Stockholm, 1942: Eric Erickson ist ein gebürtiger US-Amerikaner, der nach Schweden ausgewandert ist und die schwedische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Aufgrund seines Ölhandels – Schweden ist offiziell neutral, so dass der Handel mit beiden Kriegsparteien möglich ist – steht er bei Personen, die mit dem Feind kollaborieren, auf der schwarzen Liste. Die Briten setzen ihn unter Druck, um ihn als Agent der Alliierten zu gewinnen.
Seine Geschäfte und die damit verbundenen häufigen Reisen nach Deutschland dienen als Tarnung. Es dauert nicht lange, bis seine neue, vorgespielte NS-freundliche Einstellung ihn von seinem schwedischen Umfeld und seiner Frau entfremdet. Um Einblick in die Ölversorgung der Nazis zu erhalten, treibt Erickson seine Pläne für eine neue Raffinerie voran. Bei einem Geschäftstreffen lernt er Marianne Möllendorf kennen, eine Offiziersgattin, die ebenfalls als Agentin arbeitet. Die beiden verlieben sich.
Als einer seiner deutschen Freunde stirbt, eilt Erickson nach Deutschland, um ein gefährliches Dokument zu vernichten. Die Gestapo verhaftet ihn und befragt ihn zu seiner Beziehung zu Marianne. Die Schlinge zieht sich zu …
„Ich habe schon gedacht, Öl wäre ein schmutziges, skrupelloses Geschäft“, stöhnt Eric Erickson, nachdem der britische Geheimdienstmann ihn ausgetrickst hat, „aber was der Geheimdienst macht…“ „Erickson, was Sie denken und sagen, berührt mich nicht. Zum Glück braucht man bei diesem Beruf keine Nächstenliebe“, entgegnet der Brite kühl.
Die Arbeit der Spione ist im Kern ekelerregend. Nicht nur agieren sie unter Masken und falschen Identitäten. Sie verraten auch Bekannte, Freunde und, wenn es sein muss, sogar die eigene Familie. Sie tun alles, um die Gegenseite zu täuschen, nehmen Tote schulterzuckend in Kauf und sehen die als Zentrum ihres Jobs. Deshalb heißt es in Agentenfilmen so oft seitens der auftraggebenden Regierungsbehörde, wenn man Sie erwischt, sind Sie auf sich allein gestellt, wir wissen von nichts. Keine Regierung macht sich gerne öffentlich die Hände schmutzig, wenn schon alle wissen, dass sie es heimlich eben doch tut. Und eben manchmal auch tun muss.
Der vorliegende Film ist ein interessantes Stellungsspiel im Agenten-Genre. Die zentrale Figur ist eigentlich nur Öl-Kaufmann. Er hat keine Gesetze gebrochen, höchstens die Moral gebeugt. Er hat seinen US-Pass abgegeben und ist Ende der 1930er Jahre schwedischer Staatsbürger geworden. In Deutschland regierten die Nazi-Deutschen, mit denen die halbe Welt keine Geschäfte mehr machte. Schweden schon. Schweden war ein neutrales Land, das mit allen Seiten Geschäfte machte.
Der Öl-Kaufmann hat sehr gute Geschäfte gemacht mit dem energiehungrigen Deutschland, mit dem sonst keiner Geschäfte machte. Also hat ihn der Geheimdienst auf eine Schwarze Liste bugsiert, die seine Geschäfte erschwert und ihn nach dem Krieg in Schwierigkeiten bringen wird; es sei denn: Der Öl-Kaufmann spioniert für die Alliierten.
Das ist Staatsterrorismus gegen einen rechtlich unbescholtenen Mann. Aber es geht gegen Nazi-Deutschland, das, wie uns der Film noch mehrfach deutlich zeigen wird, ein widerwärtiges Unrechts-, Folter- und Mordregime ist. 1942/43, die Zeit, in der Film spielt, wussten die Alliierten noch nicht, was sich in den KZs wirklich tat, aber dass da Mörder an der Spitze der Regierung standen, war bereits offensichtlich.
