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Plakatmotiv: The Gray Man (2022)

Ryan Gosling jagt einen MacGuffin
und die Kamera rast entfesselt

Titel The Gray Man
(The Gray Man)
Drehbuch Joe Russo & Christopher Markus & Stephen McFeely
nach dem gleichnamigen Roman von Mark Greaney
Regie Anthony Russo + Joe Russo, Tschechien, USA 2022
Darsteller

Ryan Gosling, Chris Evans, Ana de Armas, Billy Bob Thornton, Jessica Henwick, Dhanush, Alfre Woodard, Regé-Jean Page, Wagner Moura, Julia Butters, Shea Whigham, Deobia Oparei, Robert Kazinsky, Daz Crawford, Callan Mulvey, Charlit Dae, Cameron Crovetti, Chris Castaldi u.a.

Genre Drama
Filmlänge 122 Minuten
Deutschlandstart
14. Juli 2022
Inhalt

Der CIA-Agent Court Gentry aka Sierra Six ist ein Spezialist für sein lautloses, treffsicheres Töten. Kein Job geht ihm durch Lappen, keine Zielperson überlebt seine Attentate. Als Six jedoch in den Besitz von sensiblen Informationen kommt, die einige seiner Vorgesetzten belasten, sieht sich der kaltblütige Auftragskiller plötzlich selbst als der Gejagte.

Die CIA setzt den Privatagenten Lloyd Hansen auf Fitzroy an, der sich nicht an die einschränkenden Regularien der CIA halten muss.. Bald deckt Six eine große Verschwörung auf und muss, um das Leben seines Auftraggebers und dessen Familie zu verteidigen, vor den eigenen Leuten quer durch Europa fliehen …

Was zu sagen wäre

Es ist kein Wunder, dass so viele Menschen da draußen rumlaufen, die an Echsenmenschen und Bill-Gates-Verschwörungen glauben und hinter allem, wirklich allem die CIA vermuten. Es gibt einfach zu viele Filme, in denen der Auslandsgeheimdienst der USA eine geheime Unterabteilung geschaffen hat, über die nichts in den offiziellen Akten zu finden ist und in denen Männer, manchmal auch Frauen – aber das müssen dann mindestens Top-Models sein – mit speziellen Killerfähigkeiten die Welt vor Üblem bewahren, indem sie nicht so ganz legale Methoden anwenden. Bei manchen Staatsschurken kann man einfach nicht warten, bis alles von Allen gesagt und ausverhandelt worden ist. Je mehr Filme dieser Art es gibt, desto stärker glauben die Echsenmenschen-Gläubigen, so sei die Realität.

Die CIA hat die Russen und Araber als Weltschurken im Kino längst abgelöst – auch wenn die Russen sich mit ihrem Ukrainekrieg gerade um ein Comeback Erster Klasse bemühen. Der US-Geheimdienst als Schurke hat für die weltweit agierende Filmindustrie den Vorteil, dass sich kein Land auf den Fuß getreten fühlt und womöglich ein Aufführungsverbot verhängt. In "The Gray Man" nun hat sich dieses System geheimer Unterabteilungen über die Jahre verselbstständigt. Mit einem neuen US-Präsidenten, vielleicht auch einfach mit einem neuen CIA-Boss oder auch nur einem Abteilungsleiter für Spezielle Operationen, das lässt der Film im Vagen, entwickelt sich eine neue geheime Unterabteilung, deren vornehmste Aufgabe es dann wird, die Männer und Frauen der vorherigen Abteilung auszuschalten. Die lassen sich das natürlich nicht gefallen und so ist die CIA und sind die Sicherheitsbehörden der ganzen Welt ununterbrochen damit beschäftigt, Profikiller auszuschalten.

Im vorliegenden Film sind es die titelgebenden Gray Men. Das sind Strafgefangene, die der Ex-Abteilungsleiter Donald Fitzroy rekrutiert, weil er einerseits den Mord, für den sie hinter Gitter sitzen, moralisch nachvollziehen kann, und andererseits diese Mörder bei ihrer Tat besondere Fähigkeiten gezeigt haben. Mittlerweile ist Donald Fitzroy im Ruhestand und sein Nachfolger, der die CIA als seine persönliche Killertruppe missversteht, jagt die grauen Männer, die so heißen, weil sie so gut wie unsichtbar sind. Einer aus dieser Truppe verfügt über einen Stick, der die miesen Spielchen des CIA-Abteilungsleiters Carmichael auffliegen lassen kann. So kommt Sierra Six in diese Geschichte. Der hat nämlich Sierra Four, den mit dem kompromittierenden Stick, gerade umgebracht und steht prompt selbst auf der Abschussliste, weil Four ihm, Six, diesen Stick noch in die Hand gedrückt hat.

