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Plakatmotiv: Over the Top (1987)

Stallone als Arm drückender
Papa in durchkalkulierten Film

Titel Over the Top
(Over the Top)
Drehbuch Stirling Silliphant & Sylvester Stallone
nach einer Story von Gary Conway & David Engelbach
Regie Menahem Golan, USA 1987
Darsteller
Sylvester Stallone, Robert Loggia, Susan Blakely, Rick Zumwalt, David Mendenhall, Chris McCarty, Terry Funk, Bob Beattie, Allan Graf, Magic Schwarz, Bruce Way, Jimmy Keegan, John Braden, Tony Munafo, Randy Raney u.a.
Genre Action, Drama
Filmlänge 93 Minuten
Deutschlandstart
30. April 1987
Inhalt

Die Mutter stirbt. Nach der Trennung von ihrem Mann ist sie samt Sohn Michael zu ihrem sehr reichen Dad zurückgekehrt. Jetzt möchte sie, dass ihr ehemaliger Mann, Lincoln, der Truckdriver, die Erziehung des gemeinsamen Sohnes übernimmt, weil der reiche Großvater nicht kann, was Lincoln kann, das leben auf der Straße: „Ich weiß, dass das schwierig für Dich wird. Es ist wirklich wichtig. Er braucht Dich, Liebling.“ Nun soll er ihn von der Militärakademie in Virginia abholen und nach Denver bringen, wo seine Ex-Frau im Sterben liegt.

Doch Lincolns reicher Schwiegervater Jason versucht, die Vater-Sohn-Beziehung schon im Keim zu ersticken.

Obwohl der Großvater alles unternimmt, um die beiden zu trennen, entschließt sich Sohn Michael, bei seinem Vater zu bleiben und gibt ihm damit die Kraft, den Weltmeistertitel im Armdrücken zu gewinnen …

Was zu sagen wäre

Und wenn Du Nackenschmerzen bekommst, kannst Du Dich an meine Schulter anlehnen“, sagt der Truckdriver zu seinem entfremdeten Sohn, als der die erste Nacht auf dem Beifahrersitz eines Trucks übernachten soll. Und am nächsten Morgen schläft der Sohn selig und der Dad auch – an der Schulter seines Sohnes. So funktioniert Hollywood, wenn es etwas grundsätzlich klären will: die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, nachdem er erst den silbernen Falken auf seinem Kühler poliert, dann dessen Reifen eingeseift und schließlich Gesicht gewaschen und Zähne geputzt hat. Es muss übrigens Vater und Sohn sein, weil nur das echte, tiefe Familienbande erzeugt. Immer der Vater. Und am besten zu einem Sohn, der eben noch Bücher im Truck seines entfremdeten, lieber seine Armmuskeln trainierenden Dads vermisst und postuliert „Ich mein' das nicht persönlich, aber Du stehst einfach auf einer anderen sozialen Stufe“. Das ist der American Spirit. Am nächsten Morgen machen sie dann im Gegenlicht der aufgehenden Sonne Gymnastik am Truck.

Solche Szenen innerhalb der ersten halben Filmstunde sind deshalb so wichtig, damit alle in ihren Kinosesseln wissen, was in der verbleibenden Filmstunde verhandelt wird: „Na los, erzähl mir 'n bisschen mehr von den sozialen Stufen“, entgegnet also der entfremdete Truckdriver-Dad seinem an der Kadettenschule ausgebildeten Sohn und der sagt: „Die meisten Erwachsenen sind geistig nicht weiter als ein 15-Jähriger, also nur drei Jahre weiter als ich. Ein Trucker dürfte zwischen 11 und 13 stehen geblieben sein. Im Höchstfall 14, wenn sie besonders intelligent sind.Plakatmotiv: Over the Top (1987)Ich muss zugeben, es macht wirklich Spaß, mit so einer überragenden Geistesgröße wie Dir unterwegs zu sein, das ist ein Geschenk Gottes.“ Daran anschließend wissen wir, die wir ein Ticket für einen Sylvester-Stallone-Film gekauft haben, dass wir nicht in einem Wim-Wenders-Film enden werden. Dieser Dialog stellt klar: Es wird in diesem Film der Muskel über das Hirn siegen, das Hirn ein wenig zurecht gestutzt, aber (natürlich) nicht mit den Füßen voran vom Platz getragen werden.

