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Plakatmotiv: Die Wahrheit (1960)

Ein selbstgefälliges Mädchen
zerbricht an ihrer Schönheit

Titel Die Wahrheit
(La vérité)
Drehbuch Henri-Georges Clouzot & Simone Drieu & Michèle Perrein & Jérôme Géronimi & Christiane Rochefort & Véra Clouzot
Regie Henri-Georges Clouzot, Frankreich 1960
Darsteller

Brigitte Bardot, Paul Meurisse, Charles Vanel, Sami Frey, Marie-José Nat, Jean-Loup Reynold, André Oumansky, Claude Berri, Jacques Perrin, Barbara Sommers, Louis Seigner, Raymond Meunier, René Blancard, Paul Bonifas, Hubert de Lapparent, Louis Arbessier, Simone Berthier, Charles Bouillaud u.a.

Genre Drama, Krimi
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
21. Dezember 1960
Inhalt

Der freiheitsliebenden Dominique gelingt es, dem engen und reaktionären Familienleben in der Provinz den Rücken zu kehren und endlich ihren Traum von Paris wahr zu machen. Sie genießt das legere Stadtleben und verschiedene Affären – auch mit dem Musikstudenten Gilbert Tellier. Obwohl Dominique weitere Romanzen eingeht, will der junge Dirigent sie heiraten. Schließlich erkennt auch sie ihre Liebe für ihn, kann aber von ihren Affären nicht lassen, sodass Gilbert sie verlässt.

Dominique versucht, ihr Leben allein zu meistern, doch Geldprobleme treiben sie in die Prostitution. Als sie erfährt, dass Gilbert nun mit ihrer Schwester Annie verlobt ist, taucht sie wieder bei ihm auf und die beiden verbringen die Nacht miteinander. Gekränkt von Gilberts kalter Zurückweisung am nächsten Morgen, schießt Dominique ein paar Tage später auf ihn und versucht, sich selbst ebenfalls zu töten. Sie wird jedoch gerettet und muss sich vor Gericht verantworten.

Die entscheidende Frage, die das Gericht beantworten muss: War es Mord oder Totschlag, Vorsatz oder Affekt? Der wortgewandte Staatsanwalt wird nicht müde, den Lebenswandel der Angeklagten zur Untermauerung seiner Anklage zu bemühen. Die Zeugen aus dem Umfeld von Dominique und Gilbert skizzieren ein nuancierteres Bild der Beziehung der beiden. Im verbalen Schlagabtausch der gegnerischen Parteien prallen unterschiedliche Moralvorstellungen und Lebensentwürfe aufeinander. Ohne Hoffnung auf ein mildes Urteil trifft Dominique eine verhängnisvolle Entscheidung …

Was zu sagen wäre

Ein Gerichtsfilm. Die Handlung wird in Rückblenden erzählt, eingerahmt von Szenen aus dem Gerichtssaal, in dem sich Dominique wegen des Todes ihres ehemaligen Liebhabers Gilbert verantworten muss. Sie steht dort ziemlich alleine. Nicht, dass nicht ihr Anwalt treu an ihrer Seite steht und jeden unfairen Anwurf der Gegenseite klug parieren würde. Aber abseits der Verhandlung in diesem Saal kennen sich die ausnahmslos alten Männer alle privat. Kumpeltypen. Reporter tauschen ihre Schlagzeilen aus und holen sich letzte Hintergrundinformationen beim Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidiger klopfen sich freundschaftlich auf die Schulter, bevor sie sich im Prozess gleich angiften. Die Angeklagte ist in ihren Augen ein Objekt, das sie für ihren Beruf brauchen.

Für Dominique ist das eine fremde Welt – wie für den Zuschauer der ganze Film. Ich sehe den Film – 1960 entstanden, ein Jahr vor meiner Geburt – erst Ende der 1990er Jahre und verstehe schon, was die Filmemacher damals umgetrieben haben muss. Es ist weniger die Geschichte, die sich um die Frage dreht, ob Dominique aus Leidenschaft gemordet oder im Affekt getötet hat. Hier wird schnell klar, dass ein Gericht – und damit wir Zuschauer – die Sache bei denselben Beweise mal so und mal so sehen kann. Nein, die Filmemacher haben Brigitte Bardot zur Hand (Mit den Waffen einer Frau – 1958), eine blonde, gut aussehende junge Schauspielerin, die nichts dagegen hat, nackt vor der Kamera zu stehen, dass einschlägige Körperregionen gerade eben so verdeckt sind. Das und ihr laut Drehbuch unsteter Lebenswandel haben sie in … und immer lockt das Weib 1956 über Nacht zum Weltstar gemacht.

