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Plakatmotiv: Meine Nächte sind schöner als deine Tage (1990)

Ein schöne Sophie Marceau rechtfertigt
noch keinen cineastischen Flachsinn

Titel Meine Nächte sind schöner als deine Tage
(Mes nuits sont plus belles que vos jours)
Drehbuch Andrzej Zulawski
Regie Andrzej Zulawski, USA 1990
Darsteller

Sophie Marceau, Jacques Dutronc, Valérie Lagrange, Myriam Mézières, Laure Killing, François Chaumette, Sady Rebbot, Salim Talbi, Jean-Pierre Hebrard, Michael Goldman, Marc Zammit, Christophe Luthringer, Isabelle Illiers, Isabel Schiffmacker, Jean Dolande u.a.

Genre Drama, Romanik
Filmlänge 86 Minuten
Deutschlandstart
6. September 1990
Inhalt

Lucas ist ein begabter Informatiker, der eines Tages eine neue Programmiersprache entwickelt. Doch die Freude hält nicht lange an, denn kurz darauf erfährt er, dass er unter einer tödlichen Krankheit leidet, die ihn nach und nach sein Gedächtnis und sein Sprachvermögen vergessen lassen.

Eines Tages lernt Lucas die Hellseherin Blanche kennen, verliebt sich in sie und folgt ihr nach Biarritz. Er wohnt in der Luxussuite eines Hotels, wo ihn Blanche besucht. Als sie herausfindet, dass er nur noch wenige Tage zu leben hat, verbringt sie mehrere Tage und Nächte gemeinsam mit Lucas.

Die beiden stürzen sich in eine rauschhafte Beziehung …

Was zu sagen wäre

Es ist eine Eigenheit des französischen Films, dass er mit dem Thema Liebe sehr freizügig umgeht. Zwei Menschen sitzen an verschiedenen Tischen in einem Café, er spricht sie mit wirren Sätzen an, die Liebe beginnt und endet in Furor. Filme aus anderen Ländern dürfen so etwas nicht. Natürlich verfallen auch im Hollywood-Kino junge Frauen reihenweise viel älteren Kerlen, nur weil die rau blinzeln wie Clint Eastwood oder einfach schweigen wie Steve McQueen; aber das ist dann keine Liebe, das ist einfach nur Gier auf den Moment – die Männer müssen ja anschließend noch einsam in den Sonnenuntergang reiten. Im französischen Film ziehen sich die jungen Frauen auch immer irgendwann aus für ihre viel älteren Männer.

Sophie Marceau (Die Studentin – 1988; Chouans! – Revolution und Leidenschaft – 1988; "Abstieg zur Hölle" – 1986; Der Bulle von Paris – 1985; Fröhliche Ostern – 1984) hat gekämpft, um ihr Süßes-Mädchen-Image aus den La-Boum-Filmen von 1980 und 1982 abzustreifen. Sie hat sich mit einer Million Francs aus dem Vertrag mit Gaumond herausgekauft, um nicht "La Boum 3" drehen zu müssen. Seitdem macht sie die Post-Sissi-Romy-Schneider, zeigt dem französischen Publikum mit aller Deutlichkeit, dass sie kein unschuldiger Teenager mehr ist, sondern eine reife Frau. In "Abstieg zur Hölle" (1986) hat sie heiße Erotikszenen mit Claude Brasseur, der vier Jahre zuvor in "La Boum 2" noch ihren knuddligen Vater gespielt hatte. 1985 kam sie, gerade 18 Jahre alt, mit dem 44-jährigen Regisseur Andrzej Zulawski zusammen, dessen Freundin sie seither ist und der sie in "Meine Nächte sind …" nun inszeniert; und auszieht. Zulawski ist der Mann, der 1975 in seinem Film "Nachtblende" die Sissi-vernarbte, Deutschland-flüchtende Romy Schneider als Pornodarstellerin mit Jacques Dutronc – dem Lucas aus dem vorliegenden Film – vor die Kamera stellte und sich ausziehen ließ.

Die Handlung, die oben steht, kommt im Film vor, spielt aber keine wesentliche Rolle. Blanche, die "Hellseherin", ist umgeben von einem schrillen Hofstaat aus Schickimicki-Typen, die irgendwie aus der Hellseherei ein lukratives Geschäft gemacht haben. Unter ihnen ist auch Blanches Ehemann, ein schon leicht ergrauter, dicklicher Typ, den ich zunächst fälschlicherweise für ihren Vater gehalten habe. Lucas ist ein begnadeter Informatiker, dem ein Virus das Hirn zerfrisst. Er redet den ganzen Film über wirr und es ist schwer zu unterscheiden, wann er wirr spricht wegen des Virus' und wann er einfach nur wirr spricht. Er personifiziert die Obsession des Regisseurs Zulawski für viel jüngere Frauen, für deren Liebe Männer in den Tod gehen. Lucas ist kein sonderlich attraktiver Mann. Er trägt schlecht sitzende, schmutzige Anzüge, redet unklar. Dass der knittrige ältere Mann ein erfolgreicher und demnächst steinreicher Informatiker ist, weiß Blanche nicht. Kurz: Nichts an ihm strahlt Attraktion aus. Aber Blanche verfällt ihm sofort. Oder auch nicht. Abendfüllende Kinofilme brauchen eine gewisse Lauflänge und also streiten sich die beiden erstmal ausgiebig, während ihre Mutter im Café schnell mal den Freund des knittrigen älteren Mannes auf der Toilette vernascht – Frauen, das weiß der Franzose, sind ja so triebgesteuert!

Kulissenwechsel. Die Erzählung zieht um ins mondäne Biarritz, wo Blanche reihenweise Varieté-Gäste mit hellsichtigen, aber wenig schmeichelhaften Charakterisierungen entlarvt. Es bleibt unklar, woher sie das alles weiß, ob das halbe Publikum aus gekauften Gauklern besteht oder ob Blanche vielleicht wirklich was sieht. Das spielt aber auch weiter keine Rolle, ihr sie umkreisender Schickimicki-Tross sorgt schon dafür, dass das Publikum kommt und zahlt. Vielleicht besteht darin die Attraktion des knittrigen älteren Mannes: Er ist nicht Schickimicki. Jedenfalls steht sie abends heulend vor der Tür seiner Hotelsuite und möchte schlafen. Da nimmt die – hurra, da ist sie wieder im französischen Kino – Amour Fou ihren Lauf. Da kommt viel nackte Haut ins Spiel, schicke Hotel-Terrassen, tolle Strände, mondäne Prunksucht, die von schrillen, überdreht tänzelnden Frauen und Männern bevölkert sind, die ihre Sätze hochgestochen, ja literarisch formulieren, um dem Film intellektuelles Flair zu geben, und dabei aussehen, als seien sie in den Outtakes eines Fellini-Films gefunden worden.

Wertung: 1 von 10 D-Mark
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