Barry hatte es von Anfang an nicht leicht. Der US-Amerikaner ist als einziger Junge mit sieben Schwestern aufgewachsen und wurde ständig bemuttert. Vielleicht ist Barry deshalb so schüchtern und zurückhaltend geworden.
Inzwischen leitet Barry ein wenig erfolgreiches Kleinunternehmen in Los Angeles. Eines Abends kommt ihm die Idee, sich mit Telefonsex zu vergnügen. Am nächsten Tag wird Barry von der Sex-Agentur erpresst und soll einen hohen Geldbetrag zahlen. Ansonsten würde man ihm Gangster auf den Hals hetzen. Barry nimmt die Drohung nicht ernst. Er hat schon genug zu tun mit seinen aufdringlichen Schwestern, die ihn permanent zu Wutausbrüchen treiben.
Doch dann verliebt sich Barry in die attraktive Lena. Die junge, sympathische Frau ist ebenso schüchtern wie er selbst, und lehnt zunächst alle Annäherungsversuche ab. Barry folgt Lena nach Hawaii, und die beiden beginnen eine Liebesbeziehung. Endlich scheint für Barry das Leben eine positive Wendung zu nehmen. Bis plötzlich die Auftragsverbrecher der Sexagentur auftauchen. Und wie ernst es die Kriminellen meinen, bekommen Barry und Lena schon bald zu spüren …
Ein "Punch Drink Love" ist ein Cocktail, dessen Hauptbestandteil Rum ist. Mehr hat der Titel des Films nicht mit dem Film zu tun – der auch nichts mit einer nachvollziehbaren Handlung zu tun hat. Oder mit Menschen, deren Tun halbwegs nachvollziehbar wäre. Ich denke, der Regisseur, Paul Thomas Anderson (Magnolia – 1999; Boogie Nights – 1997) würde seinen Film als Kunst betrachten. Ein Kunstwerk muss nicht direkt nachvollziehbar sein, soll aufrütteln/verstören/Achtsamkeit hervorrufen. Der Film verstört, weil unklar bleibt, was er mir mitteilen möchte.
Betrachten wir uns den Film aus dem Blickwinkel seines Plakates: Da küssen sich im gleißenden Gegenlicht einer sonnigen Gegend zwei menschliche Schattenrisse. Augenscheinlich handelt es sich bei "Punch-Drunk Love" also um eine Liebesgeschichte. Im Zentrum des Films stehen zwei Menschen, die sich verlieben werden. Im Film ist schnell klar, dass beide nicht sind, wie Du, ich oder andere Figuren in anderen Kinofilmen, heißt: sie könnten spannend werden. Werden sie aber nicht, weil sie keine Geheimnisse haben. Beide sind schüchtern, reden eher nicht viel und sind sich schnell sympathisch. Das ist schön. Schön, dass Liebe im Kino auch mal zwischen Menschen funkt, die keine geschliffenen Drehbuchsätze sprechen.
Sie tun aber auch sonst nichts. Barry hat sieben Schwestern, die einem nach zehn Minuten schon den vorletzten Nerv geraubt haben; da sind sie noch gar nicht in Erscheinung getreten, haben ihn aber schon mehrfach angerufen, um zu wissen, ob er zu einer Party am Abend komme. Er hat auch einen Laden. Er kann sich fünf Angestellte leisten, verkauft irgendwas aus dem Bereich Badezimmerbedarf. Spielt aber keine Rolle, das Geschäft in einem Hinterhof fungiert als Beschäftigungs-Alibi im Drehbuch, das über den Status eines kostengünstigen Filmsets nicht hinaus weist. Irgendein Truck lädt ein Harmonium vor seinem Hinterhof ab. Barry kann das Tasteninstrument zwar gar nicht spielen, nimmt es mit und fortan steht es bildfüllend im Raum herum.
Womöglich hat Barry eine Form von Autismus. Als einzigem in Kalifornien ist ihm aufgefallen, dass man beim Kauf eines bestimmten Puddings eine unverhältnismäßig große Menge an Flugmeilen gutgeschrieben bekommt. Daraufhin kauft er für 3.000 Dollar ganze Paletten von diesem Pudding. Der Pressemappe zum Film ist zu entnehmen, dass Paul Thomas Anderson die Idee aus der Zeitung hatte, die Geschichte mit den gutgeschriebenen Flugmeilen durch jede Menge Puddingkauf beruht wohl auf einer wahren Begebenheit. Lustig. Damit kann Barry seiner künftigen Freundin hinterher fliegen, die für eine seiner Schwestern arbeitet und für diese offenbar dauernd durch die USA fliegt. Wir erfahren nicht, in was für einem Beruf sie arbeitet.
Ach so, und auf der weitgehend leeren Hauptstraße überschlägt sich ein Auto in voller Fahrt. Einfach so (und warum auch nicht? In Andersons Magnolia sind ja auch Frösche vom Himmel gefallen). Mittendrin erliege ich der Mutmaßung, dass der Regisseur sein Budget und das Filmset als besonders luxuriösen Spielplatz missverstanden haben könnte. Nichts an diesem Film hat Gründe. Nichts hat Folgen. Bis auf Barrys Anruf bei einer Sex-Hotline. Der hat Folgen, die sich dann als roter Faden durch den Film ziehen. Die Hotline-Betreiber erpressen Barry. Es sind keine professionellen Erpresser, sondern Amateure aus einem Matratzenladen in einem Kaff in Utah. Weil wir nach wenigen Filmminuten erfahren haben, dass Barry ein Wutproblem hat und dann Fensterscheiben zerstört oder ganze Waschräume zu Klump haut, ahnen wir sofort, dass die mit Gewalt drohenden Erpresser ein schmerzhaftes Ende finden werden.
So kommt es dann auch. Nur der oberste Chef der kleinen Bande holt sich keine blutige Nase. Den spielt Philip Seymour Hoffman in einer kleinen Nebenrolle (Almost Famous – Fast berühmt – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Magnolia – 1999; Makellos – 1999; The Big Lebowski – 1998; Boogie Nights – 1997; Twister – 1996; Nobody's Fool – 1994; "Getaway" – 1994; Der Duft der Frauen – 1992), in der er sehr ordentlich und ausdauernd Kraftausdruck brüllen darf und dann aus dem Film wieder verschwindet. So, wie übrigens auch die sieben nervtötenden Schwestern folgenlos diffundieren.
Eine schöne Entdeckung ist Adam Sandler in der Rolle des schüchtern Verliebten. Anders als in seinen brachialhomorigen Pippi-Kacka-Pupswitz-Rollen ("Mr. Deeds" – 2002; "Animal – Das Tier im Manne" – 2001; Little Nicky – 2000; "Waterboy" – 1998; "Eine Hochzeit zum Verlieben" – 1998; "Happy Gilmore" – 1996) wächst er mir in diesem Film als einfacher, wenig ausgebauter Charakter trotzdem ans Herz. Vielleicht kann er so einen herzensguten Menschen wie diesen Barry mal häufiger spielen?
Am Ende spielt Barry im romantischen Gegenlicht plötzlich sehr versiert auf dem Harmonium, umarmt von seiner vielfliegenden Freundin. Immerhin etwas in diesem Film hat also Folgen.
Die Produktion dieses Films hat rund 25 Millionen Dollar gekostet und hat weltweit auch ziemlich genauso viel wieder eingespielt.
Paul Thomas Anderson wurde bei den Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2002 für die Goldene Palme nominiert und gewann dort einen Preis für die Beste Regie.
