Kinoplakat: Jurassic World
Ein Film, so ausgestorben wie
seine geklonten Hauptdarsteller
Titel Jurassic World
(Jurassic World)
Drehbuch Rick Jaffa + Amanda Silver + Colin Trevorrow + Derek Connolly
mit Charakteren von Michael Crichton
Regie Colin Trevorrow, USA 2015
Darsteller

Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Irrfan Khan, Vincent D'Onofrio, Ty Simpkins, Nick Robinson, Jake Johnson, Omar Sy, BD Wong, Judy Greer, Lauren Lapkus, Brian Tee, Katie McGrath, Andy Buckley, Eric Edelstein u.a.

Genre Abenteuer, Action
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
11. Juni 2015
Website jurassicworld.de
Inhalt

Was sich vor 22 Jahren John Hammond erträumt hat, ist nun Wirklichkeit. Die Isla Nublar ist ein Vergnügungspark mit Dinosauriern, der jährlich zehn Millionen Besucher anlockt. Es gibt Shows mit Fütterungen von fleischfressenden Dinosauriern, ein Streichelgehege mit jungen Sauriern und die Möglichkeit, die großen Pflanzenfresser über Touren mit einer Magnetbahn, Booten und einer steuerbaren Kugel im freien Gelände zu beobachten.

Claire Dearing, die Leiterin des Parks, erhält Besuch von ihren beiden Neffen Gray und Zach Mitchell, zu denen sie sonst nur selten Kontakt hat. Kein Wunder: Sie hat ja auch nie Zeit. auch jetzt nicht. Kürzlich wurde im Labor eine ganz neue Spezies gezüchtet, die als neue Attraktion den Park im Gespräch und die Besucherzahlen hoch halten soll – er wird Indominus Rex genannt (der König der Unbezwingbaren sozusagen). Und er ist eine Sie – ein aus dem Erbmaterial von T-Rex und weiteren, teilweise geheim gehaltenen Tierarten künstlich geschaffener Hybride. Um diese Neuschöpfung und deren ersten Auftritt muss Claire sich kümmern, kann also mit den Kindern nichts anfangen und überlässt sie der Obhut ihrer Assistentin. Die Jungs entwischen und erkunden den Park auf eigene Faust.

Im Park arbeitet auch der ehemalige Navy-Mitarbeiter Owen Grady in einem eigenen Gehege mit einem Rudel Velociraptoren. Er trainiert sie darauf, ihn als Alphatier zu betrachten und auf seine Anweisungen zu hören. Vic Hoskins, sein Vorgesetzter, arbeitet zudem für eine Rüstungsfirma und möchte die Ergebnisse des Raptorentrainings für die militärische Nutzung einsetzen und im freien Gelände testen.

Der Tag soll nicht so verlaufen, wie die vielen Menschen dort, etwa 22.000 sich das vorgestellt haben. Die Indominus Rex bricht aus ihrem Gehege aus und es stellt sich schnell heraus, dass die geheim gehaltenen Erbteile in dem Tier für den Menschen zu einem echten Problem werden. Die gigantische Dinosaurier-Dame ist intelligent, lernt schnell, lässt sich nicht, wie weiland der gute alte T-Rex durch starren Stillstand täuschen. Und sie liebt das Töten um des Tötens willen …

Was zu sagen wäre

Jede Generation hat das Recht, ihren eigenen Blick auf die Werke aus dem Kanon der Kulturgeschichte zu werfen; und man mag das bedauern, aber ebenso wie die Jedi-Ritter, die George Lucas ein ums andere Mal in neuem digitalen Mantel auf eine neue Kinogeneration losgelassen hat, gehören auch die Dinosaurier aus jenem Park zum kulturellen Kanon der vergangenen Jahrzehnte. „Jurassic World“ ist offiziell eine Fortsetzung … oder eine weitergesponnene Geschichte um den Dino Park. Aber eigentlich ist es ein Remake, ein Blick durch aktuelle Tricktechnik auf die geklonten Dinosaurier.

Die Langeweile aus dem Script-Computer

Was ist gut an diesem Film? Es sind die letzten zwanzig Minuten, die wir gemeinsam mit dem Teddybär-knuffigen Navy-Mann Owen Grady und dessen vier Raptoren verbringen. Diese Raptoren waren in drei Filmen die Schurken im Stück; der viel besungene Tyrannosaurus Rex war bei Licht besehen ja eher der nette, etwas verschrobene Onkel, der einen Dachschaden aus dem Krieg mitbekommen hat.

