Buchcover: Joachim Meyerhoff – Amerika: Alle Toten fliegen hoch Nr. 1: Amerika (2011)

Eine biografische Erzählung über ein
deutsches Coming-of-Age in Wyoming

Titel Amerika – Alle Toten fliegen hoch Nr.1
Autor Joachim Meyerhoff, Deutschland 2011
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Ausgabe E-Book, 464 Seiten
Genre Biografie, Erzählung
Website www.kiwi-verlag.de
Inhalt

Mit achtzehn ging ich für ein Jahr nach Amerika. Noch heute erzähle ich oft, dass es ein Basketballstipendium war, aber das stimmt nicht. Meine Großeltern haben den Austausch bezahlt.“ So beginnt der erste Roman von Joachim Meyerhoff, der seinen Ich- Erzähler aus der norddeutschen Provinz in die Weiten des amerikanischen Westens führt – und in ein Wechselbad der Gefühle.

Der Leser folgt dem jugendlichen Helden, der sich aufmacht, einen der begehrten Plätze in einer amerikanischen Gastfamilie zu ergattern. Aber schon beim Auswahlgespräch in Hamburg werden ihm die Unterschiede zu den weltläufigen Großstadt-Jugendlichen schmerzlich bewusst. Konsequent gibt er sich im alles entscheidenden Fragebogen als genügsamer, naturbegeisterter und streng religiöser Kleinstädter aus – und findet sich bald darauf in Laramie, Wyoming wieder, mit Blick auf die Prärie, Pferde und die Rocky Mountains.

Der drohende Kulturschock bleibt erst mal aus, der Stundenplan ist abwechslungsreich, die Basketballsaison steht bevor, doch dann reißt ein Anruf aus der Heimat ihn wieder zurück in seine Familie nach Norddeutschland – und in eine Trauer, der er nur mit einem erneuten Aufbruch nach Amerika begegnen kann …

aus dem Klappentext …

Was zu sagen wäre
Amerika – Alle Toten fliegen hoch Nr.1

In dieses Buch bin ich ohne Vorbereitung reingestolpert. Ich war eben erst aus einem mehr als 1000-seitigen John Irving weder aufgetaucht und griff zu diesen hoch fliegenden Toten. Natürlich hatte ich von Meyerhoff gehört. Im Feuilleton stand mal was, meine Nichte hatte kürzlich von dem vorliegenden Buch geschwärmt und dann kommt dieser Tage eine Verfilmung des Meyerhoff-Buchs "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" durch Paul Verhoeven mit seiner Mutter Senta Berger ins Kino, und weil ich die gerne sehen will – wegen Senta Berger, nicht wegen Meyerhoff – dachte ich, lese ich mal vorher das Buch.

Um dann festzustellen, dass es Teil einer Serie von Büchern unter dem Obertitel "Alle Toten fliegen hoch" ist, in der die "Lücke" erst als drittes drankommt. Und plötzlich hatte ich also unmittelbar nach Irvings Ziegelstein "Amerika" in der Hand, den ersten Teil der Serie.

Zwischen den Buchdeckeln steckt kein Roman. Es ist eine biografische Erzählung eines Mannes, den ich gar nicht kenne, der sofort locker ironisch im Tonfall loslegt, mich aber erst am zweiten Lesetag einfängt. Natürlich reizt mich das Thema auf dem Klappentext, in Amerika war ich häufig, war als 16- und als 17-Jähriger jeweils vier Wochen in Gastfamilien an der US-Ost- bzw. der Westküste, war 2024 einige Tage auch in Wyoming, wo ein großer Teil der Meyerhoff'schen Erzählung spielt. Aber dann reist der Junge erstmal seitenlang durch die norddeutsche Provinz, findet sich im großen Hamburg und dortigen Schnöseln nur mühsam zurecht und – interessiert mich das? Wer erzählt mir das und warum?

Meyerhoff versteht sich in der Kunst des Erzählens, folgt hier einer Kunstform, die in den USA populär ist: Oral History – Menschen stehen auf einer Bühne und erzählen pointiert einen Schwank aus ihrem Leben – keine Kabarettisten, keine Comedians, sondern einfach gute Erzähler, die das Publikum zum Lachen, Stöhnen und Staunen bringen.

Zum Handwerk in dieser Kunst gehört es, sich nicht hinter Floskeln zu verstecken. Meyerhoff versteckt sich nicht, hält mit seinen Schwächen nicht hinterm Berg, macht sich über sich selbst lustig und zieht mich dadurch so tief in sein Amerika-Abenteuer, dass ich beinahe enttäuscht bin, als er mittendrin einmal wegen eines Todesfalls (Merke: Alle Toten fliegen hoch) in die norddeutsche Heimat reisen muss; so pietätlos darf ich sein, weil der Erzähler zugibt, es irgendwie auch zu sein. Da erzählt kein juveniler Überflieger und Klassenliebling, sondern einer um die 18 Jahre alt, der das mit dem Leben und diesem Sex auch noch nicht so richtig hinbekommt.

Es hilft bei der Lektüre, wenn man dem Reiseland USA und seinen Bewohnern grundsätzlich mit Empathie gegenübersteht, weil man dann das aufregende Jahr eines Teenagers erlebt, in dem er erwachsen wird – sein persönliches Coming of Age erlebt. Er kommt in eine befürchtet streng religiös konservative, dann aber als freundlich zugewandt auftretende Gastfamilie, in der nur der jüngste Sohn, Don, ein maulfauler, schlecht gelaunter, ein bisschen unheimlicher Typ bleibt.

Mit Sinn fürs richtige Wort am richtigen Platz beschreibt Meyerhoff seine Schwierigkeiten, sich auf die fremde Sprache einzulassen und, zurück in Deutschland, seine Unlust, aus ihr wieder zurückzufinden. In der High School findet er bald Anschluss, ist bald im ganzen Schulkomplex als The German bekannt und, als er es sogar ins schuleigene Basketballteam schafft, respektiert. Ich gleite Seite um Seite mit Meyerhoff durch sein Abenteuer, vorbei am ersten Sex, durch unglaubliche Partys, wie ich sie nur aus abgedrehten Teenager-Komödien aus Hollywood kenne, mich aber nicht lange mit der Frage aufhalte, ob vielleicht nicht alles, was Meyerhoff erzählt, wirklich biografisch ist, und ertappe mich beim Neid, so ein USA-Jahr als Schüler nicht gehabt zu haben. Um so mehr sprießt die Gänsehaut, wenn er dann mit seinen Gasteltern das Fort Laramie besucht oder den Devil's Tower im Norden Wyomings, den auch er aus Spielbergs Unheimliche Begegnung der Dritten Art kennt, den Mount Rushmore oder den majestätischen Grand Canyon bewundert, alles Orte, an denen ich auch mit offenem Mund gestanden habe.

Aber die Geschichte bleibt eine Erzählung. Meyerhoff versteckt sich nicht hinter eine Kunstfigur, er geht aber auch nie sehr tief. Ich lese die Geschichte wie den Reisebericht eines Jungen, der gerne erzählt.

Ich kann mir nur vorstellen, wie aufregend das 2007 im Wiener Burgtheater gewesen sein muss, als Meyerhoff dort auf der Bühne stand und diese Geschichte vor ausverkauftem Haus erzählt hat.

Ich habe das Buch zwischen dem 13. und 15. Januar 2026 gelesen.