In der erfolgreichen TV-Show "Das Millionenspiel" des Privatsenders TETV treten Freiwillige an, die jeweils sieben Tage lang auf der Flucht sein werden, um an den Hauptpreis von einer Million Deutsche Mark zu gelangen. Der Leverkusener Bernhard Lotz ist bereits der 15. Kandidat, der sich freiwillig, beobachtet von versteckten Kameras, von den schwer bewaffneten Killern Köhler, Witte und Hensel durch das Rheinland jagen lässt, die, wenn sie ihn töten, eine Gewinnsumme erhalten.
Lotz ist nach fast einer Woche ohne Schlaf, wenig Essen und voller Todesangst am Rande des körperlichen Zusammenbruchs. Er könnte zwar vorzeitig aussteigen, aber die Aussicht auf den Hauptgewinn von einer Million DM und vor allem auch das Schicksal seiner Vorgänger treiben ihn voran: Als einer von ihnen aus dem Spiel ausstieg, wurde er von seinem Umfeld so sehr als Feigling verhöhnt, dass er Suizid beging.
Die ganze Republik sitzt nun gebannt vor dem Fernseher, egal ob voller Faszination oder Ekel. Lotz versucht unterzutauchen, doch wird er immer wieder von seinen Mitmenschen erkannt. Obwohl es Personen gibt, die ihn der Köhler-Bande ausliefern wollen, trifft er auch Leute, die ihm helfen. Über das ganze Spiel hinweg ist ihm die Köhler-Bande immer dicht auf den Fersen.
Eingestreut werden immer wieder Szenen aus dem Millionenspiel-Studio, in dem der joviale Showmaster Thilo Uhlenhorst seines Amtes waltet und dokumentarische Kurzfilme aus Lotz’ Leben einspielt. Die Verbindung zur aktuellen Handlung bieten Außenreporter, die ständig von den neuesten Entwicklungen berichten. Unterbrochen werden die Einspielungen zudem durch Werbespots des fiktiven Stabilelite-Konzerns.
Hinter den Kulissen manipulieren die Millionenspiel-Macher geschickt ihr eigenes Spiel, indem sie Lotz an strategisch günstigen Stellen helfen oder schaden …
„Sollte der Kandidat vorzeitig den Tod finden, so erwartet Sie ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm mit vielen beliebten Künstlern.“ Das ist beruhigend, dass man dann nicht den ganzen Abend auf ein Testbild starren muss, wenn der Kandidat dieser Fernsehshow doch noch frühzeitig erschossen werden sollte.
Als "Das Millionenspiel" im Oktober 1970 im Fernsehen läuft, bin ich 9 Jahre alt und bekomme eine allgemeine Aufregung über eine Sendung mit, die im Fernsehen gelaufen ist. Ich durfte nur von der Sofakante aus zugucken, "Das Millionenspiel" begann um 20.15 Uhr in der ARD und ging über meine erlaubte Wachbleibzeit von 21.00 Uhr hinaus. Aber an diesem und den folgenden Tagen bekam ich erstmals einen Eindruck davon, welchen Einfluss das Fernsehen auf die Menschen hat, wenn es nicht live die Mondlandung zeigt, vor der wir natürlich alle sitzen durften. Die Mondlandung war echt und bewegte Milliarden Menschen, "Das Millionenspiel" war aber nur eine Spielfilm, der trotzdem die halbe Republik erschütterte und tagelang Thema blieb.
Wegen unklarer Ausstrahlungsrechte wurde "Das Millionenspiel" erst im Juli 2002 wiederholt, da war das Stück, das sich im Nachhinein als visionär erwiesen hatte, längst von der Realität überholt und in zahlreichen Kinofilmen neu erzählt worden – 1983 etwa in Kopfjagd oder 1987 als Running Man nach einer Story von Stephen King.
Im Premierenjahr 1970 gab es in Deutschland noch kein Privatfernsehen. Das Konzept, jedwede Sendung immer unterbrechen zu können, um Werbespots einzuspielen, war den deutschen Fernsehzuschauern fremd, die Faszination für die Einschaltquote eine rein spielerische Größe, die im Alltag der Menschen keine Relevanz hatte.
