Buchcover: Joachim Meyerhoff – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war – Alle Toten fliegen hoch Nr. 2 (2013)

Liebevoller Einblick ins Bildungsbürgertum
der 70er, der mich ganz unberührt lässt

Titel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war – Alle Toten fliegen hoch Nr. 2
Autor Joachim Meyerhoff, Deutschland 2013
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Ausgabe E-Book, 464 Seiten
Genre Biografie, Erzählung
Website www.kiwi-verlag.de
Inhalt

Ist das normal? Zwischen Hunderten von körperlich und geistig Behinderten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzuwachsen? Der junge Held in Joachim Meyerhoffs zweitem Roman kennt es nicht anders – und mag es sogar sehr.

Sein Vater leitet eine Anstalt mit über 1.200 Patienten, verschwindet zu Hause aber in seinem Lesesessel. Seine Mutter organisiert den Alltag, hadert aber mit ihrer Rolle. Seine Brüder widmen sich hingebungsvoll ihren Hobbys, haben für ihn aber nur Häme übrig. Und er selbst tut sich schwer mit den Buchstaben und wird immer wieder von diesem großen Zorn gepackt. Glücklich ist er, wenn er auf den Schultern eines glockenschwingenden, riesenhaften Insassen übers Anstaltsgelände reitet …

aus dem Klappentext …

Was zu sagen wäre
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war – Alle Toten fliegen hoch Nr. 2

Nachdem ich gerade Amerika von Joachim Meyerhoff gelesen habe, das sich als erstes Buch aus der Reihe "Alle Toten fliegen hoch" entpuppte, habe ich gleich das zweite Buch angehängt.

Meyerhoff beginnt nicht, wo er mit Amerika geendet hat. Er springt zurück in seine Kindheit in Schleswig, ist sieben Jahre, jüngster von drei Söhnen, gleichzeitig umsorgtes Nesthäkchen der Mutter und geschätztes Subjekt zum Ärgern für die beiden älteren Brüder. Meyerhoff erzählt eine – seine? – Biografie aus den 70er Jahren. Er lebt auf dem Anstaltsgelände der Jugendpsychatrie umgeben von lauter Kindern und Jugendlichen, die von den Brüdern liebevoll „Idioten, Irre oder Verrückte“ genannt werden. „Aber auch die Dödies, die Blödies, die Tossen, Spaddel, Spackos und Spasties. Oder die Psychos, Mongos, die Deppen, Debilen und Trottel – der Favorit meines ältesten Bruders war: die Hirnies. Sie so zu nennen war für uns vollkommen normal. Selbst meine Eltern benutzten hin und wieder, wenn wir unter uns waren, einen dieser Ausdrücke.“ Daraus ergibt sich außer ein paar Anekdoten nichts weiter.

Es ist die Schwäche diese Buches, dass sich nichts aus irgendwas ergibt. Anders, als im ersten Buch, wo allein die Umstände der Amerika-Reise mit ihren Unwägbarkeiten und kulturellen Unterschieden für Unvorhergesehenes und Neugier beim Leser sorgten, habe ich es bei "Wann wird es endlich…" mit der Biografie eines Jungen Mitte der 70er Jahre zu tun, der seinen Platz im Familiengefüge behauptet und den in der Welt noch nicht sucht. Der Schulalltag spielt keine Rolle, Meyerhoff konzentriert sich auf seine Familie im Haus auf dem Anstaltsgelände. Wenn der Vater nicht seinem Beruf als Direktor nachgeht, über den wir auch kaum mehr erfahren, als dass er mal den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg in einem neuen Klinikbau begrüßen durfte, sitzt er daheim im Sessel und liest. Der Ich-Erzähler beobachtet mit höchstem Respekt, wie der Vater alles behält, was er jemals gelesen hat, wie er während eines Blizzards für eine Zuckerkranke, die auf dem abgelegenen, im Schnee nicht zugänglichen Land wohnt, einen Insulin-Transport per Hubschrauber besorgt, der es sogar in die abendliche "Tagesschau" schafft, lässt aber sonst kaum ein respektables Haar am Vater, der ein passiver, nur in der Theorie lebensfähiger Mensch ist. Die praktische Arbeit, um ein Familienleben zu gestalten, liegt ausschließlich bei der Mutter.

Meyerhoff erzählt mit dem aus Amerika bekannten, liebevollen, bisweilen ironischen Duktus, spart auch peinliche Begebenheiten nicht aus, die vor allem seinen Vater schlecht aussehen lassen. Dann erzählt er mal von Friederike, die „von der Realschule kam, auf die wir vom Gymnasium stets etwas herabsahen“, die er gut findet, aber auf einer Silvesterparty an deren Ex-Freund verliert, oder von einer kurz aufflackernden Segelleidenschaft der Eltern, die damit endet, dass der Vater bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot gerät und den Sohn vorher noch über Bord wirft. Oder wie er mal am neuen Landsitz der Eltern einen Meiler baut und erfolgreich Holzkohle herstellt, oder von einem Sommerfest der psycahtrischen Anstalt, zu dem die halbe Stadt kommt – ohne, dass es dann mit diesem Fest eine weitere Bewandtnis hätte.

Er erzählt und erzählt, zwischendurch entführt uns Meyerhoff noch mal ein paar Seiten in das uns schon aus dem ersten Buch bekannte Wyoming, weil dieses Jahr in Amerika halt mittendrin in dieser Kindheit und Jugend in Schleswig stattfand. Und solange ich lese, lese ich gerne, folge den familiären Ratespielen am sonntäglichen Wohnzimmertisch ebenso gerne wie der Blutsbrüderschaft, die „Josse“, wie sein Vater ihn nennt, mit seinem Hund schließt oder den drei Insassen, die jedes Jahr zu Vaters Geburtstag vorbeischauen und ihre Neurosen ausleben. Die zwangsläufig zu erwartenden Todesfälle – immerhin heißt die Serie ja "Alle Toten fliegen hoch" – sind für den Ich-Erzähler sicher dramatischer, als er das im Buch beschreibt; ich nehme sie mit wenig Melancholie zur Kenntnis, bin aber weit entfernt von erschüttert.

Aber ich kann das Buch auch jederzeit aus der Hand legen. Weil ich nie auf etwas warte. Alles, was passiert, wird im jeweiligen Kapitel abschließend erzählt. Im nächsten Kapitel passiert was Neues. Ein unterhaltsamer Zeitvertreib mit Momenten wundervoller Melancholie, mit herzerfüllten Beschreibungen, aber mir fehlt das Zwingende des Ganzen, das mich ans Weiterlesen fesselt.

Ich habe "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" vom 15. bis 18. Januar 2026 gelesen.

Zehn Jahre nach Erscheinen des Buches wurde ein Film draus: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, Sonja Heiss, 2023