Und jetzt stehen diese Raptoren also auf unserer Seite? Jagen mit dem knuffigen Kerl, der uns im letzten Jahr in Guardians of the Galaxy so viel Spaß gemacht hat? Man weiß es lange Zeit nicht. Und damit ist die Was-gefällt-Frage auch schon umfänglich beantwortet. Es gibt unterwegs schon noch zwei drei andere nette Ideen, die den Zuschauer wieder aufwecken – der schwimmende Mosasaurus, der in den Trailern schon den Weißen Hai verspeiste (Executive Producer Steven Spielberg wird gönnerhaft gelächelt haben), hat ein paar gute Auftritte. Aber es überwiegt die Langeweile aus dem Script-Computer, aufgeführt von Schauspielern, die nur noch Rollen-Fragmente ohne jede Entwicklung darstellen. Das Blockbuster-Kino frisst seine Dinos. Und das sowohl auf als auch hinter der Leinwand.

Das Blockbusterkino frisst seine Dinos

Der erste Jurassic Park-Film stammt aus dem Jahr 1993. Schon damals gab es den fauligen Atem aus dem Maul des riesigen Tyrannosaurus Rex, der Kinder bedroht, im Breitwand-CloseUp. Was sollte da noch Bedrohlicheres kommen? Die Antwort reichte für zwei Fortsetzungen, aber heute, 22 Jahre später, gibt es lustige, zähnefletschende Ungeheuer jeden Sonntagmorgen im Kinderprogramm. Der Tyrannosaurus ist zum Plüschtier degeneriert, fällt als Bedrohung also aus, und Größeres wurde aus jurassischen Sanden nicht mehr ausgebuddelt. Also machen die Wissenschaftler im Film – um ihrem Park weiterhin neue, größere Attraktionen bieten zu können – das, was die Filmproduzenten auch machen: etwas Künstliches … aus dem nur Tod erwächst.

Der vorliegende Film ist das Produkt des vierten Anlaufs, ihn zu drehen; eigentlich sollte gleich auf Teil 3 die nächste Runde eingeläutet werden. Dann gab es „kreative Differenzen“, dann starb der Autor der Originalvorlage, Michael Crichton, dann musste neu besetzt werden und im Mai 2013 schließlich erklärte Universal Pictures, der Drehstart werde um unbestimmte Zeit verschoben, weil die „Filmemacher mehr Zeit benötigen, um den Zuschauern die bestmögliche Fortsetzung zu bieten“. Selten sagt jemand so deutlich, dass er gar keine Geschichte zu erzählen hat, sondern lediglich attraktive Bausteine für die Fortsetzung eines erfolgreichen Franchises anstrebt; im allgemeinen drechseln die Studios gerade im Blockbusterkino gerne von Elementen einer Figur, eines Szenarios, einer Entwicklung, die noch nicht auserzählt sei.

Personal aus den muffigen Fünfziger Jahren

Und damit ist die Produktionsgeschichte des Films die Schwester der erzählten Geschichte um einen Park voller Dinosaurier, die – um ihrer Attraktivität willen – immer weniger originäre Dinosaurier sind, statt dessen immer bissigere, schnellere, größere Monster. Ihr erstes Opfer ist Bryce Dallas Howard (The Help – 2011; Terminator: Die Erlösung – 2009; Spider-Man 3 – 2007; The Village – 2004). Ihre Rolle der Park-Chefin Claire Dearing ist unter den Federn der zahlreichen Autoren zu Scherben zerschrieben worden. Wir lernen sie kennen als kalte Technokratin des genmanipulierten Freizeitparks. Dann mutiert sie angesichts ihres männlichen Co-Stars, Chris Pratt, plötzlich zum mit den Augen klimpernden Prinzesschen, das sich diesem Retter nach dem ersten Filmdrittel Schutz suchend an den Hals wirft. Im Verlauf der weiteren, naja, Handlung verliert sie komplett die Contenance; nicht aber ihre High Heels, mit denen sie behende durch den Dschungel rennt, während Indominus Rex ihr ihren heißen Atem in den Nacken haucht. Und am Ende geht sie – allen Ernstes – mit ihrem Prinzen ins Licht.