Stallone hat übrigens auch das Drehbuch zum Film geschrieben; was im Zusammenhang mit seinem Wettstreit mit dem sich selbst andauernd auf die Schippe nehmenden Arnold Schwarzenegger (der noch nie ein Drehbuch geschrieben hat) vielleicht einiges über den Humor des Rocky-Rambo-Stallone aussagt. Stallone löst die oben beschriebene Soziale-Stufen-Situation ausgesprochen charmant, weil es, sind wir mal ehrlich, für einen 12-Jährigen kaum etwas aufregenderes gibt, als einen US-Truck zu steuern. Das schafft der Junge sehr schnell recht souverän und über alle vier Backen strahlend. Was wiederum etwas über die intellektuellen Fähigkeiten auf den verschiedenen sozialen Stufen verrät, die dieser Film verhandelt (in dem ein 12-Jähriger schon einen veritablen Truck fahren kann).
Dass dies kein Wim-Wenders-Film werden wird, erkennen wir übrigens auch daran, dass bei diesem Road-Movie alle Landschaftsbilder, die der deutsche Regisseur lange stehen lassen würde (siehe: Paris, Texas), weil er Film primär als Medium des Bildes versteht, hier kurz geschnitten werden, damit die Bildmontage zum Takt des Scores passt, oder zumindest nicht das Popcorn-Publikum anfängt, sich zu langweilen.

Truckdriver Lincolns Hauptgegner sind Anwälte; Sesselpupser also: „Ich habe mein bestes Team darauf angesetzt, dass sie jeden vergleichbaren Fall der letzten 100 Jahre untersuchen. Um es kurz zu machen, Jason: Kein Richter spricht Ihnen das Sorgerecht für Michael zu. Das Gericht lässt ihn bei seinem Vater, außer Hawk kann nicht für ihn sorgen.“ „Wie soll er für ihn sorgen?“, höhnt der feindselige Großvater Jason. „Der Mistkerl hat doch alles verloren. Er kann nicht mal für sich selbst sorgen. Ihr Anwälte findet doch immer Schlupflöcher. Ist das nicht Euer Job? Warum fällt Euch diesmal nichts ein?

Zum Wesenskern solcher Filme gehört es, dass wir den Dialog während der Annäherung zwischen Vater und Sohn nicht hören können. Bitte: Es ist völlig egal, worüber die beiden reden. Hauptsache sie reden, das Wetter ist schön, die Landschaft rund um den Truck wild romantisch – hier die Ausläufer des Monument Valley, dass schon Regielegende John Ford für viele Filme als Schauplatz gedient hat, und im Soundtrack röhrt Frank Stallones heisere Singstimme was von „New Beginning“ und „Another Light“.

Am Ende lässt sich sagen mit Blick auf den sich selbst andauernd auf die Schippe nehmenden Arnold Schwarzenegger: Arnold Schwarzenegger hat sich bislang noch nicht auf so einen schweißtreibenden Muskelvergleich eingelassen, wie es das Armdrücken darstellt. In Stallones Filmvita ist der Film ein freundlicher Ausreißer (Die City-Cobra – 1986; Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts – 1985; Rambo II – Der Auftrag – 1985; Rambo – 1982; Rocky III – Das Auge des Tigers – 1982; Nachtfalken – 1981; Rocky II – 1979; Vorhof zum Paradies – 1978; Rocky – 1976; Bananas – 1971): Kein waffenstarrender Rambo, sondern mal ein gemütsvoller, aufrechter Amerikaner à la Rocky.

Wertung: 5 von 9 D-Mark
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