Nach Jahrzehnten der TV-Geschichte ist es so weit: Der legendäre Showmaster Falk Anders kündigt seinen Ruhestand an. In unzähligen Sendungen hat er „dem Land den Puls gefühlt“, die Grenzen von Komik und gutem Geschmack ausgetestet und darüber entschieden, wer mitlachen darf und über wen gelacht wird – Letzteres war oft genug: Boris.
Als Sidekick, stets unterlegener Sparringspartner und Trottel vom Dienst blickt Boris auf eine spezielle Karriere im Rampenlicht zurück – aber war es eine, die ihn auf den frei werdenden Chefposten führt? Programmchefin Marianne hat ganz andere Pläne: Auf Falk Anders wird die Influencerin Sara Massoudi folgen, neue Reichweiten, neue Zielgruppen. Oder wird es alles ganz anders kommen?
Plötzlich findet sich Boris im Bentley seines ehemaligen Chefs wieder, irgendwo in den Weiten des deutschen Autobahnnetzes; im Kofferraum eine kostbare Fracht und am Telefon die Programmchefin. Es entspinnt sich ein dramatisches und absurdes Kammerspiel – unter den Augen der Öffentlichkeit …
aus dem Klappentext …
Eine Mediensatire im 21. Jahrhundert gewinnbringend an den Menschen bringen zu wollen, ist ein gewagtes Unterfangen. Medienmenschen sind zynisch. Wissen wir! Medienmenschen gehen über Leichen. Wissen wir! Was soll da noch kommen?
Aber natürlich: Sebastian Hotz ist selbst eine Medienfigur. Als El Hotzo hat er sich auf den gängigen Social-Media-Plattformen mit platten bis satirisch anmutenden Posts eine Fangemeinde erschrieben, und ist über einen pietätlosen Witz über ein Attentat auf Präsidentschaftskandidat Donald Trump gestolpert. Er hat also eine gewisse Expertise rund um Social Media, Shitstorms und jene, die man Medienschaffende nennt und weiß, worüber er schreibt. "Sidekick" ist sein zweiter Roman.
"Sidekick" startet im Schwammigen. Da geht ein Late-Nigh-Moderator in Rente, der einmal in der Woche seine Sicht der Dinge präsentiert. Wo gibt es das heute noch, eine Late Night Skow, die einmal in der Woche ausgestrahlt wird, ihre besten Zeiten zwei Jahrzehnte hinter sich hat und von einem „Denkmal“ moderiert wird, das sich zynisch über die Weltlage auslassen dürfte? Wovon Hotz da schreibt ist die Harald Schmidt Show mit Wetten Dass..?-Einsprengseln. Die ihren Peak alle tief in den 1990ern hatten.
Es gibt so eine Show nicht mehr. Lange nicht mehr. Darin liegt Hotz' Dilemma: Er will eigentlich auch gar nicht auf diesen alten Geschichten herumkauen. Hotz will sich über die neuen Stars der Branche auf YouTube und TikTok lustig machen und dafür erfindet er eine Story, deren Dramatik sich doch sehr an Sidney Lumets Film-und-Fernsehdrama Network (1976) orientiert. Damals instrumentalisierte die Senderchefin ein paar Terroristen als quotenbringende Programmelemente. Bei Hotz formt eine Programmchefin aus einer simplen, strafbewehrten Entführung eine große Medienshow. Damals, 1976, war alles Fernsehen. Heute spielen die Neuen Medien mitten hinein in die alltägliche Erzählverkaufe.
Aber okay: Das ist Boomer-Wissen. Wer später geboren ist, sieht sich dem Drama einer Straftat, die zum Medienereignis wird, vielleicht erstmals ausgesetzt: Eine Nebenfigur aus dem Fernsehen will ins lukrative Zentrum der Aufmerksamkeit und stolpert mitten hinein in diese Aufmerksamkeit. Nur besteht die mittlerweile eben aus Figuren aus ominösen Internetforen, die viele tausend Klicks generieren. Hotz wechselt immer wieder die Perspektiven, bricht aus der Erzählung aus und lässt User im Internet das Geschehen kommentieren, Lokalzeitungen und Feuilletonredakteure schreiben über die Aktion und streiten, ob die Entführung des großen Showmasters schon Aktionskunst ist, oder doch nur ein letztes Gieren nach Aufmerksamkeit und Quote.
Sebastian Hotz hat beim Fernsehen gearbeitet. Er kennt sich aus im Maschinenraum der Gagschreiber und der namenlosen Assistenten. An diesen Stellen ist seine Erzählung ein Quell der Freude, weil er weiß, wie die Lohnschreiber solcher Shows, die sich als verkannte Pulitzerpreisträger verkennen, ticken, wie die Assistenten miteinander reden, um den Chefs zu gefallen. An diesen Stellen ist die Erzählung zum Brüllen komisch. Aber wenn er dann aus der Perspektive eben dieser Chefs erzählt, verliert sich "Sidekick" in anekdotischen Variablen. Programmchefin Marianne etwa klingt wie tausend Programmchefinnen, die uns in anderen Satiren – auch Mediensatiren – vorgesetzt worden sind. Der Senderchef ist eine Floskelgranate. Dafür sind die Internetstars, die im Laufe der Geschichte die Handlung vorantreiben und vermarkten sollen, wieder sehr nah an realen Vorbildern, die alles „super“ und „mega“ finden: „Tamam, Falk Anders, was geht, Digga.“
Und als das Buch dann auf seinen Höhepunkt zusteuert, auf die letzten 50 Seiten, da bleibt der Autor blank. Da passiert nichts mehr, tändelt die Geschichte halt auf ein Ende hin, das in seiner ganzen Plattheit vielleicht nicht exakt so erwartet, aber eben auch nicht erst groß komponiert wurde. Die Leere der Figuren führt dazu, dass einen die Figuren dann einfach kalt lassen.
Mit "Sidekik" erweist sich Sebastian Hotz nicht als der große Erzähler. Aber als einer, der spezielle, eng umrissene Situationen sehr lebendig beschreiben kann.
Ich habe das Buch zwischen dem 30. April und 1. Mai 2026 gelesen. #Urlaubslektüre2026 #LaGomera
Über den Autor:
Sebastian Hotz, geboren 1996, aufgewachsen in Franken, absolvierte ein duales Studium in Wirtschaftswissenschaften in Erlangen/Nürnberg, bevor ihn die Windungen des Internets erst nach Bielefeld und schließlich nach Berlin führten. Seine gesellschaftskritischen Postings werden täglich von Millionen Menschen gelesen. Sein Debütroman "Mindset" war ein Bestseller.
