Aspen, Colorado 1941. Mit 18 tritt Rachel Brewster bei den nationalen Skimeisterschaften an. Eine Medaille gibt es nicht, dafür ist sie schwanger, als sie in ihre Heimat Exeter in New Hampshire zurückkehrt.
Fortan arbeitet sie als Skilehrerin und verbringt das halbe Jahr in Vermont, weshalb ihr Sohn Adam bei seiner Großmutter Nana aufwächst. Adams Großvater hat aufgehört zu sprechen, als er die Nachricht von der unehelichen Schwangerschaft seiner jüngsten Tochter Rachel erhält, und rutscht unaufhaltsam in eine Demenz. Rachels Schwestern Abigail und Martha bevölkern ebenfalls Adams Welt und kommentieren voller Missbilligung alles, was Rachel und Adam tun.
Als Adam 14 ist, verkuppelt er die 1,57 m kleine Rachel mit dem noch kleineren Englischlehrer Mr. Barlow, einem Schneeschuhläufer. Und obwohl Großvater Lew während der Hochzeit eine Beißattacke auf die Knöchel der Gäste unternimmt, obwohl er wenig später nur in Windeln vom Blitz erschlagen wird, obwohl Rachel Mr. Barlow in derselben Nacht mit ihrer Lebensgefährtin Molly betrügt, wird aus Rachel, Adam und Elliot Barlow eine Familie, in deren Schutz jedes Mitglied seinen Neigungen nachgehen kann: Adam wird Drehbuchautor, Rachel frönt dem Skifahren und Molly, Mr. Barlow trägt Frauenkleider.
Jahre später begibt sich Adam schließlich auf die Suche nach Antworten in Aspen. Im Hotel Jerome, in dem er gezeugt wurde, trifft er nicht nur seinen Vater, sonder auch auf einige Geister. Die werden allerdings weder die ersten noch die letzten sein, die er sieht …
aus dem Klappentext …
Das verhaltene Smiley als Bewertung zu setzen statt des strahlenden ist lediglich dem Kosmos John Irvings geschuldet, der begnadet schöne Romane schreibt, unter denen selbst die weniger begnadeten immer noch große Werke zum Schmökern sind. "Der letzte Sessellift" ist ein großartiger, ziegelsteindicker Schmöker, in Irvings Bibliographie aber eines der weniger begnadeten.
Irving hat eine Biografie geschrieben, keineswegs eine Autobiografie, wobei sich seine Realität und die des fiktiven Erzählers Adam überlappen. Adam ist Schriftsteller und Drehbuchautor und in Exeter, NH, geboren, alles wie Irving und erhält einen Oscar für eines seiner Drehbücher – so wie Irving. Im letzten Viertel verlagert sich die Erzählung nach Toronto in Kanada, wo auch Irving mittlerweile heimisch geworden ist. Der vorliegende Roman spielt im Wesentlichen zwischen New Hampshire, Vermont und New York, in Irvings langjährigem Schaffenskreis also. Weitere Parallelen mag es geben, sind aber für den Leser ebenso unwichtig, wie die genannten.
Adam wächst in ungewöhnlichen Familienverhältnissen auf, deren ungewöhnlichstes Merkmal es ist, dass dort bessere, emphatischere Menschen agieren, als in gewöhnlichen Verhältnissen. Adam wird als unehelicher Sohn der erst 19-jährigen Rachel, genannt "Little Ray" geboren, die niemandem den Vater verrät. Sie zieht das Kind allein auf, unterstützt von dem nur 1,45 Meter messenden Englischlehrer Elliot, der sich noch später in eine Frau umwandeln lässt, ohne dass dies die familiären Verhältnisse verändert. Little Ray und Elliot haben geheiratet; aber liiert ist Little Ray mit der etwas älteren Molly. Dann gibt es noch Adams kantige Cousine Nora, die zusammen mit ihrer zwar nicht stummen, aber ausschließlich in Gebärden sprechenden Lebensgefährtin Em in einem New Yorker StandUp-Club jahrzehntelang die Nummer "Zwei Lesben, eine spricht" aufführt.