Muss man das alles wissen? Nein. Der Stick ist der MacGuffin für einen Film, dessen Produktion 200 Millionen Dollar gekostet hat, damit sich Ryan Gosling, Chris Evans und Ana de Armas quer durch Europa prügeln und schießen können. Es ist meistens ein Stick. Oder eine Diskette, irgendwas mit Daten drauf. Chris Evans, der sich vor drei Jahren erst von seiner Rolle als Captain America verabschiedet hat, spielt hier mit Lust und Freude am grotesken Schnauzbart – „Pornobalken“, lästert Agent Sierra Six – einen psychopathischen Privatagenten, der keine Rücksicht auf Verluste nimmt – und das ist hier nicht eine lustlose Formulierung: Plakatmotiv: The Gray Man (2022) Sein Charakter im Film nimmt wirklich auf nichts Rücksicht. Bei der Hatz auf Sierra Six lässt er in Prag einen zentralen Platz samt umliegender Häuser mit Kanonen, Panzern und einer Trambahn in Trümmer leben. Evans bewegt sich auf vertrautem Terrain, denn die Regisseure Anthony und Joe Russo kennt er noch aus gemeinsamen Avengers-Zeiten in den Marvel-Studios (Avengers: Endgame – 2019; Avengers: Infinity War – 2018; Captain America: Civil War – 2016; Captain America: Winter Soldier – 2014). Schon damals haben die Marvel-Leute die Geschichte vorgegeben, die die Russo-Brüder dann nur noch in ordentlich Pyrotechnik gerahmt haben; das machen sie hier auch wieder, ergänzt durch eine entfesselt dahinsausende Kameradrohne. Handwerklich ist der Film ein ordentliches Actionstück, dessen Bildern man ihre Herkunft aus dem SFX-Computer selten ansieht. Über das Handwerk am Drehbuch müssen wir nicht weiter sprechen, siehe MacGuffin.

Für die Fans der ersten Staffel der Netflix-Serie "Bridgerton" haben die Produzenten Regé-Jean Page besetzt, der den kriminellen Abteilungsleiter der CIA mit berechnender Eleganz und Stahlrandbrille spielt. Ihn bringt vor allem Ana de Armas zur Verzweiflung (James Bond 007: Keine Zeit zu sterben – 2021; Knives Out: Mord ist Familiensache – 2019; Blade Runner 2049 – 2017), die als ausgesprochen clevere Agentin Dani Miranda so gut ist, dass keiner der Männer, weder die Regisseure noch die Hauptdarsteller Gedanken an eine Bettszene verschwenden. Das wäre vor zehn Jahren im Kino noch ausgeschlossen gewesen; im heutigen US-Kino spielt Erotik kaum mehr eine Rolle und verschwindet in absehbarer Zeit ganz – nach "MeToo" und Diversity-Debatten will sich den verlässlich einsetzenden Shitstorm augenscheinlich kein Studio mehr antun.

Der Film von den Russo-Brüdern markiert die Rückkehr Ryan Goslings, der nach vier Jahren (vermutlicher) Kinder-Pause wieder vor der Kamera steht (Aufbruch zum Mond – 2018; Blade Runner 2049 – 2017; Song to Song – 2017; La La Land – 2016; The Nice Guys – 2016; The Big Short – 2015; Only God Forgives – 2013; Gangster Squad – 2013; The Place Beyond the Pines – 2012; The Ides of March – 2011; Crazy, Stupid, Love. – 2011; Drive – 2011; Blue Valentine – 2010; Lars und die Frauen – 2007; Mord nach Plan – 2002). Gosling spielt einen sehr coolen Killer, der sich von nichts aus der Ruhe bringen lässt: „Es ist nur ein weiterer Donnerstag.“ Der ausgebildete Tänzer bewegt sich wie eine Primaballerina prügelnd, drehend, schießend, Rad schlagend durch Nachtclubs und Louis-XIV-Schlösser, als hätte er nie was anderes gemacht; irgendwann zieht er sein Hemd aus, damit wir sehen, dass er immer noch so beeindruckend gebaut ist.

So, wie es ausschaut, hat sich Gosling da eine Rolle für mehrere Filme an Land gezogen. Mal abgesehen nämlich davon, dass das Finale des Films sehr unbefriedigend ist, gibt es noch so viele Städte in aller Welt, die CIA-Agenten so unterhaltsam wie hier Prag zu Klump blastern könnten. Eine Geschichte, findet sich dann schon. Ein Stick vielleicht, den alle jagen.

Wertung: 4 von 8 €uro
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