Buchcover: Juli Zeh – Leere Herzen (2017)

Ein wunderbares Roman-Setting versandet
in einem polit-aktivistischen Flugblatt

Titel Leere Herzen
Autor Juli Zeh, Deutschland 2017
Verlag Luchterhand
Ausgabe E-Book, 352 Seiten
Genre Drama
Website juli-zeh.de
Inhalt

Sie sind desillusioniert und pragmatisch, und wohl gerade deshalb haben sie sich ‎erfolgreich in der Gesellschaft eingerichtet: Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi. Sie haben sich damit abgefunden, wie die Welt beschaffen ist, und wollen nicht länger verantwortlich sein für das, was schief läuft.

Stattdessen haben sie gemeinsam eine kleine Firma aufgezogen, "Die Brücke", die sie beide reich gemacht hat. Was genau hinter der "Brücke" steckt, weiß glücklicherweise niemand so genau. Denn hinter der Fassade ihrer unscheinbaren Büroräume betreiben Britta und Babak ein lukratives Geschäft mit dem Tod.

Als die "Brücke" unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald sind nicht nur Brittas und Babaks Firma, sondern auch beider Leben in Gefahr …

aus dem Klappentext …

Was zu sagen wäre
Leere Herzen

Kurze Sätze, maximal mit einem Nebensatz angereichert. Kein die Handlung bremsendes Blümchendekor im Text. Viel Dialog, begleitet von Schlucken aus Kaffeebechern oder dem Auswischen von Suppentellern mit Brot. Juli Zehs Schreibstil für diesen Roman ist so kühl, wie die Welt, aus der er erzählt.

Das Buch kam 2017 auf den Markt und erzählt aus der nahen Zukunft des Jahres 2025. Trump und Putin haben sich verbrüdert und den Bürgerkrieg in Syrien beendet sowie Israelis und Palästinensern die Zweistaatenlösung gebracht. Die UNO befindet sich in Auflösung. Nach dem Brexit winken Frexit, Spexit und Free Flandern. In Deutschland ist Angela Merkel abgewählt, Kanzlerin Regula Freyer von der rechtsnationalen Bürgerbewegung BBB und ihre vornamenlose Innenministerin Wagenknecht haben – demokratisch gewählt – die Regierungsgeschäfte übernommen und bauen mit immer neuen "Effizienzpaketen" nach und nach die Grundrechte ab. Die Gesellschaft hat sich in ihre Schneckenhäuser zurückgezogen: „Demokratieverdrossene Nicht-Wähler gewinnen Wahlen, während engagierte Demokraten mit dem Wählen aufhören“, räsoniert Hauptfigur Britta.

Juli Zehs Roman trägt die drängende, anklagende Widmung „Da. So seid Ihr.“ Noch bevor also der Roman beginnt, zeigt sich die Autorin als Getriebene, und als der Roman dann sein Drama entwickelt, wirkt die Erzählung schon mal, wie ein mahnender Leserbrief ans Kanzleramt. Zeh will uns den Spiegel vorhalten. So also sind wir: bildungsbürgerlicher Mittelstand zwischen Zynismus und Idealismus.

Britta ist Teil eines Quartetts. Sie und ihr Mann sowie Brittas beste Freundin Janina mit Mann Knut; beide Paare haben je eine kleine Tochter, die eine genießt eine musische Erziehung, die andere lernt in der Schule Programmiersprachen und spielt zuhause lustige Ballerspiele. Janina und Knut gehen künstlerischen, weitgehend brotlosen Berufen nach und haben sich im mittlerweile geltenden bedingungslosen Grundeinkommen eingerichtet, maximal von oben herab und aus dem Off kommentiert von BFF Britta: „Es liegt nicht an fehlendem Talent oder mangelndem Fleiß, sondern einfach daran, dass Knut kein Gewinner ist. Er ist ein Typ, den seine Freunde versehentlich Kurt nennen.“ Britta betreibt die florierende psychotherapeutische Praxis Die Brücke, von der niemand weiß, was die eigentlich genau für einen Geschäftszweck hat; Brittas Mann dümpelt mit einem Start-Up für Finanztechnologie im Nirwana fehlender Investoren, was Britta unbedingt unterstützt, weil sie so zu Hause die Fäden in der Hand behält: Der Gatte kümmert sich vor allem um Heim und Kind und Britta hat im Beruf ihre Freiheiten. Nach 16 Jahren Merkel hat es die Frau als Ernährerin der Familie zur Hauptfigur eines Romans geschafft.

