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Plakatmotiv: Die zehn Gebote (1956)
Die Wuchtbrumme unter den
Filmen. Mehr Kino geht nicht!
Titel Die zehn Gebote
(The Ten Commandments)
Drehbuch Æneas MacKenzie + Jesse Lasky Jr. + Jack Gariss + Fredric M. Frank
mit Material aus den Büchern „Prince of Egypt“ von Dorothy Clarke Wilson + „Pillar of Fire“ von J.H. Ingraham + „On Eagle's Wing“ von A.E. Southon
Regie Cecil B. DeMille, USA 1956
Darsteller Charlton Heston, Yul Brynner, Anne Baxter, Edward G. Robinson, Yvonne De Carlo, Debra Paget, John Derek, Cedric Hardwicke, Nina Foch, Martha Scott, Judith Anderson, Vincent Price, John Carradine, Olive Deering, Douglass Dumbrille, Frank DeKova, Henry Wilcoxon, Eduard Franz, Donald Curtis, Lawrence Dobkin, H.B. Warner, Julia Faye, Lisa Mitchell, Noelle Williams, Joanna Merlin, Pat Richard, Joyce Vanderveen, Diane Hall, Abbas El Boughdadly, Fraser C. Heston, John Miljan u.a.
Genre Abenteuer, Historien
Filmlänge 220 Minuten
Deutschlandstart
17. Februar 1958
Inhalt

Aus Angst vor einer Weissagung lässt der Pharao alle hebräischen Erstgeborenen töten. Einzig der kleine Moses, der in einem Weidenkorb auf dem Nil ausgesetzt wird, kann dem Tod entkommen.

Ausgerechnet die Schwester des Pharaos findet ihn und adoptiert ihn, nichts ahnend das es sich bei ihm, um einen der gesuchten Erstgeborenen handelt. Moses wächst zu einem stattlichen Mann heran, ebenso schätzt ihn auch der Pharao selbst. Einzig dessen leiblicher Sohn, Ramses, hat von Anfang an, einen Groll gegen ihn.

Als bald darauf die wahre Herkunft Moses bekannt wird, ist er gezwungen, das Land zu verlassen und hinter der Wüste ein neues Leben zu beginnen. Doch schon bald soll er im Namen Gottes zurückkehren und die Weissagung erfüllen, vor der sich einst die Pharaonen so fürchteten …

Plakatmotiv: Die zehn Gebote (1956)

Was zu sagen wäre

Das Thema dieses Films ist die Frage, ob die Menschen von Gottes Gesetz regiert werden sollen, oder von den Launen eines Diktators wie Ramses“, erklärt Cecil B. DeMille zu Beginn seines Films. „Sind Menschen Eigentum des Staats oder freie Seelen unter Gott. Dieser Konflikt schwelt auch heute noch in der ganzen Welt. Es war nicht unsere Absicht, eine Geschichte zu erfinden, sondern der göttlich inspirierten Geschichte gerechnet zu werden, die vor 3.000 Jahren geschrieben wurde.“ So pathetisch dieser Satz, so monumental dieser Film, der mit einer Länge von drei Stunden und 40 Minuten ähnlich anmutet wie seine Bauten und Menschenmassen: gewaltig. Trotzdem: Eine werkgetreue Adaption des Alten Testaments ist er nicht.

Die großen Vertreter des als „Sandalenfilms“ bezeichneten Filmgenres eignen sich alle, politisch umgedeutet zu werden; hier hat es der Regisseur gleich zu Beginn in einer Ansprache an sein Publikum selbst übernommen. Die Geschichte Moses', der die Israeliten aus ägyptischem Joch heraus ins gelobte Land führt, die Zehn Gebote erhält und mit einem brennenden Dornbusch spricht, ist die geeignete Metapher auf den Kalten Krieg – hier das einfache Volk, das nach eigenen Regeln leben möchte, dort der Despot, der Pharao, der seinen Herrschaftsanspruch aus der Frucht der Lenden seines Vaters ableitet.

Was diesem Volk seine Freiheit indes Wert ist, zeigt sich, als Moses „40 Tage und 40 Nächte“ auf dem heiligen Berg Sinai verschwindet, auf dem ihm Gott die Gebote bringt. Da ist es Dathan ein Leichtes, das ermattete Volk um ein Goldenes Kalb als neuen Götzen zu versammeln, welches daraufhin in eine wilde Orgie ausbricht. Auch das gehört zur politischen Metapher all dieser Erlöser-Filme: Die Freiheit braucht eine starke Hand, auf dass nicht Blender wie Dathan, der nichts verspricht aber alles verteufelt, die Oberhand gewinnt. Edward G. Robinson füllt die Rolle dieses Populisten mit sardonischem Lächeln und seinem schillernden Charisma aus, das ihm seine lange Filmkarriere in Helden- wie Schurkenrollen geschenkt hat (Gangster in Key Largo – 1948; „Frau ohne Gewissen“ – 1944; Orchid, der Gangsterbruder – 1940; „Das Doppelleben des Dr. Clitterhouse“ – 1938; Kid Galahad – Mit harten Fäusten – 1937; Wem gehört die Stadt? – 1936; Der kleine Caesar – 1931).

