Sommer 2004 in Bagdad: Noch einen knappen Monat muss das Team Bravo durchhalten, dann werden Bombenspezialist Matt Thompson, Geheimdienstmann JT Sanborn und Specialist Owen Eldridge endlich abgelöst. Als während eines Einsatzes ein Hilfsroboter versagt, ist Thompson gezwungen, einen Sprengsatz manuell zu entschärfen. Doch die Bombe wird per Fernsteuerung gezündet und der US-Soldat durch die Detonation getötet.
Schon am nächsten Tag erhält die kleine Spezialeinheit mit William James einen neuen Vorgesetzten. Doch im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist der Sergeant ein ausgesprochener Einzelkämpfer, der wenig von den üblichen Sicherheitsvorkehrungen hält. Zwar hat James mehr als 600 Bomben in Afghanistan entschärft, doch seine Teammitglieder sind ob der Leichtfertigkeit ihres Vorgesetzten schockiert.
Nicht gerade die idealen Voraussetzungen zur gemeinsamen Bewältigung eines Jobs, bei dem der Tod allgegenwärtig ist und sogar eine Kinderleiche als menschliche Bombe benutzt wird. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Männer ihre physischen und psychischen Grenzen überschreiten …
Wenn wenigstens Krieg herrschte. Dann hätte man einen Feind. Und ein Ziel. Das gibt es hier nicht. Ebensowenig, wie es die Guten und die Bösen gibt. Der Einsatz im rak, den uns dieser Film zeigt, ist sowas wie Just another Day at the Office, nur, dass statt Desktopcomputer Bomben herumliegen.
Das ist das Gruslige an diesem Film, dass Kathrin Bigelow (K-19 – Showdown in der Tiefe – 2002; Strange Days – 1995; Gefährliche Brandung – 1991; Blue Steel – 1990; Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis – 1987) keine Partei ergreift. Wir sehen keine Politiker, keine Generäle über strategischen Karten, keine Tagesbefehle. Mark Boal, der das Drehbuch geschrieben hat, war als embedded journalist im Irak im Einsatz. Sein Drehbuch ist Vorlage für einen beinahe dokumentarischen Film. Wir schauen den Jungs in ihrem Arbeitsalltag zu, ab und zu wird ein Text eingeblendet, der uns informiert, wie lange Team Bravo noch im Irak überleben muss, bevor es heim in die USA geht.
Dieser Arbeitsalltag besteht darin, Bomben zu entschärfen, die irgendwo rumliegen – mitten auf der Straße, im Kofferraum eines Autos vor einem UN-Gebäude, in einer Kinderleiche. Der Fachmann in gepanzerter Rüstung, die freilich keiner Detonation stand hält, entschärft, die anderen sichern die Umgebung mit Schnellfeuergewehren, während überall Einheimische stehen und zugucken; oder vielleicht auch per Handyfernzünder die zu entschärfende Bombe plötzlich zünden.
Bigelow filmt auf der Schulter. Ihre Kameraleute kommen ohne elegante Schienenfahrten oder Steadycam aus. Der Job der Protagonisten ist Stress. Der verträgt sich über die unruhige Kameraführung, die hier, anders, als in anderen Filmen durchaus Sinn ergibt. Einen Score gibt es, aber ganz wenig und zurückhaltend. Bigelow versteht, dass echte Spannung keinen emotionalen Verstärker verträgt.
Gegen wen es eigentlich genau geht, weiß man nicht. Die Soldaten reden mal von Hadschis, aber wer die sind? Da müssen wir schon die Nachrichten jener Tage verfolgt haben, um auf dem Laufenden zu sein. Als diese Kriegsfilme, die die Produzenten gerne als Anti-Kriegsfilme vermarkteten, noch in Vietnam spielten, lagen Gegner, Mission und, nachdem die USA sich aus Vietnam zurückziehen mussten, das eigentliche Drama auf der Hand. Nur die Frage nach Warum wurde jedes mal neu verhandelt. Seit das US-Militärgeschehen in den Nahen Osten verlegt wurde, müssen in den daraus entstehenden US-Spielfilmen auch die Missionen und die Gegner häufig neu verhandelt werden. In Bigelows "The Hurt Locker" könnten manchmal auch die eigenen Leute die Feinde sein – Offiziere, die augenscheinlich ihrer eigenen Heldenverehrung erliegen, Kameraden, die Dich in die Luft jagen wollen, lebensmüde Bombenspezialisten – aber es kann auch der Junge sein, der fröhlich auf Dich zugelaufen kommt und Dir DVDs verkaufen will.
Der Film beginnt mit dem Zitat „Der Rausch des Kampfes wird oft zu einer mächtigen und tödlichen Sucht. Denn Krieg ist eine Droge“ von Chris Hedges, Kriegskorrespondent und Journalist der "New York Times". Dahinter verbirgt sich die Geschichte, die Bigelow mit ihrem dokumentarischen Stil transportieren will. Der von Jeremy Renner (28 Weeks Later – 2007) gespielte Sergeant William James, der unserem Team Bravo als neuer Chef zugeordnet wird, ist ein Draufgänger, aber kein Cowboy, der zieht als sein Schatten. Im Laufe der mehr als zwei Stunden Spielfilm entpuppt er sich als gebrochener Mann, der, wahrscheinlich in Afghanistan, zu viel Mist gesehen hat, um noch in irgendein Zuhause zurückkehren zu können. Im Film steht er einmal in einem US-Supermarkt vor unendlichen Regalmetern voller Cornflakes, unendliche Kühtheken voller Pizza. Er hat eine freundlich lächelnde Frau und einen zweijährigen Sohn. Zu beiden findet er keinen Bezug mehr, erklärt seinem Sohn, der mit seinem bunten Spielzeug spielt, dass ihn das alles irgendwann nicht mehr interessieren werde, er erkennen werde, dass nur Plastik und Plüsch sei. So werde es ihm mit Vielem gehen, bis nur noch ein, zwei Dinge im Leben blieben, die er, der Sohn, noch lieben könne. Er selbst, sagt der Vater auf der Bettkante seines Sohnes, habe nur noch eines, was er liebe. Seiner Frau erzählt er, dass gerade wieder 50 Jungs in einer Sprengstofffalle gestorben sind und die da drüben einfach Bombentechniker brauchen. Mehr hat der vermutete Draufgänger, der nur ein verzweifelter Restmensch ist, nicht mehr zu geben.
Es geht in Kathryn Bigelows Krieg nicht mehr um Feinde und Ziele. Bei Kathryn Bigelows Männern geht es darum, besser zu sein als die anderen, um die Jungs da rauszuholen, wo immer das ist.
Der Originaltitel "Hurt Locker" kann vielfältig übersetzt werden; es handelt sich um Slang. Hurt bedeutet Schmerz, Locker ist ein Spind, manchmal aber auch eine Kiste, an Stelle eines Spindes, in welcher ein Soldat alle seine Bekleidungsstücke, Ausrüstungsgegenstände und privaten Habseligkeiten aufbewahrt. Es kann etwa als Schrank übersetzt werden, in die der seelische Schmerz, der zum Beispiel in wie im Film beschriebenen Einsätzen entsteht, weggesperrt wird.
