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Plakatmotiv: Der Wind und der Löwe (1975)

Leidenschaft und amerikanische Werte
bezwingen die europäischen Besatzer

Titel Der Wind und der Löwe
(The Wind and the Lion)
Drehbuch John Milius
Regie John Milius, USA 1975
Darsteller

Sean Connery, Candice Bergen, Brian Keith, John Huston, Geoffrey Lewis, Steve Kanaly, Vladek Sheybal, Nadim Sawalha, Roy Jenson, Deborah Baxter, Jack Cooley, Chris Aller, Simon Harrison, Polly Gottesman, Antoine Saint-John u.a.

Genre Action, Abenteuer
Filmlänge 119 Minuten
Deutschlandstart
9. Januar 1976
Inhalt

Marokko im Jahr 1904: Das Deutsche Reich, Frankreich und das Britische Empire versuchen, Marokko unter ihre Kontrolle zu bringen. Um den korrupten und europafreundlichen Sultan in Bedrängnis zu bringen, entführt Raisuli, der Anführer eines Barberstammes, die Amerikanerin Eden Perdicaris, ihre beiden Kinder William und Jennifer und tötet ihren britischen Freund Sir Joshua. Raisuli will damit einen internationalen Zwischenfall provozieren, der den Sultan in Bedrängnis bringt.

Die Versuche sie zu befreien reichen von diplomatischem Druck bis hin zu einer militärischen Intervention. Der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt steht mitten im Wahlkampf und sieht die Entführung als Chance, Amerikas militärische Macht zu präsentieren, während sein Außenminister, John Hay, protestiert und auf eine diplomatische Lösung drängt.

Während dessen hat Raisuli Eden und ihre Kinder in ein Versteck gebracht. Nach einem Fluchtversuch der Familie rettet Raisuli sie aus den Fängen einer Horde Wüstenräuber, die er allesamt tötet. Den Perdicaris will er nichts antun, sondern beginnt sich Eden zu öffnen. Er erzählt ihr von seiner Vergangenheit und seinem Bruder, dem Pascha, der ihn in ein Verlies sperren lies.

Eden erkennt, dass Raisuli mehr als ein rüpelhafter Verbrecher ist …

Was zu sagen wäre

Ein Film, der uns in die Kolonialzeit unserer Nationen zurückführt. 1904: Europa zementiert seine Interessen in Afrika. In Marokko sind das vor allem die Deutschen. Es geht um Schürfrechte und um Bodenschätze. Und um Einfluss in einer politisch volatilen Situation. Aber es geht eben nicht um ein Land und ein anderes Land. Hier stehen sich Europa und Amerika und Afrika gegenüber – allerdings als Deutschland-Frankreich gegen Sultan Abd al-Aziz und dessen Onkel, den Pascha von Tanger, und diesen US-Präsidenten Roosevelt.

John Milius, Autor und Regisseur dieses Films, zieht seinen Nektar durchaus aus der Tatsache, dass Europäer und afrikanische Stämme damals die Amerikaner nicht ernst genommen haben. Das führt in seiner Perspektive zu einem unheilvollen Durcheinander, das nur die amerikanische Regierung – aka das amerikanische Militär – lösen kann.

In Tanger, der marokkanischen Hafenstadt, hat sich eine Besatzung breit gemacht, deren Probleme sich um Dinge wie „Ein roter Bordeaux zum Lunch. Dein verstorbener Mann wäre sicher dagegen gewesen.“ kreist. Da sitzt eine amerikanische Witwe, die augenscheinlich in diesem Land nichts verloren hat, mit ihren Kindern und wartet auf bessere Zeiten. Statt dessen kommt Raisuli, der sein Land und sein Leben zurück haben will. Er entführt die Witwe mitsamt deren Kindern und stellt Forderungen auf. Und provoziert damit US-amerikanische Entscheidungsträger, die sich daheim im Wahlkampf befinden. Ein regionaler Konflikt wird zum entscheidenden Faktor in der Weltpolitik – „Jeden Tag, den Sie uns hier festhalten, ist für die Europäer ein Vorwand, noch mehr Truppen zu landen. Wofür Sie gestritten haben, all das wäre verloren! Die wollen Sie doch nur benutzen, Raisuli. Die treiben Ihr Spiel mit Ihnen. Die Großmächte wollen dieses Land. Sie werden darum kämpfen, es zu kriegen und am Ende wird nichts mehr davon übrig sein – Ihre Berge nicht und nicht Ihr Palast. Weder Ihr Stolz noch Ihre Ehre!