Cecil B. DeMille hat seinen eigenen Monumentalfilm von 1923 neu verfilmt und ihn monumentaler gemacht: Kulissen, Kostüme, Effekte, an nichts hat er gespart. In dem auf der Halbinsel Sinai und in den Paramount-Studios in Hollywood gedrehten Film wirkten rund 14.000 Statisten und 15.000 Tiere aller Art mit. Gedreht wurde in dem Breitwandverfahren VistaVision. Die Produktionszeit betrug ungefähr zwei Jahre und kostete 13 Millionen Dollar. Der Film entwickelt auf der großen Leinwand eine Wucht, die dazu führte, dass ich, als ich das Kino erstmals nach diesem Film verließ, in den Himmel blickte. Einen kurzen Moment war mir, als … aber dann hat wohl ein Auto gehupt und ich war wieder im Jahr 1972 und ein vom Kino überwältigter 11-jähriger Junge vor dem Weißhauskino in Köln.

Plakatmotiv (Wiederaufführung 1972): Die zehn Gebote (1956)So richtig glauben kann ich die Geschichte im Film bis heute nicht: Moses hätte als Pharao, der zu werden er im Film auf dem besten Weg ist, so viel so leichtermehr für sein Volk tun können, er hätte die Sklaverei abschaffen können, die er, kaum selbst Sklave geworden, als großes Unrecht anprangert; sein freiwilliger Verzicht auf Ehren und die schöne Nefretiri erscheinen schwer vorstellbar angesichts der Deppen und Despoten, die sich im realen Leben zu Präsidenten, Kanzlern und Chefs aufschwingen. Aber: Es ist halt Moses. So wird seine Geschichte erzählt. Und Charlton Heston füllt diese Rolle aus mit mächtigem Brustkorb, mächtigem, im Verlauf des Filmes stärker werdendem, weißen Bart und seiner imposanten Größe.

Heston (Am fernen Horizont – 1955) scheut nicht vor der dramatischen Geste, dem ausgestreckten Arm mit Fingerzeig, dem dramatischen Wort zurück. Seine Dialoge sind eine Aneinanderreihung von in Stein gemeißelten Sätzen. Wenn Ramses sagt „Ich warne Dich, Bruder. Das Tempelgetreide gehört den Göttern!“, dann entgegnet Moses, der vom Pharao gerade den Auftrag übertragen bekommen hat, eine imposante Stadt mit Sklavenarbeit zu errichten:„Was die Götter verdauen können, wird im Bauch eines Sklaven auch nicht hat sauer werden.“ Charlton Heston gehört nicht zu den sieben Oscarnominierungen (s.u.) und das zu Recht – sein Schauspiel ist kein Spiel, es ist Deklamation. Aber der Kerl Heston verkörpert diesen Moses einzigartig. Für seinen Antagonisten gilt dasselbe.

Yul Brynner („Der König und ich“ – 1956) gibt als Ramses eine Exklusivvorstellung in Eitelkeit und Arroganz. Ich weiß nicht, ob er ein guter Schauspieler ist, für den Ramses in diesem Ausstattungs-Epos sind andere Fähigkeiten als Schauspiel gefragt; Brynner kann seine Erfahrung als Zirkusartist und Sänger einbringen; er hat Rythmusgefühl und bewegt sich geschmeidig wie ein Mann auf dem Trapez – wobei er immer die Arme ein wenig abspreizt um seine breiten Schultern zu betonen. Für Brynner gilt, was für Heston gilt: Exzellentes Typecasting!

Die Frauen spielen in diesem Film die Rolle der verwöhnten Schlange oder der bescheidenen Dienerin. Anne Baxter (Alles über Eva – 1950) bewältigt als Nefretiri den Spagat zwischen Traumfrau und Hexe – und das erschreckend gut. Wir nehmen ihr jeden der Aggregatzustände ab, was aber vor allem mit ihren jeweiligen Kostümen zusammenhängt. Anfangs steckt Kostümdesignerin Edith Head sie in strahlende, weiße oder hellblaue, Kleider. Am Ende, wenn sie als Ramses' Gattin verbittert neben ihm sitzt, dominieren ein düsteres, dunkelblaues Kleid und ein blutroter Schal ihr Äußeres. Wirkt Nefretiri zu Beginn wie ein fröhlicher Engel voller Versprechungen, ist sie im letzten Drittel ein verbitterter Teufel mit Todessehnsucht.

Baxters Gegenfigur spielt Yvonne De Carlo. Ihre Zippora ist kein verhätscheltes, lebensfernes Palastkind. Sie ist die älteste Tochter eines Schafe züchtendes Scheichs, als solche an harte Arbeit draußen gewöhnt. Sie gewinnt die Sympathien durch ihr zurückhaltendes Spiel und kluge Sätze. <Nachtrag2018>Dass die Maskenbildner sie ebenso weich geschminkt haben wie Anne Baxter, mit glatten langen Fingernägeln, die offenbar noch nie harte Feldarbeit gespürt haben, ist ein Umstand, der in späteren Jahrzehnten mehr auffällt als 1956, als der Film Premiere feierte. Frauen hatten im kommerziellen, männerdominierten Kino dieser Zeit schön zu sein, anschmiegsam, weich, traumhaft. Egal ob sie im Palast aufwuchsen oder zwischen Schafen.</Nachtrag2018>

Mit „The Ten Commandments“ hat Cecil B. DeMille nicht nur seinen letzten und gleichzeitig größten kommerziellen Erfolg seiner Karriere gedreht. Er hat auch das Paradebeispiel eines mäßigen Films inszeniert, der über seine Schauwerte alles wettmacht, was er in der Dramaturgie zuvor verliert. Ob die zehn Plagen über Ägypten fallen, ob Moses das Rote Meer teilt, ob die Israeliten aus Ägypten marschieren, ob Moses den Brennenden Dornbusch trifft – dieser Film ist voll von Ereignis. Da fallen ein paar als großäugige Anbeterinnen hindrapierte Models oder marmorhart deklamierte Dialoge nicht ins Gewicht.

Dieser Film ist so Kino wie Kino maximal sein kann.

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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