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Plakatmotiv: Spider-Man – No way Home (2021)

Der Film ist das zynische Produkt
eines seelenlosen Vertragspokers

Titel Spider-Man – No way Home
(Spider-Man: No way Home)
Drehbuch Chris McKenna & Erik Sommers
nach den Comics von Stan Lee & Steve Ditko
Regie Jon Watts, USA, Island 2021
Darsteller

Tom Holland, Zendaya, Jacob Batalon, Benedict Cumberbatch, Jon Favreau, Marisa Tomei, Tobey Maguire, Andrew Garfield, Benedict Wong, Alfred Molina, Jamie Foxx, Willem Dafoe, Thomas Haden Church, Rhys Ifans, J.K. Simmons, Tony Revolori, Angourie Rice, Jorge Lendeborg Jr., J.B. Smoove, Hannibal Buress, Martin Starr, Paula Newsome, Arian Moayed, Charlie Cox, Tom Hardy u.a.

Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 148 Minuten
Deutschlandstart
15. Dezember 2021
Inhalt

Nachdem J. Jonah Jameson Peter Parkers Geheimidentität Spider-Man in die Öffentlichkeit geblasen hat, kann Peter nicht mehr unerkannt durch die Straßen New Yorks gehen. Überall lauern neben Fans auch Gegner und die Presse, die es auf ihn abgesehen haben.

Quentin Beck alias Mysterio, der Drahtzieher hinter den vergangenen Ereignissen, und Jameson, der Krawall-Journalist, behaupten, dass Spider-Man ein Mörder sei. Viele glauben diesen medial verbreiteten Lügen. Um wieder ein Stück Normalität in sein Leben zu holen – und in das Leben seiner Freunde MJ und Ned – wendet sich Peter in seiner Not an einen magischen Kollegen: Doctor Strange soll dafür sorgen, dass die Welt vergisst, wer unter der Spider-Man-Maske steckt …

Was zu sagen wäre

"Homecoming" nannten die Marvel-Studios ihren ersten Spider-Man-Film mit Tom Holland. Ein inhaltsleerer Titel – Spider-Man kam von nirgendwo nach Hause – der erst auf der Meta-Ebene Sinn ergab. Marvel feierte die Heimkehr ihres Comic-Top-Sellers ins eigene Cinematic-Universe (MCU). Der zweite Film hieß dann Far from Home (2019), was zumindest insoweit passte, weil Peter Parker und seine Freunde sich auf Klassenfahrt in Europa aufhielten. Der aktuelle Film nun heißt "No way Home" und ist das zynische Produkt eines Vertragspokers, in dem es um geneidete Erfolge, pingelige Dollaranteile und gar nicht um eine interessante Geschichte geht. Spider-Man kehrt nicht heim. Heim ins MCU. Er geht zurück zu Sony. Er hat da noch Vertrag, wie es im Fußballdeutsch heißt.

Rückblick: Als Marvel noch ausschließlich ein Verlag für Comichefte war, verkaufte es die Lizenzen an etablierten Figuren an Filmstudios. Die Fantastic Four und die X-Men beispielsweise gingen an die 20th Century Fox, Spider-Man landete bei Sony. Und wurde da nie recht glücklich. Die Verfilmungen (s.u.) mit Tobel Maguire blieben stets unter ihren Möglichkeiten – im Inhalt wie an der Kinokasse. Auch ein Reboot 2012 mit Andrew Garfield in der Titelrolle blieb hinter den Erwartungen. Mittlerweile hatte Marvel selbst ein Filmstudio gegründet und mit Iron Man oder Thor gezeigt, dass der Comicverlag ein gutes Händchen für den Erfolg seiner Charaktere hatte – inhaltlich genauso wie, vor allem, an der Kinokasse. Sony ließ sich daraufhin auf einen Deal ein und lieh Marvel die Spider-Man-Lizenz zurück für einen einen Gastauftritt bei Captain America: Civil War sowie zwei Spider-Man-Filme für sein MCU. Sollte der zweite Film Far from Home mehr als eine Milliarde Dollar einspielen, hieß es in dem Vertragspoker unter anderem, dürften die Marvel-Studios einen dritten MCU-Spider-Man-Film produzieren. Dann ging, nachdem "Far from Home" die Eine-Milliarde-Dollar-Grenze an der Kinokasse geknackt hatte, das Gefeilsche los. Sony verlängerte zunächst gegen die Absprache die Leih-Lizenz nicht und als sie es schließlich doch taten, wollte Marvel eine gleichgewichtige Gewinnaufteilung, und Sony sollte mehr Geld in die Produktion schießen. Daraufhin kündigte Sony zwei eigene Spider-Man-Film mit Tom Holland an und im Zuge dessen klappte es dann mit einer Einigung beider Player. Das Ergebnis ist nun "No way Home".