Dieser Prinz, Chris Pratt (Guardians of the Galaxy – 2014; Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft – 2013; Her – 2013; Zero Dark Thirty – 2012; Moneyball – 2011), punktet mit Großer-Bruder-Charme, dem man gerne zwei Stunden zuschaut, wie er 22.000 Menschen vor Saurierhorden in Sicherheit bringt. Glaubhaft ist freilich auch er nicht. Das Gesellschaftsbild, das die Autoren mit diesen beiden Hauptfiguren verströmen, spiegelt den vermufften Charme der Fünfziger Jahre: Er, der kernige Dreitagebart-Typ, der in seiner Freizeit am alten Motorrad herumschraubt (James Dean?) und Alpha-Rüde für Velociraptoren ist. Sie, die der Karriere Familie (und damit Glück) geopfert hat und endlich heimsinkt in die starken Arme des Prinzen.

Aus Personen werden Charakter-Fragmente

Die Dearing-Rolle sieht in ihren Rudimenten noch so aus, als sei diese kaltherzige Park-Chefin im weißen Businesskleid der ursprüngliche Bösewicht gewesen. Da war der Film vielleicht noch dunkler angelegt, nachdem ja Teil 3 schon ein herzerfrischend bösartiger Bestienschocker war. Wahrscheinlich aber wollte dann ein Studio-Executive mindestens einen Kuss im Film haben, der so etwas wie eine Liebesgeschichte voraussetzt und also wurde die Rolle der Park-Chefin angepasst; und dem Film ein neuer Bösewicht aufgesetzt.

Dieser Bösewicht heißt nun Hoskins. Seine Position in der Hierarchie der Insel ist nicht ersichtlich, aber er führt geheimnisvolle Telefonate, besorgt martialisch aussehende Bärtige mit mächtigen Waffen und übernimmt schließlich das Kommando auf der Insel. Vincent D'Onofrio spielt diesen feisten Hoskins („Daredevil“ – TV Serie, 2015; Escape Plan – 2013; Gesetz der Strasse – Brooklyn's Finest – 2009; The Thirteenth Floor – 1999; Men in Black – 1997), dem schon in der ersten Szene auf sein zu eng sitzendes Hemd geschrieben steht: Ich werde gefressen werden. Andere Überraschungen hat auch dieses Abziehbild eines Grobians nicht zu bieten.

Nicht so kaputt geschrieben, aber kaum weniger nervtötend ist Nick Robinson, der den älteren zweier Brüder spielen muss, der selbst angesichts größter Dinoattraktionen sein gelangweilt-pubertäres Geh-mir-nicht-auf-den-Sack-Alter-Gesicht in die Kamera hält, während sein kleiner Bruder – ein wenig autistisch angehaucht – vor lauter Dinos ein ums andere Mal Fassung und Intelligenz fahren lässt. Die beiden sind die Wiedergänger der Kinder aus dem Original von 1993 und können wenig dafür, dass sie schlecht geschrieben sind. Das Studio wollte ganz offensichtlich wieder Kinder ins Zentrum setzen – gut für die Zielgruppe, schlecht für den Film. Von allen Figuren entwickeln sie sich am wenigsten (wenn man gefressen werden oder in die Arme sinken schon als „sich entwickeln“ verstehen möchte).

Wenigstens die Dinosaurier sind State of the Art

Die Dinosaurier immerhin, deretwegen wir ja eigentlich in diesen Film gegangen sind, sind okay. Sie sind lebendig, sie toben sich aus, fügen sich organisch in jede noch so hektische Einstellung ein. Die CGI-Künstler stehen ganz in der Tradition ihrer Vorgänger. Wohl der Kosten wegen hat man aber auch die Schauspieler selbst dann vor einer Green Screen gedreht, wenn im fertigen Film hinter ihnen nur blauer Himmel mit ein paar Wolken zu sehen ist. Das macht die Produktion wahrscheinlich ein paar hunderttausend Dollar günstiger, aber das Bild auf der Leinwand kaputt; zu deutlich setzen sich diese zusammenkomponierten Bilder von schlichten einfachen Aufnahmen ab.

Wahrscheinlich würde sich die Generation, die 1993 gerade zur Welt gekommen ist, in dem Original von damals langweilen, weil das Erzähltempo aus heutiger Sicht behäbig wirkt und die damals noch mit einem Hauch von Sensation versehene Klon-Idee heute niemand mehr aus dem heimischen Fernsehsessel lockt. Die Generation von 1993 hätte aber sicher eine bessere Neuinterpretation für ihren kulturgeschichtlichen Kanon verdient, als dieses seelenlose Machwerk aus Hollywoods Fließbandproduktion.

Wertung: 3 von 8 €uro