Buchcover: Donna Leon – Endstation Venedig (1993)

Ein freundlicher, aber hilfloser Commissario
zwischen lauter mächtigen Drahtziehern

Titel Endstation Venedig
(Death in a Strange Country)
Autor Donna Leon, USA 1993
aus dem Amerikanischen von Monika Elwenspoek
Verlag Diogenes
Ausgabe E-Book, 400 Seiten
Genre Krimi
Website www.diogenes.ch/endstation-venedig
Inhalt

In Venedig wird an einem Morgen die Leiche eines Mannes geborgen, der erstochen wurde. Es handelt sich um einen auf dem US-Stützpunkt Vicenza stationierten US-Amerikaner namens Foster. Einige Tage später wird auch die Stützpunktärztin Terry Peters tot aufgefunden. Als Todesursache wird eine Überdosis Heroin angegeben. Commissario Guido Brunetti findet heraus, dass sie Fosters Geliebte war.

Vor ihrem Tod schickte Peters Brunetti eine Zeitschrift, die einen Bericht über einen Jungen mit einem Hautausschlag enthält, der von der Chemikalie PCB verursacht wird. Captain Peters und Sergeant Foster haben diese Substanz untersucht und waren offenbar einem Komplott auf der Spur, in das noble italienische Unternehmer, die Staatsregierung, die Mafia sowie die US Army verstrickt sind …

Was zu sagen wäre
Endstation Venedig

Wer kann das schon noch auseinanderhalten, Mafia und Regierung?“, stöhnt der Carabinière und das fasst Donna Leons zweiten Roman um den venezianischen Commissario Guido Brunetti ganz gut zusammen. Hier wird quer durch die italienische Gesellschaft spekuliert. Dabei fängt alles mit einer einfachen Wasserleiche, die durch die Kanäle von Venedig treibt, an. Brunetti verfolgt Hinweise an der Leiche, die ihn an einen US-Posten außerhalb Venedigs führen, sehr zum Unwillen seines Vorgesetzten Pata, der durch den Mord schon wieder die touristische Großperle Venedig sowie die italienisch-amerikanische Freundschaft in Gefahr sieht.

Aus erzählerisch etwas verspielten Gründen zieht er Brunetti dann von dem Mordfall ab. Brunetti soll sich lieber um den Einbruch in einen Palazzo kümmern, den ein Mailänder Großindustrieller gerade erst aufwendig hat renovieren lassen und dem nun drei wertvolle Gemälde alter Meister gestohlen worden sind. In diesem Fall steht schnell, von Zeugen bestätigt, ein Kleinkrimineller im Fokus, mit dem Brunetti schon häufiger zu tun hatte, der nun gerade aber mal verschwunden ist und obwohl der findige Commissario jederzeit einen Telefonnummer weiß, hinter der er auf inoffiziellen Wegen Informationen beschaffen kann und obwohl er sich blind in seiner Stadt und verzweigten Kanälen zurechtfindet, findet er den Kleinkriminellen über Tage nicht – und tut auch nicht allzuviel, ihn aufzuspüren; er ist überzeugt, dass er früher oder später auftauchen wird.

Weil er auch bei dem Mordfall nicht so recht vorankommt, in dem er ja offiziell nicht mehr ermitteln darf, findet Donna Leon viel Gelegenheit, den Commissario durch die Gassen Venedigs schlendern, in den Cafés der Stadt einen Espresso trinken oder sich Gedanken über das besondere Zusammenspiel von italienischer Politik, italienischer Hochfinanz und der Mafia machen zu lassen. Die Kulinarik spielt in diesem Roman eine beachtliche Nebenrolle. Schon am Morgen lassen sich Polizisten einen Schuss Grappa in den Espresso geben, spätestens am frühen Nachmittag sieht man Brunetti mit einem Glas Wein in der Hand und die Abendessen mit seiner gebildeten, freundlichen, immer nachsichtigen Ehefrau werden ausführlich beschrieben.

Leon hat selbst viele Jahre in Venedig gelebt, sie kann mit dieser Binnensicht den familiären Charme dieser Stadt in lebensnahe Kurzbeschreibungen fassen, so intim, dass der Leser das als faulig beschriebene Wasser der venezianischen Flüsse förmlich riechen, die knarzenden Holzstiegen der Palazzi hören kann. Wenn auch ihre Beschreibung des venezianischen Modells der italienischen Politik stimmt, steht es um die drittgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union – und damit um die Union selbst – mehr als schlecht. Korruption und die kleinen Gefallen unter große Freunden beherrschen hier wie selbstverständlich den Alltag bis in die obersten Ränge.

Das ist es dann auch, worüber ich in dem Buch stolpere, das am Ende weder Fisch noch Fleisch ist. Weder der Mordfall kommt voran, noch die Einbruchsgeschichte, aber auch die Große Verschwörung kocht auf kleiner Flamme; mehr als das, was der Leser ohnehin über Die da Oben denkt, legt Leon nicht frei: „In Italien kümmert es keinen, was irgendwo hingekippt wird, sie müssen also nur die Kennzeichnung entfernen. Wenn ihr Müll dann gefunden wird, weiß man nicht mehr, von wem er stammt, alle können behaupten, sie wüssten nichts davon, und keiner fühlt sich dafür zuständig, es herauszubekommen.“ Das lässt den Commissario nicht kalt, er wird wütend, verliert beinahe sogar die Contenance, aber weil ihm alle glaubhaft versichern, dass er gegen die international organisierte Giftmüllverklappung in grünen Auen ohnehin nichts erwirken könnte, weil die Macher viel zu mächtig sind und er damit eher sein Leben und das seiner Familie gefährde, hält er halt die Füße still und trinkt in einer schönen Bar ein Glas Roten.

Die Struktur ähnelt der des Vorgängerromans, in dem von großen Nazi-Verknüpfungen geraunt wurde, die sich nie verdichteten, während der Commissario der Identität eines Toten nachforschte und dabei ordentlich rum kam in seiner schönen Stadt. Im aktuellen Roman wird von einem großen Umweltskandal geraunt, wegen dem Menschen erschossen werden, der aber von niemandem angegangen wird, während der Commissario zum bei seinen Ermittlungen keine überflüssigen Worte verlierenden Reiseführer durch die Serenissima wird.

Ich habe "Death in a Strange Country“ am 19. und 20. November 2025 gelesen.