Die Autoren Chris McKenna und Erik Sommers mussten für diesen Film den Spagat schaffen, einerseits einen Schlusspunkt des MCU-Spider-Man zu setzen, gleichzeitig aber dem Marvel Cinematic Universe mit diesem Film einen neuen Impuls zu geben – die Marvel-Quadratur des Sony-Kreises sozusagen.

Achtung: Spoiler

Weil das eigentlich nur schief gehen konnte, dachten sich die beiden Spider-Man-erfahrenen Autoren sowas wie Scheiß drauf und schmissen alles bisher Dagewesene in einen Topf, die beiden alten und den neuen Spider-Man samt aller ihrer Gegner aus den Filmen seit 2002, und rührten kräftig durch. Das Ergebnis verkaufen sie jetzt als jenes tatsächlich existierende "Multiversum", das sich im Vorgängerfilm Quentin Beck aka "Mysterio" noch lediglich als eigene Originstory ausgedacht hatte und das der Streamingdienst Disney+ im zurückliegenden Sommer in seiner Trickfilmserie "MARVELS What if ..?" ein bisschen tiefer beleuchtet hatte. Das Multiversum ist, einfach gesagt, unser Universum in zahllosen Alternativvarianten; jede Ja-Nein-, jede Rechts-Links-Entscheidung in jedem Universum führt zu einem weiteren Universum. Und so kommt nun Sonys erster Spider-Man, gespielt von Tobey Maguire, samt seinen Gegnern Green Goblin, Sandmann und Doctor Octopus aus Universum C, Sonys zweiter Spider-Man, gespielt von Andrew Garfield, samt seinen Gegnern Electro und Lizard aus Universum B und der aktuelle Tom-Holland-Spider-Man aus Universum A – wobei die Typenbezeichnungen A, B und C hier lediglich zur bessern Unterscheidung von der Redaktion gesetzt sind, im Film sind es einfach parallel existierende Universen ohne alphabetische Einordnung. Und was haben diese Figuren nun alle plötzlich im MCU verloren?

Die Erfindung des Magiers Doctor Stephen Strange durch Stan Lee und Steve Ditko im Jahre 1963 ist für die Drehbuchautoren der Marvelfilme seit dessen erstem Kinoauftritt 2016 ein Glücksfall. Nachdem Krawalljournalist J. Jonah Jameson im vorherigen Far from Home aller Welt Spider-Mans Geheimidentität verraten hat, geraten Peter Parker sowie Tante May und die Freunde MJ und Ned in Teufels Küche. Überall lauern Reporter mit Fernsehkameras, die ihnen Fragen ins Ohr schreien, Autogrammjäger und Superhelden-Ablehner werden ständige Begleiter, auch das FBI hat einige Fragen. Das schütteln unsere sympathischen Figuren aber locker ab. Schlimm wird es erst, nachdem das renommierte MIT die Bewerbungen der Spitzenschüler Peter, MJ und Ned für je einen Studienplatz aufgrund der aktuellen Vorkommnisse ablehnt. Jetzt wendet sich Peter kurz entschlossen an Doctor Strange. Der Magier solle bitte die Welt vergessen machen, dass Peter der Spinnenmann ist.

