Nick Charles hat das sprichwörtliche große Los gezogen: Der erfolgreiche Detektiv ehelicht die elegante Millionenerbin Nora, um seine Zeit fortan primär dem Trinken, den ironischen Wortgefechten mit seiner Frau und dem gemeinsamen Hund Mr. Asta zu widmen.
Seit vier Jahren hat er im entfernten San Francisco keinen einzigen Fall mehr gelöst, doch wird Noras Neugier bei einem Besuch in New York durch einen mysteriösen Fall geweckt. Der Wissenschaftler Clyde Wynant wollte sich auf eine Reise begeben, hat jedoch niemandem das Ziel verraten. Zu Weihnachten wollte er wieder in der Stadt sein, um der Hochzeit seiner Tochter Dorothy beizuwohnen.
Kurz vor seiner Abreise kommt es zum Streit mit seiner Sekretärin und Geliebten Julia Wolf, die Wertpapiere, die er seiner Tochter zur Hochzeit schenken wollte, aus Clydes Safe entwendet und verkauft hatte. Von den erhofften 50.000 Dollar konnte sie ihm jedoch nur die Hälfte geben, da sie angeblich für die Papiere nicht mehr erhalten habe. Nur mit Julia bleibt Clyde während seiner Reise in Kontakt und fordert über sie benötigtes Geld an.
Kurze Zeit später will Wynants geschiedenen Frau Mimi, die inzwischen mit dem undurchsichtigen Chris Jorgenson verheiratet ist, Julia aufsuchen. Doch sie findet Julia ermordet vor. In ihrer Hand hält sie eine Kette von Clyde …
Lange Schlagschatten. Schüsse aus dem Hinterhalt. Harte Kerle mit vernarbten Gesichtern. In der Verfilmung eines Romans von Dashiell Hammett, dem Begründer und wichtigsten Vertreter des Hard-Boiled-Krimalromans, in dem meist ein Privatdetektiv der letzte Verfechter moralischer Grundsätze in einer verkommenen Welt voller Korruption und Verlogenheit ist, sind das feste Zutaten.
Hier aber, in dieser Verfilmung des letzten der insgesamt fünf Romane, die Dashiell Hammett geschrieben hat, aus dem Jahr 1934, kommt etwas für jene Zeit Unerhörtes hinzu. Eine elegante Hauptfigur mit starkem Hang zu Martinis und dessen durch Erbschaft schwer reiche Ehefrau, die ihrem Mann Kontra gibt und dessen exzentrischem Verhalten mit liebevollem Sarkasmus begegnet.
Dieser Frauentyp ist neu im US-Kino. Auch der Aspekt, dass sie die schwerreiche Besitzerin eines Eisenbahnunternehmens und mehrerer Fabriken ist, während er sich durch den lieben langen Tag trinkt und seit Jahren nicht mehr arbeitet (in der Romanvorlage verwaltet er in San Francisco das gigantische Unternehmen seines Schwiegervaters), war für das Kino jener Zeit revolutionär. Gespielt wird diese Frau von Myrna Loy in eleganten Kleidern und mit einem geradezu provokanten Charme. Die Ehefrau, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, dem kriminalistischen Scharfsinn ihres Gatten ebenbürtig ist und die als Tribut an die Entstehungszeit des Films manchmal ein bisschen um das Leben ihres Gatten fürchtet und diesen den Kriminalfall endgültig lösen lässt, der in diesem Film aber ohnehin eher eine Nebenrolle spielt.
Im Mittelpunkt steht ganz klar das unkonventionelle Ehepaar mit seinen liebevollen, bisweilen scharfzüngigen Dialogen. Aus seiner Zeit als Detektiv ist Nick Charles in New York bestens vernetzt und schart zu Weihnachten lauter grobschlächtige Ex-Knackis um sich, die ihm augenscheinlich dankbar sind, weil er ihnen früher mal geholfen hat. William Powell ziert den Detektiv mit Menjou-Bärtchen, scharf konturierten Augenbrauen und ironischer Distanz allem gegenüber, was nicht seine Frau und kein Martini ist. Die ermittelnden Polizeibeamten in diesem Film zeichnen sich durch große Unlust beim Ermitteln bei gleichzeitig schneller Vorverurteilung von Verdächtigen aus. Nick, der eigentlich überhaupt keine Lust hat, in den Fall hinein gezogen zu werden, ist also beinahe gezwungen, selbst Ermittlungen aufzunehmen, damit nicht Unschuldige bestraft werden. Mit dem dünnen Mann im Filmtitel ist der ermordete Wissenschaftler Clyde Wynant gemeint. "Mordsache Dünner Mann" erwies sich an den Kinokassen als so erfolgreich, dass insgesamt fünf weitere Filme gedreht wurden, die zum besseren Wiedererkennen alle den Dünnen Mann im Titel führten (s.u.). Das führte dazu, dass diese Bezeichnung auf den – schlanken – Detektiv Nick Charles überging und zum Erkennungsmerkmal der Filmreihe wurde.
Filmtechnisch gibt der Film, der visuell eine reizvolle Mischung aus Salonkomödie und hartem Krimi ist, nicht viel her. Meistens stehen Menschen in einem Raum, latent der Kamera zugewandt, sprechen miteinander und trinken Martinis. Zwischendurch gibt es Schnitte auf den treu blickenden Terrier Mr. Asta, der lustige Sachen macht und kurze Szenen, in denen Mr. und Mrs. Charles kaum verschleierte sexuelle Lust aneinander bekunden – auch das war, obwohl die beiden ja immerhin verheiratet sind, 1934 in einem Film unorthodox. Zum Finale versammelt Nick alle Verdächtigen in seiner Hotelsuite und klärt den Mordfall wie in einem Agatha Christie-Roman, in dem sich der Mörder unbedacht selbst entlarvt, auf.
Das sehr neue Frauenbild in dieser stets liebevollen Ehe und die Screwballdialoge heben den Film über die Norm des damaligen Kinos.
Der Dünne Mann im Kino
- Mordsache Dünner Mann (The Thin Man – 1934)
- Nach dem Dünnen Mann / … und sowas nennt sich Detektiv (After the Thin Man – 1936)
- Noch ein dünner Mann (Another Thin Man – 1939)
- Der Schatten des Dünnen Mannes (Shadow of the Thin Man – 1941)
- Der Dünne Mann kehrt heim (The Thin Man Goes Home – 1944)
- Das Lied vom Dünnen Mann (Song of the Thin Man – 1947)