Und plötzlich erscheint es dem Zuschauer moralisch vertretbar, dass der Öl-Kaufmann mit den guten Geschäftsverbindungen in den Energiesektor der Nazis mit widerlichen Methoden angeworben wird. Wir finden es vertretbar, dass er seine Freunde verrät, seine Frau belügt, seinen besten – jüdischen – Partner verleugnet. Um Schreckliches zu beseitigen, muss man selbst schrecklich werden, muss andere erpressen und hinhalten.
Der Öl-Kaufmann trifft auf eine deutsche Offiziersgattin, die insgeheim für die Alliierten spioniert, weil sie den Terror der Nazis um sie herum längst nicht mehr aushält: „Man kann von hundert Gräueltaten lesen. Man kann von tausend hören. Aber zu sehen braucht man nur eine. Und dann ist er plötzlich Dein Bruder.“ Lilli Palmer spielt diese Frau spröde, aber leidenschaftlich, gleichzeitig kalt fokussiert und ängstlich zögernd. Eine stolze Frau aus Deutschland auf der richtigen Seite der Geschichte; wie so viele andere Deutsche in diesem auch in dieser Hinsicht überraschenden Film. Die Befehle bellenden Nazi-Schergen, fester Bestandteil des Hollywoodkinos, gibt es nicht. Es gibt verschlagene, böse Offiziere. Aber auch mitfühlende Uniformträger und deutsche Geschäftsleute mit Gewissen. Sie alle zusammen führt der zum Schweden gewordene Öl-Kaufmann mit US-Wurzeln, den William Holden als Mann zwischen allen Stühlen spielt (Der letzte Befehl – 1959; Die Brücke am Kwai – 1957; Sabrina – 1954; Stalag 17 – 1953; Boulevard der Dämmerung – 1950), der – vielleicht überraschend schnell – das Geschäft des Tarnen, Täuschen, Tricksen verinnerlicht, aber dann konsequent seinen Weg geht, der genauso schmutzig ist, wie der des britischen Agenten, der ihn mit Erpressung angeheuert hat. Wir nehmen es diesem Mann nicht mehr übel.
George Seaton inszeniert dramaturgisch nah am Stoff, wird erst in der letzten halben Stunde ausschweifend. Da ist die Geschichte des unfreiwilligen Agenten zu ende erzählt, sind die dramatischen Ereignisse in Dialogen und Bildern ausreichend diskutiert und dokumentiert; da baut Seaton noch eine kleine Abenteuergeschichte ein: Der plötzlich enttarnte Amateuragent, jetzt nicht mehr in der unverwundbar machende Tarnung eines befreundeten Geschäftsmannes, muss aus aus Deutschland fliehen. Es wird ihm, das ist gleich klar, gelingen, und das macht diese endlos wirkende Flucht ziemlich zäh.
Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, Lilli Palmers Figur der Offiziersgattin Marianne Möllendorf beruht auf der historisch verbürgten Anne-Maria Freudenreich. Im Vorspann bedanken sich die Produzenten „bei den Stadtverwaltungen von Stockholm, Kopenhagen, Hamburg und Westberlin dafür, dass wir diese wahre Geschichte vor Ort verfilmen durften.“ Die Schauspieler sind nach William Holden, Lilli Palmer, Hugh Griffith (Exodus – 1960; Ben Hur – 1959; Adel verpflichtet – 1949) nicht als Großer-Star-kleiner-Star-Nebenrolle aufgeführt, sondern nach den Ländern klassifiziert, aus denen sie kommen: „from Germany“, „from Denmark“, „from Sweden“.
"The Counterfeit Traitor" (etwa: Der falsche Verräter) ist ein mitreißender Geheimdienstthriller mit emotional schweren Szenen, mitnehmenden Charakteren und einer großen Geschichte, die ihre Zuschauer mit moralisch nicht einfach zu beantwortenden Fragen konfrontiert.