Auch Dominique führt einen unsteten Lebenswandel – und geht dem erwachsenen Zuschauer Ende der 90er Jahre auf den Wecker. Ebenso wie die Männer. Die sehen die schöne junge Frau. Und wollen mit ihr ins Bett. Am besten sofort. Und im Paris des Jahres 1960 finden das auch alle in den Künstlercafés des Quartier Latin völlig normal. Plakatmotiv: Die Wahrheit (1960) Während Dominiques Schwester fleißig gelernt, eine Ausbildung abgeschlossen und nun einen Studienplatz am Musikkonservatorium in Paris hat, hat es die schöne Dominique nie für notwendig erachtet, irgendwas zu lernen, sich für irgendwas anzustrengen – wahrscheinlich, weil die Männer, die sie sich ins Bett holten, ihr vorher noch eine warme Mahlzeit geschenkt haben. Für Dominique kann das gerne immer so weitergehen.

Das Feuilleton damals jubelte über die Bardot in ihren Rollen als eine Frau, die sich nicht um die Konventionen schert, die sich in kein Korsett zwängen lässt und stolz ihr eigenes Leben lebt. Damals war das sicher scharf beobachtet. Aber auch damals, in der prüden Immer-noch-Nachkriegszeit, wird doch, sofern man nicht erbte, irgendein Broterwerb, besser noch eine Ausbildung für einen spezialisierten Broterwerb für ein selbst bestimmtes Leben Voraussetzung gewesen sein.

Nicht in diesem Film. Bevor diese Frage existenziell wird, schlägt die große Liebe zu. Mit dem Musikstudenten Gilbert verbringt sie die Tage im Bett oder, wenn der studiert, im Café an der Ecke. Als die Beziehung dann nach allerlei eher albern anmutender Eifersuchtsexzesse auf beiden Seiten in die Brüche geht, geht Dominique auf den Strich. Eine Ausbildung strebt sie immer noch nicht an, sie werde schon irgendwas in einem Kosmetikstudio oder als Garderobiere finden. Ich persönlich verstehe unter selbstbestimmtem Leben etwas anderes, aber ich war 1960 noch nicht geboren, bin keine Frau und weiß auch wenig über das Leben damals, in dem das Wort Gleichberechtigung noch Kampfbegriff nur einiger weniger Frauen war.

Die Frage von Schuld und Sühne, die auf dem Plakat gestellt wird, stellt Henri-Georges Clouzot (Die Teuflischen – 1955; Lohn der Angst – 1953) in seinem Film nur halbherzig. Die Anwälte beider Seiten dürfen ihre Argumente vorbringen, sich dramaturgisch zugespitzt streiten und überlassen dann dem Zuschauer sein Urteil. Aus heutiger Sicht hat er es nicht ertragen, wenn sie ohne ihn das Haus verließ, und sie hat es nicht ertragen, wenn er sein Studium am Konservatorium verfolgt, weil er Dirigent werden möchte. Bestenfalls haben hier zwei Lebensentwürfe nicht zusammengepasst: Tanzen, Spaß haben, was kostet die Welt auf ihrer, leidenschaftliches Studieren der Musik auf seiner Seite. Dass deswegen einer erschossen wird, ist ein offensichtlicher Drehbuchkniff, um eine Handlung zu haben, die davon ablenken soll, dass man eigentlich nur Brigitte Bardot halbnackt vor der Kamera inszenieren möchte. Die Ironie dabei ist, dass Bardot diese männlich feuchten Beweggründe genutzt hat, um als Dominique eine sehr gute Show zu bieten, die sie als ernstzunehmende Schauspielerin etabliert.

Wertung: 3 von 7 D-Mark
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