Buchcover: Juli Zeh – Neujahr (2018)

Väter und Söhne im
Überlebensmodus

Titel Neujahr
Autor Juli Zeh, Deutschland 2018
Verlag Luchterhand
Ausgabe E-Book, 192 Seiten
Genre Drama
Website www.penguin.de
Inhalt

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passieren.

Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon.

Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen – etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute …

aus dem Klappentext …

Was zu sagen wäre
Neujahr

Die einfachen Geschichten sind die besten. Das ist eine Binsenweisheit, die man auspackt, wenn man verblüfft wurde. So, wie mit diesem Roman von Juli Zeh. Es geht um verdrängte Erinnerungen, frühkindliche Traumata, das alltägliche Familienleben mit all den grässlichen Kompromissen und drum, wie schnell als das in die Katastrophe münden kann.

Wie immer erzählt Zeh (Leere Herzen – 2017; Unterleuten – 2016) situativ in kurzer Sätzen, impressionistisch aus Sicht eines Protagonisten in der dritten Person. Viel innerer Monolog von Henning auf dem Rad, dem kürzliche Szenen seiner Ehe durch den Kopf spuken und dabei ein Leben skizzieren, das nicht mehr glücklich ist. Währenddessen kämpft er sich ganz real und völlig unvorbereitet auf einem ungeeigneten Fahrrad ohne Wasserflasche eine gewaltige Steigung in Lanzarote hoch. Während sich vor dem lesenden Auge die Frage bildet, warum der das macht, was ihn antreibt, macht die Erzählung eine 180-Grad-Wende und erzählt ein grausiges Abenteuer aus der Kindheit.

Ohne Schnörkel verlässt Zeh ihre Fahrradfahrer-Erzählung, die, wie auch die folgende aus Hennings ganz frühen Jahren ohne Kapitel auskommt. Das gibt dem Text etwas Atemloses, Zwingendes. Das Buch mal wegzulegen, wird, weil man immer mitten in der Handlung steckt, schwer. Als der von Panikattacken, Minderwertigkeitskomplexen und Wassermangel geplagte Protagonist sich gerade nicht noch mehr wundern könnte, erzählt Zeh ab der folgenden Seite die Geschichte der Kleinkinder und Geschwister Henning und Luna und warum sie ein so enge Bindung miteinander haben.

Das ist schwer auszuhalten, den Überlebensmodus eines Fünfjährigen zu erleben, der in glühender Sommerhitze eine zweijährige, Windel tragende Schwester im Schlepptau hat, weil eines Morgens die Eltern verschwunden sind und jetzt die im Ferienhaus verteilten Lebensmittel fachgerecht außer Reichweite von Kinderhänden einsortiert sind, während hinterm Haus in einer Höhle das nur möglicherweise eingebildete Monster lauert. Zeh bleibt eng an ihren Figuren, schweift nicht ab und hat kein Interesse an doppelten Böden, die zur gesellschaftlichen Analyse einladen könnten. Ihr Ziel ist Schrecken, "Neujahr" ist ein deutscher Horrorroman, Zehs Antwort auf Stephen Kings "Das Mädchen": ein Kind alleine gegen die Fährnissen des Lebens, auf das sie noch nicht vorbereitet sind.

Der Roman bietet Überraschungen, dichte Charakterzeichnungen, die mitleiden lassen, Spannungsmomente mit Igitt-Faktor und eine hohe Sprachqualität. Die Geschichte spielt auf der Kanareninsel Lanzarote, als ich das Buch am 2. Mai 2026 lese, befinde ich mich auf der Nachbarinsel La Gomera. Das macht aus der bloßen Lektüre ein geradezu immersives Leseerlebnis. #Urlaubslektüre2026 #LaGomera