Autor Wolfgang Menge und Regisseur Tom Toelle legen ihr Drama als Live-Show an. Nach ein paar Minuten, in denen wir einem uns noch unbekannten Menschen beim Aufwachen im Hotel zuschauen und wie er kurz darauf vor drei Männern flüchtet, die auf ihn schießen, tritt in einem Fernsehstudio der Showmoderator Thilo Uhlenhorst aus der Kulisse, begrüßt sein Publikum und führt dann durch diese Sendung, in deren Mittelpunkt die Menschenjagd steht. Mit dem Auftritt des populären Showmasters Dieter "Thomas" Heck in der Thilo-Uhlenhorst-Rolle war die Illusion perfekt. Unbedarfte TV-Zuschauer glaubten, sie sähen eine reale Menschenjagd, obwohl die von der WDR-Fernsehansagerin Hannelore Vorberg verkörperte Ansagerin vor der Sendung sagte, die Regeln „unseres Spiels stehen im Einklang mit dem Gesetz zur aktiven Freizeitgestaltung vom 7. Januar 1973, veröffentlicht in Teil 2, Bundesgesetzblatt, Seite 964“. Aber dieser in der dritten Filmminute gesprochene Satz versendete sich offenbar gründlich. Obwohl Empörung über die Menschenjagd überwog, riefen manche Leute die damals eingeblendete, fiktive Telefonnummer des Senders an und wollten sich als Kandidat in der Rolle des Gejagten oder auch als Jäger anmelden.
Man brauchte freilich auch 1970 kein sonderlich geschultes Auge, um zu erkennen, dass die Sendung nicht live sein kann, wenn Kamerateams unterwegs eben noch mitten am Tag berichten und wenige Minuten später in den dunklen Abendstunden. Der Showmaster behauptet, 27 Kamerateams seien jederzeit im Einsatz, um den Tagesablauf des Kandidaten Bernhard Lotz lückenlos zu dokumentieren. Aber nicht nur sieht man diese Kamerateams nie. Es bleibt auch rätselhaft, wie und woher die immer mehr über die Verstecke des Kandidaten wissen, als die drei Killer vom Team Köhler, die Lotz jagen.
In Einspielfilmen, wenn leere Momente übersendet werden müssen, in denen der Kandidat den Kameras abhanden kommt, äußern sich (fiktive) Passanten in Straßenumfragen zum Kandidaten und zum Inhalt der Show, in denen sehr ausgewogen Bernhard Lotz mal als geldgeiler Idiot beschimpft, mal als Tausendsassa bewundert wird. Überhaupt gibt sich Autor Menge in seinem Drehbuch alle Mühe, immer wieder drauf hinzuweisen, dass dieses TV-Spiel doch eigentlich ziemlich unmenschlich und brutal ist, wie auch Thilo Uhlenhorst immer wieder „das Spiel mit sehr hohem Einsatz“ betont: „Nämlich auf der einen Seite, meine Damen und Herren, das wissen Sie, das Leben. Auf der anderen Seite eine Million Mark.“
Menge ist mit seinem Script nicht auf spekulative Action mit rasanten Jagdszenen aus dem Raum Köln aus (in dem "Das Millionenspiel" gedreht wurde). Was die angeht, kommt der Film beeindruckent bieder daher. Das Medium selbst ist die Botschaft. Menge zielt auf die Wirkmacht des Fernsehens. Auf die, die das Fernsehen 1970 auch schon in Deutschland hatte, aber auch auf die Wirkmacht, die es hierzulande noch entfalten würde – was sich absehen ließ, weil Werbeunterbrechungen und Quotenfixierung in Nachbarländern oder vor allem in den USA längst Alltag waren.
Die Unschuld hatte das Fernsehen 1970 längst verloren. In den USA war in den 50er Jahren eine beliebte Quizsendung aufgeflogen, die für bessere Quoten ihre Kandidaten manipuliert hatte. Anfang der 1960er gewann John F. Kennedy auch deshalb die Präsidentschaftswahl gegen Richard Nixon, weil Kennedy im allerersten Kandidaten-Duell der TV-Geschichte vor Livekameras die bessere Figur machte. Zur Mondlandung waren alle gesellschaftlichen Regeln außer Kraft, alle saßen stattdessen vor einem Fernseher. Die Macht des Mediums war also hinlänglich dokumentiert. Wolfgang Menge machte mit "Das Millionenspiel" ein breites Publikum nachhaltig mit dieser Macht vertraut.
