Peter Schnaubelt entdeckte seine Leidenschaft für das Medium Film als Jugendlicher bei Vorstellungen von "Winnetou" und "Godzilla" in einem Kleinstadtkino der Siebzigerjahre. Als Initialzündung für seine Begeisterung fungierte der Fernsehtrailer zu Spielbergs "Der weiße Hai", der für ihn in einem Alter, als an einen Kinobesuch des Films noch nicht einmal zu denken war, ein ganzes Universum an Möglichkeiten des Geschichtenerzählens und des Sehens auftat.
In seinem Buch "Magische Momente" taucht Schnaubelt nun tief in seinen ganz individuellen Kinokosmos ein. Er hat Essays zu den subjektiv stärksten Szenen quer durch die Filmgeschichte gesammelt; darunter finden sich Klassiker ebenso wie persönliche Entdeckungen, intellektuelles Drama und große Romantik, furchterregender Horror und berührendes Coming-of-Age. Schnaubelts Analysen wecken mit Klarsicht, Ironie und Enthusiasmus Erinnerungen an bereits Gesehenes und Neugier auf Neues.
… aus dem Klappentext …
„Eine Liebeserklärung an die stärksten Szenen des Kinos“ untertitelt Peter Schnaubelt seine Essaysammlung und stellt damit gleich klar, dass hier nicht das Kino als solches besungen werden wird, sondern nur dessen stärkste Leinwandmomente. Da darf man sich nun nicht romantische Einlassungen zu Julia Roberts oder Robert Redford, Betty Davis oder Timothée Chalamet vorstellen. Schnaubelt geht seine Liebe intellektuell an.
An die 200 Filme meist aus der westlichen Kinowelt erweist er seine Referenz auf manchmal nicht mehr als zwei Seiten. Selten lässt Schnaubelt sein "Ich" zu Wort kommen, verbeißt sich allgemeinen persönliche Einlassungen zu den Filmen. Lieber greift er, um ein Gefühl – sein Gefühl im Kinosessel – zu erklären, auf andere Kunstwerke zurück. In "L'Amour" ist es mal Frank Sinatras "Stay with me", der den Abschiedsschmerz im Film bezeugen soll, mal Franz Kafka über den Verfall des Körperlichen. Für "And then we danced" bemüht er den französischen Philosophen Roland Barthes, um die Lebenssituation des Protagonisten zu beschreiben. Bodo Kirchhoff wird herangezogen, um die Liebe von "Romeo und Julia" zu beschreiben. Manchmal driftet er auf die Meta-Ebene ab: Zu Apocalypse Now heißt es über Marlon Brandos Colonel Kurtz: „Freud nannte das Unbewusste das 'Innere Ausland', und in dieser gedanklichen Linie interpretiert Udo Wolten das Reisemotiv in Conrads Erzählung als Verweis auf die Vergeblichkeit der Zuflucht in die Eindeutigkeit eines übersteigerten, abstrakten Selbstideals.“
Warum die Auswahl der Film in diesem Buch ist wie sie ist, bleibt offen. Schnaubelt scheint generalistisch an die Sache herangegangen zu sein, macht sich Gedanken über die Filme, die er in seinem Leben gesehen hat. Nicht ganz klar wird seine Definition der titelgebenden Magischen Momente. Als Magic Moments werden im Allgemeinen Szenen bezeichnet, die über den Film, zu dem sie gehören, hinauswachsen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen im Kopf bleiben, wenn die Erinnerung an den Film dazu verblasst ist. Immer wieder beleuchtet Schnaubelt in einem Kapitel zwei Filme. Da betrachtet er Bonnie und Clyde und Django, die beide zwar ein Kugelhagel verbindet, aber sonst augenscheinlich nicht so viel; oder Frühstück bei Tiffany und Pedro Àlmodowars "La Mala Educacíon", weil in beiden Filmen die Einsamkeit der ProtagonistInnen thematisiert werde. In einem Kapitel "Labore der Gewalt" unterzieht er gleich vier Filme – unter besonderer Beachtung der Werke von Michael Haneke – einer vergleichenden Betrachtung ("71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls", "Bennys Video", "Der siebente Kontinent", "Funny Games", "Funny games U.S.").
Im Bücherregal erschließt sich nicht direkt der Sinn dieses Buches. Es sind mal die klassischen Magic Moments, etwa die Paul Newman Fahrradkunststücke zu Raindrops keep falling on my head, die den Autor antreiben, im Allgemeinen aber philosophische Exkursionen, die er in wiederkehrenden Elementen verschiedener Filme entdeckt. Unbescheiden würde ich andeuten: Das, was ich auf meiner Website hier mit rund 4.000 Filmen mache, nämlich mir Gedanken über dies und das – mal über die Schauspielerei, mal die Filmmontage, mal über den weiteren Sinn eines Films (und das häufig basierend auf Notizen, die ich mir als Heranwachsender einst zu einem Film gemacht habe) – und dies dann ohne Lektorat veröffentliche, konzentriert Schnaubelt auf 200 ausgewählte Filme, nochmal streng lektoriert in Buchform.
Interessant ist diese literarische Annäherung an einzelne Szenen des Kinos. Neben dem Effekt, dass dem Leser verblasste Filme wieder in Erinnerung kommen, macht Schnaubelt auch sichtbar, dass da mehr ist, als Schauspielerinnen, Kamera und Bildschnitt. Auf Schnaubelts liebevoll kuratierten 466 Seiten wird sichtbar, was die Intention eines Autors gewesen sein mag, der zu Beginn des ganzen Filmschaffensprozesses ein Drehbuch verfasst hat. In der modernen Filmproduktion, befeuert durch MARVEL-Filme und Streaming-Portale, werden Autoren mit Geringschätzung behandelt, wird eine Intention als erstes aus dem Buch gestrichen.
Ich habe das Buch in Etappen zwischen 21. August und 18. November 2025 gelesen.
Der Autor:
Peter Schnaubelt wurde 1964 in Krems/Donau geboren. Er studierte an der Universität Wien das Lehramt für Englisch und Geschichte und unterrichtet seitdem an einem Gymnasium im niederösterreichischen Waldviertel. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie journalistische Beiträge zu Themen der Literatur und des Films.
In "Magische Momente" macht sich der Autor auf die Spurensuche nach seiner persönlichen cineastischen Sozialisation und hat in diesem Sinne eine haltlos subjektive Liebeserklärung an für ihn besonders prägende Filmszenen zusammengestellt, eine in die Form von leidenschaftlichen Essays gegossene Hommage an die Magie des Kinos.
