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Plakatmotiv: In den Wind geschrieben (1956)

Großes Melodram, in dem die schönen
Helden eigentlich die Schmarotzer sind

Titel In den Wind geschrieben
(Written on the Wind)
Drehbuch George Zuckerman
nach dem gleichnamigen Roman von Robert Wilder.
Regie Douglas Sirk, USA 1956
Darsteller

Rock Hudson, Lauren Bacall, Robert Stack, Dorothy Malone, Robert Keith, Grant Williams, Robert J. Wilke, Edward Platt, Harry Shannon, John Larch, Joseph Granby, Roy Glenn, Maidie Norman, William Schallert, Joanne Jordan, Dani Crayne, Dorothy Porter, Benjie Bancroft u.a.

Genre Drama
Filmlänge 99 Minuten
Deutschlandstart
28. Dezember 1957
Inhalt

Der Ölingenieur Mitch Wayne macht die Bekanntschaft der Sekretärin Lucy Moore und verliebt sich in sie. Bald stellt er Lucy seinem besten Freund Kyle Hadley vor. Kyle stammt aus einer steinreichen Ölfamilie, in der auf Wunsch von Kyles Vater auch Mitch aufgewachsen ist.

Doch bevor Mitch Lucy seine Gefühle gestehen kann, verliebt sich die kühle Schönheit in Kyle. Für sie steckt hinter der Fassade aus Zynismus ein liebenswerter, psychisch angeschlagener großer Junge. Kyles Probleme, die er in Alkohol ertränkt, rühren daher, dass sein strenger Vater den lebenstüchtigen, klugen Mitch seinem Sohn immer vorgezogen hat.
Lucy und Kyle heiraten. Und sehr zur Freude seines Vaters kommt Kyle nach den langen Flitterwochen verwandelt zurück. Er hat das Trinken aufgegeben und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind für die junge Ehe. Doch im Haus der Hadleys sät Kyles Schwester Marylee schon bald Zwietracht. Ihr ist schnell klar, dass Mitch, der Mann, den sie seit Kindertagen verzweifelt und unerwidert liebt, seinerseits in Lucy verliebt ist.

Marylees Eifersucht, ihr Alkoholismus und ihre Sexeskapaden bringen die gespannten Familienangelegenheiten ins Wanken. Doch vollends aus dem Ruder läuft das Familienleben erst, als Kyle von seinem Arzt die Diagnose gestellt bekommt, vermutlich keine Kinder zeugen zu können, und seine Frau Lucy dennoch schwanger wird. Das öffnet Misstrauen Tür und Tor …

Was zu sagen wäre

Eine auf den ersten Blick dysfunktionale Familie schafft sich nach und nach ab. Sollte man meinen nach 99 Minuten knallbuntem, bonbonfarbenem Märchen, in dem gleich zu Beginn ein Schuss im noblen Herrenhaus fällt und ein Toter vor dem Eingangsportal zusammensinkt.

Douglas Sirk (Was der Himmel erlaubt – 1955) stellt uns die Familie Hadley vor, steinreich geworden durch Öl. Sie leben in einem Ort, der ihren Namen trägt und aus einer Tankstelle, zwei Kneipen und unzähligen Ölbohrern besteht. Der ganze Ort ist ein einziges Ölfeld. Wenn die promiskuitive Tochter des Hauses, Marylee, wieder mal einen Mann unter ihrem Stand abschleppt, den Tankwart zum Beispiel, steht bald die Polizei vor dem Motel und zerrt den armen Kerl ins Auto und vors Antlitz des alten Hadley: „Sollen wir ihn festnehmen, Sir?Plakatmotiv (US): Written on the Wind (1956) Und stünde nicht Mitch, der freundliche Ziehsohn neben ihm, der alte Hadley würde wahrscheinlich Ja sagen.

Mitch, der Ziehsohn des Alten, der beste Freund des Sohnes des Hauses Kyle, und Lucy, die Sekretärin, dem Kyle bei der ersten Begegnung gleich ganze Bekleidungsläden und Schmuckschatullen zu Füßen legt, sind die Fremdkörper in dieser Umgebung. Lassen wir die beiden mal kurz beiseite, haben wir es bei Kyle und Marylee mit zwei reichen, verwöhnten Kindern zu tun, die kaum eine andere Chance hatten, als so zu werden wie sie sind. Ein Trinker der eine, eine intrigante Viel-Lieberin die andere. Ihr Vater hatte schon alles erreicht. Was sollten sie noch erreichen? Wie sollten sie ihrem Vater imponieren? Da fahren sie lieber mit ihren bunten Cabrios durch die Gegend – Kyle in einem gelben, Marylee in einem pinkfarbenen – fördern die heimische Gastronomie und Hotellerie, stören aber die Abläufe nicht. Und Kyle hat nach der Hochzeit aufgehört zu trinken. Mehr als ein Jahr lang. Er ist also bestrebt, sein Leben zu ändern, in der Firma des Vaters zu arbeiten, statt wie früher sein Geld mit Alkohol und Mädchen zu verjuxen. Die beiden bekommen aber kein Kind und sein Arzt stellt die Mutmaßung in den Raum, dass Kyle womöglich zeugungsunfähig ist. Dass das ein Schlag für den Mann ist, der bisher seinem erfolgreichen, steinreichen Vater nie etwas hätte beweisen können, lässt sich begreifen. Sein Rückfall in den Alkohol, der dann das tödliche Drama auslöst, begleiten die Zuschauer also mit einer gewissen Sympathie.

