Eine Gruppe russischer Emigranten versucht in den Besitz der Zarenherrschaft zu gelangen. Es geht um zehn Millionen englische Pfund, deren rechtmäßige Erbin die verschollene Zarentochter Anastasia ist.
Den Umstand, dass niemand etwas über den Verbleib von Anastasia weiß, macht sich General Bounine für seine dunklen Pläne zu Nutze. Er hat vor der Bank eine Doppelgängerin zu präsentieren, um so an das sagenhafte Vermögen heranzukommen.
Auf seiner Suche nach einer geeigneten Person trifft er auf die schwermütige Anna Anderson, die für diesen Coup wie geschaffen zu sein scheint. Je näher er sie kennenlernt, desto stärker wird sein Gefühl, die wahre Zarentochter getroffen zu haben …
Dies ist die Geschichte einer Frau, die von ein paar Männern entführt wird, die mit ihr zehn Millionen Pfund erwirtschaften wollen. Es ist für einen jungen Mann, der diesen Film rund 20 Jahre nach seiner Entstehung zum ersten Mal sieht, erstaunlich, wie hier ein paar Exilrussen ihren Plänen mit der mittellosen, kranken Frau umgehen, sie geradezu herumschubsen, und sie sich nicht wehrt. Anatole Litvak ("Lockende Tiefe" – 1955; Du lebst noch 105 Minuten – 1948; "Das Doppelleben des Dr. Clitterhouse" – 1938) hält die Frage, Ist sie es oder ist sie es nicht damit kunstvoll in der Schwebe.
Denn auch die junge Frau, die mit Erinnerungslücken zu kämpfen hat, gibt vor, insgeheim jene Zarentochter Anastasia zu sein, die ihre Entführer aus ihr erst machen wollen. Ingrid Bergmann (Sklavin des Herzens – 1949; Berüchtigt – 1946; Ich kämpfe um dich – 1945; "Das Haus der Lady Alquist" – 1944; Wem die Stunde schlägt – 1943; Casablanca – 1942) spielt diese anfangs blässliche Frau hin und hergerissen zwischen Erbe und Armut, in einem Moment plaudert sie über Erinnerungen der Zarentochter zu selbstverständlich, als habe sie alles selbst erlebt. Im nächsten Moment stößt sie Bounine, ihren Entführer und Lehrer, der an das Erbe der Romanows kommen möchte, empört von sich, sie sei keine Zarentochter. Diese Rolle markiert Bergmanns Comeback in Hollywood.
Sie war lange von US-Filmprodzenten nicht mehr engagiert worden, nachdem sie eine Liebesbeziehung zu Roberto Rossellini eingegangen war, der zu dem Zeitpunkt noch mit einer anderen Frau verheiratet war. Für ihren Auftritt bekam sie dann ihren zweiten Oscar nach "Das Haus der Lady Alquist".
Ihren Entführer Bounine spielt Yul Brynner (Die Zehn Gebote – 1956; Der König und Ich – 1956) als doppelbödigen, stur sein Ziel im Auge behaltenden Ex-General, der sich langsam in Anna/Anastasia verliebt – was ein Schwachpunkt des Film ist: Brynner spielt den strengen Kerl mit Glutblick, der in jeder Szene auf die zehn Millionen Pfund scharf ist, die Anastasia als Erbe in Aussicht stehen. Das er sich verliebt, merkt man ihm nicht an. Das müssen andere aussprechen. Im Drehbuch sind entsprechende Szenen eingebaut, in denen zwei Charaktere darüber sprechen, dass er General wohl mehr in der jungen Frau sieht, als nur zehn Millionen Pfund.
Überhaupt wird viel geredet in diesem Film, der für sich als Ausstattungsfilm wirbt mit großen Palästen, Ballsälen und prachtvollen Kostümen. Aber während der ersten etwa 40 Minuten spielen die meisten Szenen in einem Keller und einem einfachen Hotelzimmer in Paris, in denen Bounine und seine Mitstreiter um die aufgegabelte Streunerin kreisen und Wer, Was, Wann, Wo und Warum debattieren, damit die Zuschauer erst einmal überhaupt die Geschichte der Zarenfamilie und das mögliche Schicksal der Tochter Anastasia verstehen – das Schicksal der Zarenfamilie nach der Februarrevolution 1917 ist nicht gleich jedem Menschen außerhalb Russlands vertraut. Und die Klatsch und Tratschgeschichten, die die historisch verbürgte Anna Anderson 1920 auslöste, als sie mit der Behauptung aufgetreten war, sie sei die Zarentochter Anastasia Nikolajewna Romanowa, die die Ermordung ihrer Familie durch die Bolschewiki 1918 überlebt habe, hat auch nicht jeder präsent. Also reden die Figuren ununterbrochen mit leicht russischen Akzent, was mit zunehmender Filmdauer das Zuhören etwas mühsam macht, über die Zarenfamilie, die Revolution, die verschollene Tochter.
Der Film weitet sich erst, als sich die Handlung nach Kopenhagen verlegt. Hier residiert Anastasias Großmutter in einem Palast mit Hofdamen und ganz so, als sei sie immer noch Mutter eines herrschenden Zaren. Jetzt bekommt der Film die Farbe und die Bilder, die er bisher vermissen ließ, und in Helen Hayes als Zarenmutter Maria Feodorovna die vermisste Grandezza eines Ausstattungsfilm. Man guckt gerne zu, wie die Handlung auf die finale Frage zusteuert, wie Anna/Anastasia aus der Nummer rauskommt. Denn dass es sie in der Weltgeschichte in dieser Form jedenfalls nicht gegeben hat, das ist allseits bekannt.
Ein unterhaltsamer, in der zweiten Hälfte sehr bunter Spielfilm mit einer zunehmend selbstsicherer auftretenden Anna und einem glutäugigen, aber zu steifen General Bounine.