Und damit endet dann die Filmerzählung. Was noch folgt ist ein bunter Quatsch aus Action, CGI und, ja, tatsächlich „Aus großer Kraft erwächst große Verantwortung“, der nicht einmal Respekt für seine Hauptfiguren aufbringt. Peter wird als naiver Teenager mit Supermoral inszeniert (er will die Schurken nicht in deren Universen zurückzaubern, weil sie dort unmittelbar vor ihrem jeweiligen Tod im Kampf gegen Spider-Man wieder ankommen würden – und das wäre ja nicht okay), Doctor Strange, der immer auch unterhaltsame Momente bot, aber stets die Contenance des besser wissenden Magiers wahrte, gerät zur grellen Karikatur eines Feierabendzauberers beim Kindergeburtstag, der seine Souveränität verloren hat. Die Kampfszenen, die neben dem pubertierenden Herzschmerz des Titelhelden bei Spider-Man meist die zweite Geige spielen, bestehen aus Blitzen, Echsen, Kobold-Gelächter und einem Sandmann, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er gut oder böse sein will. Die drei Peter Parkers witzeln derweil über Samenstau und Potenzstörungen, weil der älteste (Tobey Maguire) sein Netz noch nicht aus selbstgebauten Düsen, sondern direkt aus seinen Venen schießt, und ob das denn jederzeit zuverlässig gelinge oder ob er da Pausen brauche. Dazwischen klappt Manhattan seitwärts und aufwärts zusammen und ineinander, wie wir das schon aus Inception von 2010 und natürlich aus Marvels Doctor Strange (2016) kennen – nichts Neues also auch mit der Spiegelwelt. Lediglich der erste große Auftritt des Otto Octavius aka Doc Octopus drückt die Zuschauer ein bisschen wenigstens in die Kinosessel. Doc Ock war schon 2004 ein Hingucker, 17 CGI-Entwicklungsjahre später strahlt die Figur mit ihren vier metallenen Tentakeln endgültig die pure Dynamik aus; der Typ wirkt echt gefährlich!

Gespielt wird Doc Ock wieder von Alfred Molina. ebenso wie auch Green Goblin (Willem Dafoe), Electro (Jamie Foxx), Sandmann (Thomas Haden Church) und die Echse (Rhys Ifans) von ihren damaligen Darstellern gespielt werden. Was ein melancholisches Gefühl in der B-Note hätte werden können, wenn die einzelnen Superschurken dann wenigstens für zwei Sätze eigenständige Erzählungen böten und nicht nur Prügelknaben auf dem Bosslevel wären, bleibt in der bunt angemalten Inhaltsleere dieses Films ein schaler Geschmack.

Am Ende haben alle nicht nur Peters Parkers Geheimidentität vergessen, sondern auch Peter Parker selbst. Damit sind filmpolitisch alle Fäden zum MCU-Spider-Man, der mit von Tony Stark entwickelten Anzügen und Gadgets durch Manhattan schwingt, abgeschnitten. Im letzten Bild schwingt er wieder im selbstgenähten, rot-blauen Kostüm durch die Stadt, wie er das schon zu Sonys Zeiten getan hat. Peters Freunde MJ und Ned können bei Sony weiter eine Rolle spielen. Oder auch nicht. Das werden wahrscheinlich erst die Vertragsverhandlungen mit den beiden Schauspielern Zendaya und Jacob Batalon weisen; andernfalls kann Sony ja auch Gwen Stacy wieder ausgraben, die es bei Tom Hollands Spider-Man noch nicht gibt. Und für die nahe Zukunft des MCU hat Doctor Strange mit seinen wirren Zaubersprüchen in diesem irren Film soviel Chaos angerichtet, dass auf ihn im kommenden Frühjahr The Multiverse of Madness und auf weitere Marvel-Helden Marvel-Figuren aus jenen zahllosen anderen Universen warten.

Spoiler aus

Fazit: Sony hat Spider-Man zurück und kann einen weiteren Versuch starten, mit ihm Kasse zu machen. Marvel kann auch weiter plausibel an seiner alles in allem erfolgreichen, jetzt 13 Jahre dauernden Kinoserie stricken. Und so ist beiden Studios wirtschaftlich gedient. Wer braucht da noch eine spannende, zu Herzen gehende, melancholische oder euphorische Geschichte?

Wertung: 2 von 8 €uro
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