Den Produzenten war ein Fehler unterlaufen, als sie sich die Filmrechte der literarischen Vorlage sicherten. Deshalb kam es bald zu einem Rechtsstreit. Der WDR hatte vom Goldmann-Verlag, in dessen Buch "Das geteilte Ich" die Kurzgeschichte "Der Tod spielt mit" von Robert Sheckley auf Deutsch erschienen war, zwar die Rechte zur Verfilmung erworben, doch besaß Goldmann die Rechte zur Verfilmung selbst nicht. Der Filmproduzent Joseph Cates untersagte als Rechteinhaber weitere Ausstrahlungen und fand am 3. Mai 1977 vor dem Oberlandesgericht Frankfurt Bestätigung. Nach zwei Ausstrahlungen verschwand der Film für dreißig Jahre aus dem Fernsehen.
Menschenjagd im Film
- In dem Abenteuerfilm "Graf Zaroff – Genie des Bösen" von 1932 macht ein russischer Aristokrat auf einer einsamen Insel Jagd auf ahnungslose Schiffbrüchige. 1994 erschien das vage Remake "Surviving the Game – Tötet ihn!".
- Der Science-Fiction-Film Das zehnte Opfer von 1965, der von einer Spielshow mit menschlichen Jägern und Opfern erzählt, beruht ebenfalls auf einer Kurzgeschichte Robert Sheckleys, auf der Erzählung "The Seventh Victim".
- Das Thema Menschenjagd behandelt auch die Literaturverfilmung "Open Season – Jagdzeit" von 1974.
- In dem Mockumentary-Thriller "Strafpark" von Regisseur Peter Watkins von 1971 werden Strafgefangene dazu verurteilt, in einer verlassenen Wüste innerhalb von drei Tagen eine Wegstrecke von 80 Kilometern zu Fuß zurückzulegen, um eine in der Einöde aufgestellte amerikanische Flagge zu erreichen und somit ihre Freiheit zu erlangen. Während des Fußmarschs werden die Verurteilten von bewaffneten Polizisten und Soldaten gejagt. 1982 wurde die gleiche Geschichte in Frankreich unter dem Titel Le prix du danger (deutsch: Kopfjagd – Preis der Angst) erneut verfilmt.
- Ebenfalls 1982 erschien in den USA der Roman "Menschenjagd" von Stephen King unter dem Pseudonym Richard Bachman, der eine gleichartige Geschichte erzählt. Auf diesem Roman basiert der Film Running Man mit Arnold Schwarzenegger von 1987, der sich jedoch wesentlich vom Roman unterscheidet. Insbesondere der sozialkritische Bezug der Romanvorlage ist in der Verfilmung von 1987 kaum noch enthalten. Allerdings wirkt das Design des fiktiven Fernsehstudios in "Running Man" wie eine Hommage an "Das Millionenspiel": Die Farbgebung aus Grau und Spektralfarben wurde übernommen, wieder tritt ein Ballett als Pausenfüller auf. Das Millionenspiel endet mit dem Kandidaten in einer Glasröhre, Running Man beginnt damit.
- Mit dem Thema Menschenjagd befasst sich auch der Actionfilm Harte Ziele von Regisseur John Woo mit Jean-Claude Van Damme in der Hauptrolle, erschienen 1993.
- Der US-Film "Series 7 – Bist du bereit?" aus dem Jahr 2001 präsentiert im Stil einer Mockumentary eine Reality-TV-Show, bei der sich die Kandidaten gegenseitig umbringen sollen.
- Menschenjagd ist ein zentrales Handlungselement in dem Horror-Thriller "Hydra – The Lost Island" von 2009.
- Die US-Filmreihe Die Tribute von Panem (2012–2015), auch als "Die Hungerspiele" bekannt, hat ebenso ein Spiel um Leben und Tod mit zugeschalteten Zuschauern zum Thema.
- In dem Thriller The Purge – Die Säuberung von 2013, dem mehrere Fortsetzungen folgten, führt der amerikanische Staat einen jährlichen Säuberungstag ein, an dem eine Nacht lang alle erdenklichen Untaten straffrei bleiben, auch Mord. Deshalb begeben sich etliche Menschen schwer bewaffnet auf die Straße, um andere Menschen zu jagen.
- 2017 erschien der deutsche Spielfilm "Immigration Game" von Regisseur Krystof Zlatnik, in dem Bürger durch die Hauptstadt Berlin rennende, vogelfreie Asylanten jagen dürfen.
- Die südkoreanische Serie "Squid Game" von 2021, in der verschuldete Kandidaten gegeneinander um ihr Leben und ein hohes Preisgeld spielen müssen, war sozialkritisch angelegt, aber wegen der Brutalität der Darstellungen umstritten.
- 2025 drehte Edgar Wright eine Neufassung von The Running Man, die sich enger an die literarische Vorlage von Stephen King hält.