Mitch lebt bei seinem eigenen Vater. Der ist ein guter Kumpel des alten Hadley, aber beileibe nicht so reich wie der. Mitch ist strebsam und wird gespielt von Rock Hudson (Giganten – 1956; Meuterei am Schlangenfluss – 1952; Winchester 73 – 1950). Mitch kann – und will – noch was erreichen in der Welt. Ein guter Sohn, einer, der ist wie die Zuschauer im Kinosaal, die 1956, als der Film in die Kinos kam, noch an der Amerikanischen Traum glaubten. Ein All American Boy eben. Einer, der keinen Makel hat. Dankbar nimmt Mitch die Chance an, beim alten Hadley alles zu lernen, was man im Ölgeschäft wissen muss. Mit diesem Wissen plant er, nach Iran zu gehen und dort für eine US-Ölfirma tätig zu werden. Dann lernt er aber den anderen Fremdkörper in diesem Gesellschaftsgefüge kennen: Lucy, die Sekretärin. Es ist klar, das Mitch gleich Feuer und Flamme ist. Und sie für ihn schon irgendwie auch. Allerdings macht ihr Kyle, der reiche Sohn, derart penetrant den Hof, indem er mit seinem Geld um sich wirft und eingesteht, dass er zu viel trinkt und aber für sie, Lucy, damit aufhören würde, dass sie augenscheinlich gar nicht anders kann, als Kyle zu ehelichen; so ganz unattraktiv findet sie den Reichtum nun auch nicht. Sirk hat da mit Lauren Bacall die richtige Schauspielerin in der Rolle der Lucy besetzt (Wie angelt man sich einen Millionär – 1953; Gangster in Key Largo – 1948; Die schwarze Natter – 1947; Tote schlafen fest – 1946; Haben und Nichthaben – 1944). Plakatmotiv: In den Wind geschrieben (1956) Sie ist keine rein romantische Liebhaberin, sie hat immer dieses Lauernde im Blick, auch in "Written on the Wind". Lucys Ehe mit Kyle, so glücklich sie im ersten Jahr ist, wirkt nie endgültig; Bacalls Doppelgesicht lässt die Ehe in jeder Minute gefährdet erscheinen. Die beiden Fremdkörper also in diesem Reich der Superreichen und Unabhängigen: Mitch und Lucy setzen sich wie zwei Schmarotzertierchen auf den Wirt und versuchen zu profitieren. Sie machen das nicht aus böser Absicht oder Hinterhältigkeit – so, wie das auch Schmarotzertierchen nicht machen. Sie machen das, weil das die kapitalistische Arbeitswelt so von ihnen erwartet.

Douglas Sirk selbst hat in einem späten Interview eingeräumt, dass sein Herz den beiden „wunderbaren Nichtsnutzen“ – Kyle und Marylee – gehört hat. Dorothy Malone, die die nymphomane Marylee spielt, nachdem Hollywood sie jahrelang in der Rolle der unschuldigen jungen Frau besetzt hatte, ließ sich für den Film die Haare blond färben und wechselte mit dieser Rolle ihr Image – und erhielt dafür prompt den Nebenrollen-Oscar.

Am Ende haben wir Mitleid mit der jungen Frau, die in einer männerdominierten Familie aufwuchs, in einem Umfeld, in dem alle familienfremden Männer als nicht standesgemäß erachtet wurden, wo es der reiche Vater gerne gesehen hätte, wenn Mitch sie zur Frau nähme. Prompt hat sie sich in diesen Zieh-Bruder Mitch verliebt, aber der hält sie kühl, emotionslos auf Abstand – „Die bist wie eine Schwester für mich.“ – und treibt sie damit in die Verzweiflung – in der sie dann Dinge tut, die nicht nur 1956 höchst amoralisch waren, sondern auch solche, die bösartig sind. Im letzten Bild sitzt sie aber alleine in dem großen Haus, in dem mal die ganze Familie tobte, bis der Vater ihretwegen einen Herzinfarkt erlitt und ihr Bruder erschossen am Boden liegt; jetzt sitzt sie an Vaters Schreibtisch, und umklammert das Modell eines Bohrturms, der, einem Phallus gleich, ihre einzige Befriedung bleibt in ihrer Zukunft als Ölbaronin.

Mitch und Lucy aber verlassen als glückliches Paar das Haus der Millionärsfamilie. Beide waren hier zuhause. Die Familie hat sie herzlich aufgenommen – Mitch als Kind, Lucy als Ehefrau. Aber als sie jetzt ins Auto steigen, lächeln beide kurz, als seien sie aus einer Gefangenschaft befreit. Dieses knallbunte, mit dramatischer Musik unterlegte Melo-Märchen schickt uns mit gemischten Gefühlen nach Hause.

Wertung: 5 von 7 D-Mark
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