John Milius lässt in seinem Film keinen Zweifel, dass er die europäischen Einflussnehmer für nicht tauglich hält, weil die das Wesen des marokkanischen Berbers Raisuli nicht verstehen, während Präsident Roosevelt da durchaus Potenzial erkennt. Roosevelt sieht in dem muslimischen Geiselnehmer Raisuli quasi einen Bär. Bei einer Bärenjagd, schwärmt er vor Reportern über den amerikanischen Grizzlybären, in dessen Jagdgründen am Yellowstone er mit seiner Jagdgesellschaft eingedrungen ist, als einsamen Kämpfer, unbezwungen, nie besiegt, aber immer allein. Keiner ist auf seiner Seite. Als „ein Symbol für den amerikanischen Charakter: Stärke, Intelligenz, Draufgängertum. Manchmal etwas blind und sorglos. Aber mutig, da gibt es keinen Zweifel.“ Für Roosevelt ist Raisuli ein Bär, allerdings ein barbarischer. Noch dazu in einem Land, dessen Herrscher keine Straßen bauen lassen und begründen „Die Wüste ist hier das Meer. Da können Sie keine Straße bauen.“ Dieser Defätismus ist den Amerikanern nicht geheuer, wo Amerikaner doch alles können, „Wir haben sogar einen Mann, der fliegen kann.

Milius inszeniert den Clash of Culture zwischen Staat und Stamm als großes Abenteuer mit einem vermeintlichen Schurken als Helden, der sich als sanfter Freigeist entpuppt und sich freimütig von einer Frau im Schach besiegen lässt, während seine Männer zusehen. Sean Connery spielt mit grauem Bart, Turban und ironischer Würde gegen sein Image an – James Bond ist vorbei, jetzt spielt der Schotte auch Nordafrikaner (Die Uhr läuft ab – 1975; Mord im Orient-Express – 1974; "Zardoz" – 1974; "Sein Leben in meiner Gewalt" – 1973; James Bond 007 – Diamantenfieber – 1971; Marnie – 1964; Die Strohpuppe – 1964; James Bond 007 jagt Dr. No – 1962). Während die Amerikanerin und der Berber sich einander nähern, trägt Raisulis Plan auf der politischen Bühne Früchte. Sultan und Pascha geraten in Bedrängnis, die Übermacht der Europäer – in Gestalt kantig grimmiger deutscher Soldaten – unterliegt der Leidenschaft entschlossener Kämpfer.

Und den Sieg davon trägt eine unmögliche Liebe. Im historisch verbürgten Perdicaris-Fall hat Ahmed ben Mohammed el-Raisuli 1904 den Amerikaner Ion Perdicaris entführt – einen Mann. Die Verfilmung lässt sich aber besser mit einer Frau erzählen. Nicht, weil die am Ende etwa in Raisulis Armen landen würde, Gott bewahre. Aber das Band des Vertrauens, dass Raisuli und Eden während der Ereignisse knüpfen, erzählt sich auf der Leinwand besser, wenn Candice Bergen (Das Wiegenlied vom Totschlag – 1970; Kanonenboot am Yangtse-Kiang – 1966) dem Berber Paroli bietet. Kino lebt von der Leidenschaft. Weniger von der Realität. Und Kinos werden für die Leidenschaft gebaut.

Wertung: 7 von 9 D-Mark
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