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Plakatmotiv: The Life of Chuck (2024)

Ein Fantasy-Film voller Melancholie
über die Schönheit des Lebens

Titel The Life of Chuck
(The Life of Chuck)
Drehbuch Mike Flanagan
nach der Kurzgeschichte "Chucks Leben" von Stephen King
Regie Mike Flanagan, USA 2024
Darsteller

Tom Hiddleston, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak, Cody Flanagan, Chiwetel Ejiofor, Karen Gillan, Mia Sara, Carl Lumbly, Mark Hamill, David Dastmalchian, Harvey Guillén, Michael Trucco, Q'orianka Kilcher, Matthew Lillard, Rahul Kohli, Violet McGraw, Saidah Arrika Ekulona, The Pocket Queen u.a.

Genre Drama
Filmlänge 111 Minuten
Deutschlandstart
24. Juli 2025
Inhalt

Wer ist Chuck? Die Welt geht unter, Kalifornien versinkt im Meer, das Internet bricht zusammen – doch in einer amerikanischen Kleinstadt herrscht vor allem Dankbarkeit gegenüber Charles "Chuck" Krantz, einem gewöhnlichen Buchhalter, dessen Gesicht allen freundlich von Plakatwänden und aus dem Fernsehen zulächelt.

Wer ist dieser Mann, den niemand wirklich zu kennen scheint? Ein Rätsel, das weit zurückreicht, bis in dessen Kindheit bei seiner Großmutter, die ihre unendliche Liebe fürs Tanzen an ihn weitergab, und seinem Großvater, der ihn in die Geheimnisse der Buchhaltung einweihte und unbedingt vor jenem der verschlossenen Dachkammer bewahren wollte.

Ein Rätsel, das vor allem eine Frage aufwirft: Kann das Schicksal eines Einzelnen die ganze Welt verändern ..?

Was zu sagen wäre

Ein kleines Juwel des Kinojahres 2025. Auch, weil diese Literaturverfilmung offen zugibt, als Film nicht funktionieren zu können, und dann gefühlvoll und emotional aus dem Leben erzählt.

Das heißt, erzählen tut es eben ein Off-Sprecher, der ganze Passagen der zugrunde liegenden Kurzgeschichte von Stephen King zitiert. Da passieren dann Sachen, die die erste Regel des Filmemachens Show, don't tell ignoriert. Wir sehen etwa die Schlagzeugerin Taylor (Regisseur Mike Flanagan hat aus der männlichen Figur in Boston eine junge Frau in einer Kleinstadt am Meer gemacht), die an einer Straßenecke genussvoll vor sich hin trommelt. Ein Geschäftsmann, Chuck, kommt auf sie zu. Der Off-Sprecher erzählt, dass Taylor einen Mann im Anzug, offenbar ein Geschäftsmann, auf sich zukommen sah und davon ausging, dass der Mann an ihr vorbei gehen würde ohne sie weiter zu beachten. Wir sehen, wie Chuck näher kommt, auf Höhe des Schlagzeugs stehen bleibt und seine Aktentasche abstellt. Der Off-Sprecher erzählt, dass Chuck seine Tasche abstellte und zu tanzen begann. Wir sehen, wie Chuck beginnt zu tanzen.

Ohne den gefühlvollen Erzähler würden wir den Film kaum verstehen können. Er erzählt eine wunderbare Geschichte, die Stephen King aufgeschrieben hat. Wir brauchen den Film als begleitendes Fotoalbum nicht. Eigentlich. Aber die Bilder, die durchweg bunten Farben, die freundlichen Figuren und die sonnigen Himmel – in Kings Vorlage regnet es im ersten Drittel heftig – lassen uns schnell schmachtend im Kinosessel versinken.

Es geht los, wie es sich für einen Film gehört: Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern. Unser Film beherzigt diese Maxime, die ursprünglich dem Hollywood-Produzenten Samuel Goldwyn zugeschrieben wird, sehr wörtlich. Zu Beginn geht die Welt unter. Plakatmotiv (US): The Life of Chuck (2024) Sie zerbröckelt zusehends, wir hören, wie die Menschen auf der Straße darüber reden, „Kalifornien ist schon weg“, sagt einer, wir sehen Überschwemmungen und Feuersbrünste im Fernsehen. Und dann sehe wir einen todkranken Mann im Bett, Chuck, und der dritte Akt ist vorbei.

Der Film erzählt seine Geschichte vorlagengetreu rückwärts. Erst der dritte Akt ("Danke, Chuck!"), dann der zweite ("Lang lebe die Straßenmusik"), dann der erste ("Ich enthalte Vielheiten"). Erst das Ende, dann der Anfang. Mit ein bisschen Fantasie hat man also nach rund 45 Minuten des großen Rätsels Lösung schon im Ansatz verstanden und kann dann über die Auflösung vieler kleiner staunen. Im letzten, ersten Akt, erleben wir Chuck als achtjährigen Jungen, dessen Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, woraufhin er bei den Eltern seiner Mutter aufwächst. Bei seiner Großmutter lernt er die Leidenschaft fürs Tanzen. Daraus entsteht eine wunderbare Leidenschaft, die der Junge mit dem schönsten Mädchen der Schule auslebt und alle begeistert – bis auf den Freund des schönen Mädchens. Die Großmutter spielt die quicklebendige Mia Sara (Timecop – 1994; Ferris macht blau – 1986), die vor 40 Jahren schon die Prinzessin Lily neben Tom Cruise in Ridley Scotts Fantasyfilm Legende (1985) war.

Nur der freundlich grummelnde, zu viel Whisky trinkende Großvater, ein begnadeter Buchhalter, sähe den Jungen lieber über Mathematikbücher gebeugt. Den Großvater spielt Mark Hamill, der ewige Luke Skywalker, der dem Jungen mit seinem sonoren Brummbass das Versprechen abnimmt, bei allem was ihm heilig ist niemals das verschlossene Zimmer auf dem Dachboden zu betreten. Hier holt sich die Geschichte ihre Portion King'schen Grusel, hinter dem aber keine bluttriefenden Monster lauern. Im Gegenteil, Großmutters Tanzleidenschaft führt im mittleren, dem zweiten Akt, zu einer der schönsten Tanzszenen im Kino der zurückliegenden 20 Jahre (s.o.) und macht "The Life of Chuck" bei aller Morbidität, die einfach Voraussetzung für diese Geschichte ist, zu einem zutiefst lebensbejahenden Ereignis. Ganz egal, ob dazu noch einer aus dem Off erzählt, was wir doch sehen. Hauptsache, wir nehmen unser Mädchen/unseren Jungen an die Hand und tanzen.

Wenig, was ein Film in diesen wirren Zeiten, in denen unsere 80 Jahre alte Weltordnung zerbricht, Besseres sagen könnte.

Wertung: 6 von 8 €uro
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