Die heterosexuellen Menschen in Adams Umfeld sind ein in die Demenz gleitender Großvater, der nicht spricht, den Tag in Windeln verbringt und schließlich vom Blitz erschlagen wird, zwei gehässige Tanten sowie ein Cousin der Marke Schulhof-Bully – einer unsympathischer als die andere. Außer Nana, seine Großmutter, die Adam mit Herman Melvilles "Moby Dick" das Lesen und die Literatur nahebringt und die Tatsache, dass seine noch recht junge Mutter – ihre Tochter – nie wieder mit Männern zu tun haben wollte: „Ich kann mich nicht mehr erinnern, aber ich glaube kaum, dass ich sie klar und rundheraus danach gefragt habe: »Nana, willst du mir damit sagen, dass meine Mutter nur ein einziges Mal Sex gehabt hat, weil sie ein Kind wollte, ein einziges? Und jetzt, wo sie mich hat, wird sie es nie wieder tun?« Können Sie sich vorstellen, Ihre Großmutter so etwas zu fragen? Nun, ich habe es getan, auch wenn ich mich nicht daran erinnere, wie ich es ausgedrückt habe. Sehr gut hingegen kann ich mich an die Antwort erinnern. »Wenn du alt genug bist, Adam, dann wird Little Ray dir die ganze Geschichte sicher lieber selbst erzählen.«“
In dieser federleicht schwebenden Sprache begleitet uns Irving durch das Leben seiner Hauptfigur. Und liefert eine Quintessenz seines 14 Romane umfassenden Œvres, kehrt zu den Anfängen seines Erfolgs zurück, zu "Garp und wie er die Welt sah", womit ihm 1978 der Durchbruch gelang. "Garp" hatte die gleichen autobiografischen Wurzeln. Damit ist Irving gut gefahren, bei allen Slapstick-Einlagen, die auch dieses Buch bevölkern, machen die Quellen der eigenen Erfahrung seine Texte reifer. Dieses Buch wirkt wie ein Vermächtnis des über 80-Jährigen, als wäre dies sein eigener letzter Sessellift.
Adam erzählt sein liebevoll umsorgtes, behütetes Leben von der Wiege aufwärts, nicht immer chronologisch, und von seiner Suche nach seinem Vater. Er sucht nicht aktiv in Dokumenten und Urkunden, es reicht ihm, von seiner Mutter regelmäßig, wenn er danach fragt, eine herzliche Abfuhr zu erhalten und sich dann alles Stück für Stück zusammenzureimen, was auch mit seiner Fähigkeit – oder seinem Unglück, so genau kann man das nie sagen – zusammenhängt, Geister zu sehen, Figuren aus seiner und Mutters Vergangenheit in einem Hotel in Aspen, das sich zu einem späten, aber zentralen Schauplatz des Romans entwickelt.
Die Gespenster sind Irvings Korrektur des in sich chaotischen, nicht zu ordnenden Lebens: „Das echte Leben ist so schludrig, so voller Zufälle. Ständig passieren völlig willkürliche Dinge, die mit nichts etwas zu tun haben. In einer guten erfundenen Geschichte hat alles mit allem zu tun oder nicht?“ In seiner Literatur personifizieren die Gespenster die buchstäblich unsterbliche Liebe, die das Meta-Thema dieses Romans ist: „Es gibt viele Arten der Liebe“, bekommt Adam in seinem Leben immer wieder zu hören und zu spüren. Liebe, ob romantisch, pragmatisch oder skurril, geht mit der Angst vor Verlust einher – in diesem Roman ist das häufig der Tod, gewaltsam und/oder natürlich. Die geliebten Menschen sollen aber nicht verschwinden, sollen sich nicht ändern, denn mit Änderung droht Entfremdung. Weil auch Irving sie aber nicht vor dem Tod retten kann – nicht einmal in seinem eigenen Roman – leben manche Menschen eben als Gespenst in Adams Welt weiter. Es sind keine Buh!-Gespenster, die einen erschrecken – obwohl sie das auch können –, sondern leben für nur manche sichtbar, dematerialisiert aber fröhlich weiter; von den Lebenden kann man sie kaum unterscheiden. Je mehr liebe Menschen ihm sterben, desto mehr ist Adam von Gespenstern umringt. Ihn erschreckt das nicht. Ihn tröstet das.
Es geht in diesem Roman um Vieles: um spießbürgerliche Lebensverhältnisse, um verschrobene Omas, um Transfrauen, um das Leben in einer Kleinstadt, um katastrophale Liebesgeschichten eines Heranwachsenden, um Religion, ums Skifahren, um gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen, die Schriftstellerei, um Irvings Lieblingssportart, das Ringen, um in ihre Lehrerin verliebte Schüler, um späte Väter.