Sympathisch ist diese Britta nicht. Sie ist weder originell noch auffallend attraktiv, sie pflegt ihren Putzfimmel, ist desinteressiert und schätzt die Mittelmäßigkeit. Auch deshalb lebt sie in Braunschweig. „Braunschweig passt so gut zu Britta, weil man hier irgendwie unter dem Radar fliegt. Gut durchdachte Mittelmäßigkeit, unauffälliges Durchwurschteln. Britta will eine friedliche Existenz für sich und ihre Familie, sie will ihre Arbeit machen, Verantwortung tragen, aber nur für Dinge, die sie anfassen kann. Warum sollte sie sich für den Rest zuständig fühlen? Heutzutage weiß doch niemand mehr, wofür oder wogegen er sein soll.“ Kalt, abschätzig blickt sie auf die Gesellschaft, Prinzipien wie Pragmatismus, Effizienz und Funktionsfähigkeit bilden ihren Kompass. Sie hat aus der depressiven Verzweiflung suizidaler Menschen ein einträgliches Geschäft gemacht. Mit ihrem Geschäftspartner Babak recherchiert sie nach potenziellen Suizidkandidaten und bietet ihnen durch "Konfrontationstherapie" die Chance auf wiederkehrende Lebenslust an. Wenn die Patienten nach einer aufreibenden, maximal zwölfstufigen Prüfung sich immer noch töten wollen, vermitteln Britta und ihr Partner diese an Terrororganisationen oder radikale Umweltaktivisten mit dem Versprechen, mit ihrem Tod noch etwas Sinnvolles zu tun: „Seit dem Durchmarsch der BBB sind die [Terror-]Organisationen geschwächt, ihre Ziele haben an Strahlkraft verloren, sie sind kaum noch in der Lage, eigene Märtyrer zu rekrutieren. Als erster und bisher einziger Terrordienstleister der Republik hat die Brücke die Branche befriedet und stabilisiert. Sie sorgt für das richtige Maß an Bedrohungsgefühlen, das jede Gesellschaft braucht. Und sie hat Babak und Britta ziemlich reich gemacht.“ Als sich dieser Geschäftszweck nach 30 Seiten offenbart, bleibt dem Leser ob des Zynismus' dieser Idee der Mund offen stehen. Ich habe an dieser Stelle beschlossen, anstatt sinnvollerweise schlafen zu gehen, lieber weiterzulesen, weil: Das kann ja was werden mit dieser grandiosen Romanidee.

Wird es nicht.

Es entwickelt sich ein sprachlich schnörkellos inszenierter Thriller um Geheimorganistaionen und einen undurchsichtigen Guido Hatz, der sich als Brittas Schutzengel vorstellt, aber nicht so wirkt, und Britta ein sofortiges Sabbatical nahelegt. Da hat Britta schon erste Indizien, dass Unbekannte ihre Geschäftsidee usurpieren und sie aus dem Weg räumen wollen. Sie beginnt, an ihrem Verstand zu zweifeln und als es einen Toten gibt in ihrem Umfeld, taucht sie unter. Und rettet die Demokratie.

Britta ist eine undankbare Protagonistin. Sie muss die ganze Geschichte auf ihren Schultern tragen und verliert dabei als Charakter sukzessive jede Glaubwürdigkeit. Was vorne als brillante Milieustudie mit messerscharfen Beobachtungen beginnt, endet hinten mit zu Schablonen degradierten Charakteren, die Funktionen erfüllen, damit Britta in innerer Einkehr zu sich selbst und einem besseren Leben findet. Als hätte Juli Zeh unter Druck gestanden, diesen ersten Roman nach dem großen Erfolg von Unterleuten jetzt aber mal – schnell, schnell – in die Buchläden zu bringen. Wo in Unterleuten ein großes Gesellschaftstableau aber aus lauter verschiedenen Blickwinkeln entworfen wird, steht hier immer Britta, die sich von der Teilhabe an der Gesellschaft abwendet, sich aber gleichzeitig um deren Verhasstheit Sorgen macht. Die so zynisch ist, mit Selbstmordattentaten Geld zu machen, und gleichzeitig darunter leidet, dass sich alle in ihre biedere Gemütlichkeit zurückziehen: „Sie malt sich aus, wie ein Sturm der Erneuerung durchs Land fegen wird, der nicht nur die BBB-Elite mit sich reißt, sondern auch deren Anhänger, jene notorischen Nörgler, (…) die sich und ihre kindischen Bedürfnisse über alles stellen. Die ständig fordern, dass sich etwas ändern muss, und durchdrehen, wenn jemand Vorschläge macht. Deren Undankbarkeit nur von ihrer Egozentrik übertroffen wird, sodass sie in der Lage sind, noch im Zustand größtmöglicher Saturiertheit alle anderen zu beneiden. Deren größte Freude in anonymer Gehässigkeit liegt. Jener Bodensatz aus schlecht gelaunten Postdemokraten, die erfolgreich dabei sind, die größte zivilisatorische Errungenschaft der Menschheitsgeschichte ihren persönlichen Minderwertigkeitskomplexen zu opfern. Zur Hölle mit ihnen!“ Hat man zwischendrin schon immer wieder mal Schwierigkeiten Brittas ausufernde Ansichten über Menschen und Politik nicht zu verwechseln mit einem aktivistischen Flugblatt der Autorin Juli Zeh, bricht das Konstrukt des Buches im letzten Drittel endgültig auseinander.

"Leere Herzen", eine Parabel auf eine in Gleichgültigkeit und Passivität versinkende Gegenwartswelt, mangelt es an einem Kern, der die vielen Versatzstücke der Geschichte zusammenhält. Es geht um Politikverdrossenheit, Terrorismus, den Sinn des Lebens, Cyberkriminalität, Geheimdienstmachenschaften, ein bisschen um Medien, um Lebensmodelle und politische Bildung. Die messerscharfe Milieustudie endet in einer durchkonstruierten Polit-Satire: „Vor ein paar Jahren gab es eine Umfrage“, sagt Britta. „Die Leute wurden gefragt, was sie tun würden, wenn sie sich zwischen dem Wahlrecht und ihrer Waschmaschine entscheiden müssten. Siebenundsechzig Prozent wählten die Waschmaschine. Fünfzehn Prozent waren unentschieden.

So sind wir also? Hier ist die Punchline die Mutter des Gedanken. Aber gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Ich habe "Leere Herzen" am 29. und 30. Oktober 2025 gelesen.