Lawrence, im Alltag Regisseur namhafter Musikvideos (The Pussycat Dolls, The Black Eyed Peas, Jennifer Lopez, Britney Spears, Gwen Stefani, Janet Jackson, Justin Timberlake) und aus dem "Tribute von Panem"-Kosmos ("Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds and Snakes" – 2023; Red Sparrow – 2018; Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil 2 – 2015; Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil 1 – 2014; Die Tribute von Panem – Catching Fire – 2013; "Wasser für die Elefanten" – 2011; I Am Legend – 2007) konzentriert sich auf seine Protagonisten und deren brutales Schicksal. Gleich der erste Junge, der nach drei Verwarnungen nicht mehr weitergehen kann, wird in Nahaufnahme in den Kopf geschossen. In dieser Deutlichkeit so früh ein Schock. Lawrence will dem Zuschauer nicht die Möglichkeit zur kleinen Flucht im Kinosessel lassen, indem am Anfang erst einmal anonyme No Names im Bildhintergrund scheitern, während die Hauptfiguren tapfer scherzend weitergehen.
Schon in der Vorlage markiert der erste Tote das größte Schockerlebnis. Mit den vergehenden Tagen, nach hunderten von Meilen stumpfen die Protagonisten ab. Der Film übersetzt das Abstumpfen, das sich gewöhnen an die toten Leidensgenossen, in den Kinosessel, indem er mit einem Filmschnitt sichtbar mehrere Stunden des Weges ausspart, in denen zahlreiche Walker verschwunden, also tot sind. An die Stelle des brutalen Schreckens vom Anfang sind da längst ein paar sympathische Figuren in den Mittelpunkt gerückt, die uns nahe kommen, obwohl wir kaum etwas über sie erfahren, deren Optimismus wir aber übernehmen – wohl wissend, dass nur einer das Ende erreichen wird. Solidarität im Kinosessel, Freundschaft ist in dieser parabelhaften Konstruktion des "Todesmarschs" ausgeschlossen. Gemein spielt der Film mit unserer Kino-Sehnsucht nach Identifikation. Ein Freundespaar kristallisiert sich bald heraus, Ray und Peter, Cooper Hoffman (Licorice Pizza – 2021) und David Jonsson (Alien: Romulus – 2024). Regisseur Francis Lawrence lässt sie oft nebeneinander hergehen, eine Beziehung zueinander entwickeln.
Das Wesen der Dystopie ist es , dass sie keinen Ausweg bietet. Das tut diese hier auch nicht. Die meisten Protagonisten sind tot. Militärdiktatur, die das Land – oder vielleicht nur Teile des Landes – im Griff hat, existiert weiter. Im Kinosessel macht sich 100 Minuten lang Beklommenheit breit, nachher, wieder auf der Straße, die Erkenntnis, was das heißt: Diktatur.