Die Themen fließen und umwehen nonchalant den charmanten Kosmos im Bildungsbürgertum zwischen Neuengland, Aspen und New York, während vor unserem lesenden Auge fünf Jahrzehnte US-Geschichte vorbeiziehen – Vietnamkrieg, sexuelle Revolution, Nixon, Aids-Krise unter Präsident Reagan, der langsam wachsende Hass und die Intoleranz gegenüber Homosexuellen. Zwischendrin interpretiert Irving/Adam auch mal eine Düsseldorfer Rede Adolf Hitlers oder bietet eine Textexegese zum Korintherbrief im Neuen Testament an: „Vom zweiten Korintherbrief halte ich mich seit diesem Gottesdienst fern. Es gibt gewisse mystische Verallgemeinerungen, die einfach nicht auf junge, im Krieg gefallene Männer passen. Dinge wie: »Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.« Der Schneeläufer und ich sahen uns nur an, dann mussten wir wegschauen. Wir wollten an [unseren verstorbenen Freund] nicht als etwas Zeitliches denken.“
Auf über tausend Seiten führt der Roman nirgendwohin und Passagen wie die eben zitierte, gestalten das Unterwegs-sein in diesem Buch mal holprig. Dann weiß ich nicht: Ist das Adam, oder kann da Irving seinen Wortfluss nicht halten? Wir wissen relativ bald schon, dass Adam als Schriftsteller arbeiten wird, mit seinen Drehbüchern anfangs keinen Erfolg hat, seine Liebschaften kommen, sind in klassischer Irving-Manier katastrophal bis grotesk, und gehen dann wieder. Eine Ehe passiert, trägt Früchte, funktioniert nicht und geht in Verantwortung für ein gemeinsames Kind behutsam auseinander. Diese Begebenheiten sind nichts, worauf der Roman hinarbeitet, vieles verrät er lange, bevor sie passieren. Aber wundervoll erzählt finden sie statt, gleiten ineinander über, überstehen auch Todesfälle, Morde und andere Schicksalsschläge, bis das Buch irgendwann zu Ende ist. Irving versucht dieses einkalkulierte Manko mit kleinen Spannungsbögen zu kontern: „Die dreifache Mutmaßung meiner Tanten: Little Ray und ich seien beide ungeplant gewesen; unsere Geburten hätten daher Chaos mit sich gebracht; dauerhaftes Unglück werde den Rest unseres Lebens überschatten.“ Wird also dauerhaftes Unglück sein Leben überschatten?
Es ist ein wunderbares Potpourri an Figuren und kleinen Begebenheiten, in denen Penisbruch und Fäkalien-Unfälle bei ersten Geschlechtsverkehren ebenso Platz finden wie allseits akzeptierte nahende Suizide, dem man lustvoll hinterher schmökert. Auch, weil die später in Adams Leben tretenden, heterosexuellen Figuren – bis auf ein, zwei Ausnahmen – liebevolle Charaktere sind. Beispiel: Im Vietnamkrieg stirbt ein Freund Adams aus dem gemeinsamen Ringerteam an der Highschool, Spross eine Upper-East-Side Familie mit ruhmreicher militärischer Vergangenheit. Die Familie lädt ein zu einer Gedenkfeier ins Penthouse. Nur der Vater ist nicht da. Der hochdekorierte Colonel steht unten in einer Seitenstraße zwischen Mülleimern und Gerümpel und verteilt Suppe an Obdachlose, Asoziale, Ausgestoßene. Er hat, ohne Gewese darum zu machen, die Fürsorge übernommen, die sein gefallener Sohn diesen Menschen jahrelang hatte zukommen lassen. Ich fühle mich als Leser wohl in Irvings Menschenkosmos.
Manchmal wechselt Irving aus der Form des Romans in die eines Drehbuches. Eine Form, die nur aus Dialog und Regieanweisung besteht – „Aspen E Main St. Außen, Nacht“ –, weil es Dinge in Adams Leben gibt, die ihm auf immer im Präsens im Kopf bleiben werden, wie in einem Drehbuch: „Drehbücher sind im Präsens geschrieben, als passiere das, was man sieht, zum ersten Mal.“
"Der letzte Sessellift" macht das Lesen selbst zum Genuss. Sein Kosmos ist der Moment des Geschehens, nicht Ereignisse, die in einem großen Finale alle noch einmal zum Tragen kommen. Als wollte sich Irving eigene Traumata ordnend von der Seele schreiben. In dieser Geschichte bleiben lose Enden, wie im richtigen Leben. Dass die Erzählung irgendwann einem Ende entgegen gleitet, wird durch Adams zunehmend bilanzierende Erzählweise deutlich; er ist Mitte 70, als das Buch endet. Aber so liebevoll, dramatisch, lustig, brutal, romantisch, peinlich, herzlich, sarkastisch, abwechslungsreich, wie sie geschrieben ist, kann Adams Erzählung auch einfach weitergehen: „Es gibt einen Grund, warum wir Romane schreiben. Das wahre Leben ist zum Kotzen. Unser Geschäft ist die Fantasie.“
Ich habe "Der letzte Sessellift“ am 12. Dezember 2025 begonnen und bin über die langen Dezembertage zwischen den Jahren aus dem Tritt gekommen. Weihnachten, Familie, lange Autofahrten dazwischen, Jahreswechsel … sich mal zwei Stunden zurückziehen und schmökern war nicht drin. Und zwei Stunden sollte man schon haben am Stück für diesen Roman, der mehr Erzählung ist. Am 12. Januar 2026 schließlich las ich mit einer wohligen Gänsehaut den letzten Satz.
Der Autor
John Irving, geboren 1942 in Exeter, New Hampshire. Berufsziel Ringen und Romane schreiben, studierte an der University of New Hampshire, in Wien und an der University of Iowa. Lebt in Toronto und ist einer der begnadetsten Autoren Nordamerikas. Seine bisher 14 Romane wurden alle Weltbestseller, vier davon verfilmt. 2000 erhielt er einen Oscar für die Drehbuchadaption seines Romans "Gottes Werk und Teufels Beitrag".
